Monaco: Vettel holt ersten Ferrari-Sieg seit 2001

Monaco: Vettel holt ersten Ferrari-Sieg seit 2001

"Wie eine Handgranate": Das Profil des Killers

Dachau - Er gewann 125.000 Euro im Lotto, seine Firma ging trotzdem pleite. Vor den Schüssen trank er zwei Halbe. Die tz zeichnet das Profil des Killers von Dachau nach.

Die Bluttat von Dachau – sie ist ebenso tragisch wie bizarr. Wie kam es zu dem Kurzschluss im Kopf des Killers? Wie geladen und enthemmt muss ein Mensch sein, wenn er wegen einer Bewährungsstrafe einen Staatsanwalt erschießt? Und vor allem: Hätte man irgendwie ahnen können, dass Rudolf U. sogar zu einem Mord fähig sein würde?

Lesen Sie auch:

Killer von Dachau: Die tz auf Spurensuche

Opfer von Dachau: Tilman T. war ein Einser-Schüler

Merk: "Mir zerreißt es das Herz"

Todesschütze wird psychiatrisch untersucht

Todesschütze war aggressiv und gereizt

Trauer um den beliebten Musterschüler

Fragen, auf die es bislang keine Antwort gibt. Ehemalige Geschäftspartner, Angestellte, Nachbarn und Bekannte – allesamt vereint in einem Reigen der Ratlosen: „Man kann ja nicht in einen Menschen hineinschauen“, sagt einer, der beruflich öfter mit U. zu tun hatte. „Ja mei, er war schon immer ein schwieriger Typ. Wenn er etwas nicht einsehen wollte, musste man mit Engelszungen auf ihn einreden, damit er sich wieder beruhigt. Aber dass er einmal so weit geht – unfassbar!“

„Schwierig“ – so klingt die diplomatische Beschreibung seines kruden Charakters. Andere, die „den Rudi“ mal so richtig in Rage erlebt haben, zeichnen ein drastischeres Psychogramm: „Er ist wie eine entsicherte Handgranate“, erinnert sich Manfred J.

Rudolf U. wird abgeführt

Der 52-Jährige hat als Lkw-Fahrer in Rudolf U. Spedition gearbeitet – bis er die Ausraster seines Chefs nicht mehr aushielt: „Er hat herumgeschrien, uns Mitarbeiter beschimpft und unter Druck gesetzt. Wir mussten regelmäßig mit schrottreifen Lastern von Niederbayern bis nach Italien fahren. Dorthin haben wir BMW-Teile zur Weiterverarbeitung gebracht. Manchmal saß ich 70, 80 Stunden fast ohne Pause am Steuer.“

Wer nicht spurte, über den brach der Zorn des Chefs herein. „Ruhe hat er erst dann gegeben, wenn ein Fahrer am Rande des Zusammenbruchs war“, berichtet Manfred L. In Rudolf U.s Büro in Karlsfeld sollen „regelrecht asoziale“ Verhältnisse geherrscht haben. Wenn L. zum Rapport musste, baute sich der Unternehmer schon mal in der Unterhose vor ihm auf.

Manchmal zeigte der Killer aber auch ein anderes Gesicht. Eine Bäckerei-Verkäuferin berichtet, dass Rudolf U. immer so nett winkt, wenn er an ihrem Laden vorbeiläuft. Und ein weiterer Nachbar erzählt: „Er grüßt immer recht freundlich.“ Vor einem halben Jahr ist er in eine behindertengerechte Wohnanlage in Dachau eingezogen. Arbeiten konnte er schon lange nicht mehr, nach einem Schlaganfall litt er an Lähmungserscheinungen. Wohl auch eine Folge seines Lebenswandels – phasenweise soll Rudolf U. weit über 200 Kilo auf die Waage gebracht haben.

Die Firma ging schon vor einigen Jahren in die Insolvenz – und das, obwohl der Inhaber bei Lotto 125 000 Euro abgeräumt hatte. Er hat zwar viel Geld gewonnen, aber zunehmend die Beherrschung verloren: „Er hat sich über alle möglichen Leute empört“, weiß sein Nachbar, „oft hat er dann gesagt: Denen zeig’ ich’s!“ Es ist leider nicht bei der leeren Drohung eines Cholerikers geblieben.

Jacob Mell, Andreas Beez

Vom Glücksritter zum eiskalten Killer

Das Glücksrad beim Bayernlos blieb bei 125 000 Euro stehen. Am 4. November 2004 strahlte Rudolf U. bei der Lotto-Sendung im Bayerischen Fernsehen. Er hatte gerade den maximalen Gewinn abgesahnt. Ein saftige und willkommene Geldspritze für den klammen Transportunternehmer, der mit seiner Firma offenbar in finanzielle Schieflage geraten war. Wegen Sozialversicherungsbetrugs stand er jetzt vor Gericht, 44 000 Euro hatte er hinterzogen. Der Richter verurteilte ihn zu einem Jahr auf Bewährung. Dann zückte er die Waffe. Der Glücksritter wurde zum eiskalten Killer!

Hier trank Rudolf U. vor der Tat zwei Halbe Bier

Die Sonne strahlt leuchtend durch die großen Fenster aus dem Park herein. Für die Restaurantleiterin des Dachauer Schlosscafés Vicki Kisperth (33) aber ist der Tag nach dem Mord an Staatsanwalt Tilman Turck (31) sehr düster. Sie deutet auf einen Stuhl. „Hier hat der Verhaftete kurz vor der Tat gesessen.“ Wahrscheinlich hatte er da schon die Pistole bei sich. „Mir ist ganz übel wegen dieses Gedankens.“

Es ist kurz vor 13 Uhr, als sich Rudolf U. (54) auf Krücken in das Café gleich neben dem Amtsgericht schleppt. Neben ihm seine Anwältin Petra D. In dem festlichen Saal sitzen zu dieser Zeit eine Mutter mit Kind und ein älteres Ehepaar. „Der Mann war von Anfang an sehr laut und hat gegenüber der Anwältin geschimpft“, erinnert sich Kisperth. Immer wieder sei das Wort „Richter“ gefallen.

Rudolf U. schimpft sich in Rage – so dass sich schließlich die Dame am anderen Tisch beschwert. Kisperth: „Eigentlich sollte meine Kollegin den Mann zurechtweisen. Aber sie hat sich nicht getraut, weil er sehr wirr wirkte.“ Also muss die Chefin ran. „Als ich beide gebeten habe, sich an einen anderen Tisch zu setzen, hat der Mann mich gar nicht beachtet. Seiner Anwältin war das Ganze unangenehm.“ Der Mann habe zwei Bier getrunken. Um 14.30 Uhr verlassen beide das Café. Eineinhalb Stunden später erschießt der Gast nebenan im Gerichtssaal des Amtsgerichtes den Staatsanwalt.

Einen Tag später liegt ein Gesteck mit weißen Rosen und schwarzem Band und eine rote Rose vor der Gerichtstür. An der Tür hängt ein Zettel, der daraufhinweist, dass alle Verhandlungen in dieser Woche entfallen. Drinnen stehen die Kollegen des Mordopfers in kleinen Grüppchen zusammen. Sie dürfen sich gegenüber der Presse nicht äußern. Aber ihnen ist ohnehin mehr nach Schweigen zumute.

Auch in der Dachauer Altstadt herrscht Fassungslosigkeit. Schon in der Früh waren alle Zeitungen am Kiosk vergriffen. In der Gasstätte „Kochwirt“ schwirren immer dieselben Fragen im Raum herum: „Wie kann jemand so etwas tun?“, „Der Staatsanwalt war doch noch so jung. Wie soll seine Frau das verkraften?“, „Wie kann so etwas in unserem kleinen Dachau passieren?“ Auch Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) ist bestürzt. „Es ist tragisch, dass ein junger Mensch bei der Ausübung seines Berufs gestorben ist. Da fehlen einem wirklich die Worte.“

Vicki Kisperth wird vorerst nicht mehr unbefangen im Schlosscafé arbeiten können. „Hier kommen ja öfter Leute vor oder nach einer Verhandlung her, die sehr aufgebracht sind.

Nina Bautz

Bilder vom Tag danach

Dachau am Tag nach dem schrecklichen Verbrechen

Bluttat in Dachau: Staatsanwalt (31) stirbt

Bluttat in Dachau: Staatsanwalt (31) stirbt

Rubriklistenbild: © Chymyn

Auch interessant

Meistgelesen

Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Abi-Prüfungen fanden statt
Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Abi-Prüfungen fanden statt
Pietätlose Beileidsbekundung: Ärger über anonymes Schreiben mit Flyer
Pietätlose Beileidsbekundung: Ärger über anonymes Schreiben mit Flyer
Bootsfahrt auf der Würm: Student rammt sich Holzstange in die Brust
Bootsfahrt auf der Würm: Student rammt sich Holzstange in die Brust
Auf der A9 im Kreis Freising: Sehr seltener Goldschakal überfahren
Auf der A9 im Kreis Freising: Sehr seltener Goldschakal überfahren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion