Familie verloren - an Rollstuhl gefesselt

Alex T. (40): Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen?

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Alexander T. (40) heute im Wohnzimmer in Baierbrunn. Er ist gelähmt, der Computer ist das Tor zur Außenwelt.

München - Alexander T. hat bei einem Autounfall Frau und Kind verloren, im Urlaub verunglückte er schwer und sitzt seitdem im Rollstuhl. Viele so genannte Freunde meiden ihn - wie hält ein Mensch das aus?

Auf den Fotos Ende 1997 strahlt Alexander T. (40). Er führt eine glückliche Ehe, hat einen kleinen Sohn, seine Bärbel ist wieder schwanger. Im Job läuft’s super, bei der Feuerwehr in Baierbrunn hat er Kumpels, auf die er zählen kann.

Heute sitzt T. im Rollstuhl. Seine erste Frau und der Sohn liegen auf dem Friedhof im Ort. Er darf nicht mehr arbeiten, viele alte Freunde meiden ihn. Sein größter Wunsch aber ist: „Ich will wieder leben!“ Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Das ist die unfassbar tragische Geschichte von Alexander T.

Erste Frau und Sohn verunglücken

Alex' Sohn Philipp mit ein paar Monaten.

1993: Die erste große Liebe. Drei Jahre darauf die Hochzeit. Über hundert Gäste feiern das junge Glück in der Dorfkirche. Am 6. April 1997 kommt Philipp zur Welt. Bald darauf ist Bärbel wieder schwanger. „Ich dachte, dieses Glück bleibt mir ein Leben lang“, erinnert sich Alexander. Am 5. Januar 1998 wird er von seinem Feuerwehr-Piepser aus der Nachtruhe gerissen. „Ich habe noch geschlafen, weil ich Schichtdienst hatte. Meine Frau und mein Sohn waren in der Früh zum Frauenarzt nach Höhenrain aufgebrochen.“
T. rückt mit seinen Kollegen aus: Es hat einen schweren Unfall auf der eisglatten B11 gegeben. Am Unfallort angekommen, ändert sich sein Leben schlagartig: „Meine Frau hing aus dem zerbeulten Auto raus. Mein Bub lag auf der Straße. Sie versuchten, ihn zu reanimieren.“ Vergeblich. Seine schwangere Frau und sein neun Monate alter Sohn sind tot. Die Kollegen sperren das Gelände ab. Alexander soll in Ruhe von seiner Familie Abschied nehmen. Dann fährt der Leichenwagen vor.

Gelähmt nach Unfall im Urlaub

Danach herrscht nur noch Leere und Stille in seinem Bauernhäuserl. Er betäubt seinen Schmerz mit Arbeit als Kraftwerker im Heizkraftwerk Süd bei den Stadtwerken. „Ich habe gleich bei der Feuerwehr weitergearbeitet“, erzählt er. „Wenn ich an eine Unfallstelle kam, habe ich die Gefühle weggesperrt.“ Der Witwer baut sich einen Panzer auf. Sein einziger Trost ist Berner-Sennenhund Rusty.

Genau in dieser Phase im Jahr 1999 trifft T. die Schwester einer Klassenkameradin wieder. Sie sprengt seinen Panzer. Die beiden heiraten. Bis 2006 bekommen sie drei Töchter. „Ich konnte dieses zweite Glück kaum fassen.“

Aber auch das währt nicht lange. Im Mai 2009 fährt die Familie in den Urlaub nach Kroatien. Nach acht Stunden ist für T. alles vorbei. „Ich war voller Vorfreude – und wollte vom Beckenrand in den Pool springen.“ Aber er rutscht aus, fliegt mit dem Genick auf eine Kante. Die Kinder schreien! Der Papa treibt reglos im Becken, das Wasser ist voller Blut!

Beim Familienvater aus Bayern ist der fünfte und sechste Halswirbel gebrochen. Viel zu spät bekommt er eine Halskrause, die Helfer überstrecken ihn versehentlich. „Ich hatte große Panik. Ich habe meinen Körper nicht gespürt und keine Luft bekommen.“ Er ist vom Hals ab querschnittsgelähmt.

Alexander kämpft. Er rackert sich in der Murnauer Unfallklinik und der Reha ab – bis sich seine Arme wieder bewegen! „Klar bin ich zwischendrin verzweifelt, aber ich musste mich damit abfinden.“ Was ihm viel mehr zu schaffen macht: „Ich merkte, wie der Unfall meine Familie verändert. Meine Frau war mit der Situation völlig überfordert.“ Es kommt immer öfter zu Reibereien bei den Eheleuten. Im September 2010 zieht die Frau mit den Töchtern aus dem Haus aus. „Da ist die Welt für mich zusammengebrochen.“ T. geht monatelang nicht aus den eigenen vier Wänden, er hat keinen Lebensmut mehr.

Die soziale Ausgrenzung

Langsam rappelt sich T. wieder auf. Er fährt mit seinem Rollstuhl auf die Menschen zu – und gegen eine Mauer der Ablehnung. „Manche haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich gesehen haben. Bis auf zwei treue Freunde haben sich alle abgewendet.“

T. will wenigstens wieder arbeiten. „Ich hatte das Gefühl, daheim verrückt zu werden. Außerdem war die Arbeit mein Traumjob.“ Der Kraftwerker wird getestet – und für arbeitsunfähig erklärt. Die SWM sagen hierzu: „Wir hätten Herrn T. gerne weiterbeschäftigt, aber der Rententräger hat sich dagegen entschieden.“ T. kann das nicht verstehen: „Ich könnte doch einen Büro-Job machen!“ In diesem Jahr stirbt auch sein geliebter Hund Rusty.

FC Bayern-Spiele, das Internet, der Fernseher, seine Aquarien und Kanarienvogel Putzi: T. ist kaum etwas geblieben. „Das Schicksal schlägt beim einen weich zu, beim anderen hart. Bei mir hat ein Diamant zugeschlagen“, sagt er. Bei diesen Worten schluckt Alexander, er blinzelt, um die aufkommenden Tränen zurückzuhalten.

Glücklicherweise sieht der Vater seine Töchter regelmäßig. An den Tagen, an denen er alleine ist, büffelt er für sein Energiewirtschaft-Fernstudium. „Ich wünsche mir sehnlichst, dass ich dieses Wissen eines Tages wieder im Job einbringen kann.“

Viele Menschen, die von Alexanders Geschichte hören, können nicht glauben, dass dieser Mann nach so viel Leid noch Lebensmut hat. Er sagt darauf: „Ich habe so viel gekämpft in meinem Leben – das kann doch nicht alles umsonst gewesen sein.“

Nina Bautz

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