"Sie haben mein Leben ruiniert"

Bewegende Worte der Witwe des Staatsanwalts

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„Ein großartiger Mensch“: Das Sterbebild von Staatsanwalt Tilman T. bei der Trauerfeier. Der Einser-Jurist wollte einmal Richter werden.

Dachau - Im Dachauer-Mordprozess haben sich die Angehörigen des Opfers mit emotionalen Worten an den Angeklagten gewandt. Die Staatsanwaltschaft verlangt lebenslange Haft.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören im voll besetzten Schwurgerichtssaal, als die Witwe des ermordeten Staatsanwalts Tilman T. das Wort ergriff. „Tilman war der wunderbarste Mensch, den ich je kennenlernen durfte“, sagte Gretchen T. mit den Tränen kämpfend. Dem Angeklagten Rudolf U. rief sie zu: „Sie haben ihn mir genommen. Sie haben ihren Ärger an einem Menschen ausgelassen – einem Mann, der immer nur das Gute im Menschen sah.“

Einser-Student Tilman T. hatte sein Gretchen in New York kennengelernt, als er dort an seiner juristischen Doktorarbeit schrieb. Die beiden gaben sich in den USA auch das Ja-Wort und schmiedeten Pläne. Seiner Mutter schrieb er: „Wir freuen uns riesig auf unsere Zukunft in München.“

An jenem 11. Januar, als der 55-jährige Rudolf U. am Amtsgericht Dachau die tödlichen Schüsse abfeuerte, war der 31 Jahre alte Staatsanwalt Tilman T. für einen erkrankten Kollegen eingesprungen. Er war Zufallsopfer – ein Opfer der Rachsucht des gescheiterten Transportunternehmers Rudolf U., der auch den Richter Lukas N. erschießen wollte. Dieser konnte noch rechtzeitig in Deckung gehen.

Bluttat in Dachau: Staatsanwalt (31) stirbt

Der Todesschütze vom Dachauer Amtsgericht im Gerichtssall.

Von zwei Kugeln getroffen, verblutete Tilman T. innerlich – er war lange bei vollem Bewusstsein. „Der Angeklagte setzte sich in krasser Eigensucht über das Lebensrecht anderer hinweg“, konstatierte Staatsanwältin Nicole Selzam in ihrem gestrigen Plädoyer. Wegen Mordes und drei Mordversuchen (durch die sechs Schüsse waren auch der Protokollführer und die Rechtsanwältin in akuter Lebensgefahr) forderte die Anklägerin eine lebenlange Freiheitsstrafe sowie die Erkennung der besonderen Schwere der Schuld. Selzam: „Es wäre schier unerträglich, wenn er nach 15 Jahren in Freiheit kommen könnte.“ Das Wort ergriff auch die Mutter des Opfers, Eva-Monika T. Tilman habe sich rührend um seinen autistischen Zwillingsbruder Thomas gekümmert: „Seinet­wegen gab er mit Tränen, aber entschlossen, im dritten Schuljahr seine Klassenkameraden, seine geliebte Lehrerin auf und wechselte die Schule. Vor den Attacken der Kraft protzenden Mitschüler schütze er den Bruder mit seiner Sprache.“

„Es ist bitterste Ironie, dass sich Tils Spannkraft und Freude auf die Richterlaufbahn für ihn als Teufelswerk entpuppt hat“, fuhr die Mutter fort. Dabei übte sie auch herbe Kritik an der Justiz: „Wie leicht es doch war, ohne Kontrolle mit einer Waffe ins Gericht zu kommen und aus vier Meter Abstand auf einen ungeschützten, wehrlosen Menschen zu schießen!“

Der Todesschütze selbst, der seine Tat bislang immer zu rechtfertigen versuchte, zeigte nach den Reden der Witwe und der Mutter erstmals eine emotionale Regung. „Ich will der Familie sagen, dass es mit Leid tut als Mensch“, erklärte Rudolf U. in seinem Schlusswort. „Mehr kann ich nicht sagen.“

Das Urteil wird am 29. November verkündet.

Eberhard Unfried

 

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