Wirbel um lebendigen Toten

Kirchseeon - Erst ist er tot. Dann öffnet er dem Rettungsdienst die Tür. Und dann bekommt der 44-Jährige mächtig Ärger mit der Polizei. Dieses Wunder der Auferstehung wurde nun vor dem Ebersberger Amtsgericht aufgeklärt.

Peter L.* ist quicklebendig, als er für tot erklärt wird. 26. Juni 2010: Peter L. ist tot. Verstorben in seiner eigenen Wohnung. Der Rettungsdienst, der diese traurige Nachricht durch einen Anruf bekommen hat, rückt an. Und Peter L. öffnet ihm die Tür. Höchstpersönlich. Verdutzte Gesichter. „Die haben mich gefragt, wie es mir geht“, erinnert er sich. Es geht ihm prächtig. Deswegen bekommt er daraufhin mächtig Ärger mit der Polizei. „Das war ein Zirkus hoch drei.“ Nun erfuhr der 44-Jährige vor Gericht, wer ihn für tot erklärt hatte.

Auf der Anklagebank des Ebersberger Amtsgerichts saß Manfred V.*, 51, der den Notruf getätigt hatte. Der Vorwurf: Missbrauch des Notrufs. Vor Gericht erklärte Manfred V., warum er zum Telefonhörer gegriffen hatte.

Die Notsituation: Manfred V. hängt am Kirchseeoner Bahnhof ab. Dort trifft er seinen Freund, Sigmund K.* Sie begrüßen sich, schütteln sich die Hand. Dann überbringt Sigmund K. dem Angeklagten die Schreckensbotschaft: „Der Peter ist tot.“ Bereits seit mehreren Tagen habe er ihn nicht mehr kontaktieren können. „Zumindest muss es ihm sehr schlecht gehen“, so Sigmund K.

Manfred V. bekommt Herzklopfen. Durch seine Gedanken ziehen ähnliche Notfälle. Er denkt an Leute, denen er schon das Leben gerettet hat, wie dem blutenden Mann, der aus dem Gebüsch sprang. Er will eingreifen. „Jede Minute zählt jetzt“, denkt er, rennt zur nächstgelegenen Telefonzelle, ruft den Rettungsdienst. „Ich war von dem Notfall überzeugt“, sagte er vor Gericht. „Mit so etwas macht man doch keinen Spaß.“

Aber hatte sich Sigmund K., der in Hausschuhen und sichtlich alkoholisiert in den Gerichtssaal wankte, tatsächlich einen üblen Scherz erlaubt? „Ich hatte Peter seit drei Tagen nicht gesehen“, sagte er auf der Zeugenbank. Mit seinem Zweitschlüssel habe er schließlich mehrmals versucht, in dessen Wohnung zu gelangen. Aber die Tür war von innen abgeriegelt. „Ich dachte, dass da was nicht stimmt.“ Da er schon einmal von der Polizei abgewiesen worden war, habe er Manfred V. mit dem Notruf beauftragt.

„Ja, ich habe mich tot gestellt“, gestand Peter L. schließlich. Zuvor hatte er sich mit Sigmund K. ordentlich gezofft, er wollte seine Ruhe haben, riegelte die Haustür von innen ab. Als Sigmund K. mit ihm reden wollte, dachte er sich „leck mich am Schuh.“

Amtsrichterin Susanne Strubl sprach den Angeklagten frei. „Ich glaube, dass alles auf einem Missverständnis beruht.“ Manfred V. wollte niemandem Ärger bereiten, er habe aus bestem Wissen und Gewissen gehandelt. „Der Staat möchte Bürger wie Sie haben“, sagte die Richterin. Bürger, die eingreifen und helfen.

* Name geändert

Von Marlene Kadach

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