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„Die beste Entscheidung unseres Lebens“: Großfamilie reist in Wohnmobilen zwei Jahre durch Europa

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Von: Alexandra Anderka

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Mit zwei Wohnmobilen auf Europatour: Familie Knoke aus Inning – das sind (hinten, v. l.) : Markus, Anna, Paula, Jeannette und Tobias mit den Zwillingen Maximilian und Raphael (vorn) und Hündin Mila.
Mit zwei Wohnmobilen auf Europatour: Familie Knoke aus Inning – das sind (hinten, v. l.) : Markus, Anna, Paula, Jeannette und Tobias mit den Zwillingen Maximilian und Raphael (vorn) und Hündin Mila. © privat

Ein siebenköpfige Familie aus Inning verkauft all ihr Hab und Gut und geht in zwei Wohnmobilen auf Abenteuertrip durch Europa. Die Rückkehr ist noch ungewiss.

Inning – Eltern von fünf Kindern im Alter von drei bis 18 Jahren verkaufen ihr Haus, schaffen sich dafür zwei Wohnmobile an und gehen als Familie mit Hund für zwei Jahre auf Europareise. Diesen mutigen Schritt wagten Jeannette und Tobias Knoke aus Inning vergangenen Sommer.

„Lasst es uns versuchen“: Familie aus Inning geht auf Europareise

Schon länger liebäugelte der Fluglotse, der seit 20 Jahren am Münchner Flughafen beschäftigt ist, mit einem Sabbatjahr. „Doch das hat mir der Arbeitgeber nie genehmigt“, bedauert der 42-Jährige. Vor rund drei Jahren kamen nach Sohn Markus (18) und den beiden Töchtern Anna (15) und Paula (13) die Zwillinge Raphael und Maximilian auf die Welt. Und ausgerechnet die beiden Nachzügler ermöglichten nun dieses Abenteuer, denn für jedes Kind stehen dem Vater ab dem 3. Geburtstag der beiden gesetzlich zwei Jahre Erziehungsurlaub pro Kind zu. Die Corona-Zeit habe schließlich den Ausschlag gegeben zu sagen: „Lasst es uns versuchen.“

Hinzu kam, dass die Kinder während der Pandemie bemerkt hätten, dass ihnen das bayerische Schulsystem mit ständigem Leistungsdruck zu schaffen machte und ihnen der Online-Unterricht viel besser gefallen habe. „Unsere Kinder haben die Schule nicht vermisst. Ihnen ist es viel leichter gefallen, von zuhause aus bei freier Zeiteinteilung zu lernen“, stellte Vater Tobias fest. Alle drei Kinder besuchten damals die Realschule Taufkirchen.

So seien auch der Nachwuchs, zumindest die Töchter, von der Idee der Eltern gleich begeistert gewesen. Lediglich der damals 17-jährige Markus, der gerade seine Mittlere Reife absolviert hatte, war skeptisch: „Anfangs war ich davon nicht so richtig begeistert, da ich meine Werkstatt, die mehr viel bedeutet, vorübergehend aufgeben musste. Deshalb habe ich zuerst auch gesagt: ohne mich“, erinnert er sich.

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Inninger Familie auf Europareise: Sohn anfangs skeptisch, Töchter gleich begeistert

Mit der Zeit habe er aber begriffen, welche Chancen solch eine Reise für ihn bieten und dass diese Erfahrungen ihn auch im Leben weiterbringen könnten. „Zum Schluss konnte ich es gar nicht mehr erwarten aufzubrechen“, erzählt er lachend. Die beiden Töchter waren von Anfang an Feuer und Flamme. „Der Gedanke, nicht mehr jeden Tag in die Schule zu müssen und ständig auf Reisen zu sein, war für unsere beiden Töchter sehr verlockend“, sagt Jeannette.

Die 47-Jährige ist Pädagogin, kümmerte sich die vergangenen Jahre aber in erster Linie um die siebenköpfige Familie. Anna und Paula bestätigen die Aussage ihrer Mutter, beide hätten es erst gar nicht glauben können. „Ich habe mich so gefreut, dass ich die einzelnen Monate, dann Wochen und schließlich Tage gezählt habe“, berichtet Paula.

Kochen für die Großfamilie auf kleinem Raum ist für Jeannette kein Problem, nur Chaos mag sie nicht.
Für die Großfamilie kocht Jeannette auf engstem Raum im Wohnmobil. © privat

Europareise wurde über Monate vorbereitet

„Unser Glück war, dass unsere Kinder nicht so viele Freunde haben, jedes hat nur einen besten Freund oder Freundin.“ Und mit denen seien die Kinder weiter über die Sozialen Medien in Verbindung. Die 13-jährige Paula meint sogar: „Ich habe mit meinen Freundinnen jetzt mehr Kontakt als vorher, denn ich habe viel mehr Zeit als zuhause.“ Sie habe auf der Reise auch Jugendliche kennengelernt, mit denen sie jetzt schreibe.

Rund ein halbes Jahr hat sich die Familie auf ihr großes Abenteuer vorbereitet. „Wir haben uns im Internet informiert, Youtube-Videos zum Thema Auswandern mit Familie angesehen und Bücher dazu gelesen“, sagt Jeannette. Camping-Erfahrung hatte die Familie bereits, denn nach etlichen Zelturlauben waren die Knokes seit 2014 mit dem Wohnwagen unterwegs.

Familie aus Inning reist durch Europa - Von 180 auf 30 Quadratmeter

Das 180 Quadratmeter große Haus mit Garten in Inning war schnell verkauft, jetzt leben sie auf rund 30 Quadratmetern. „Wir wollten frei sein und uns nicht um Reparaturen kümmern müssen, die beim Vermieten vielleicht angefallen wären“, erklärt der 42-Jährige die Entscheidung, die eigene Immobilie aufzugeben. Dann ging es ans Ausräumen, und für Jeannette begann damit das Gefühl von Freiheit, von dem sie im Laufe des Gesprächs immer wieder erzählen wird. „Fast täglich gingen Päckchen raus mit Dingen, die wir verkauft haben, das hatte so was Befreiendes.“ Lediglich 13 Quadratmeter Stellfläche haben sie in Erding gemietet. „Den Großteil nimmt die Werkstatt von Markus ein“, sagt sein Vater.

Auch auf Reisen werden keine Andenken gekauft. Jeannette und Tobias gefällt diese minimalistische Lebensweise. „Wir haben all die Bilder und Erfahrungen im Kopf“, erklärt die Pädagogin.

Europareise startet: „Wir lernen so viel Interessantes über verschiedene Kulturen“

Kurz vor der Abreise, im August 2022, meldeten die Knokes ihren Wohnsitz in Inning ab, und damit erledigte sich auch die Schulpflicht der beiden Töchter. Den Großeltern habe es gar nicht gefallen, dass sie die Kinder aus der Schule genommen hätten, gesteht Tobias, doch er und seine Frau sind überzeugt: „Es gibt so viele Möglichkeiten für unsere Kinder, Abschlüsse nachzuholen.“

Sie verlangen von ihren Töchtern aber nicht, dass sie auf der Reise entsprechend dem bayerischen Lehrplan mitlernen. „Wir überlassen es ihnen“, sagt Jeannette. Sie wollten keinen Druck ausüben, das müsse von den Kindern selbst kommen. So habe Anna bereits mit einem Online-Spanischkurs begonnen. Zudem würden sie auf der Reise unwiederbringliche Erfahrungen fürs Leben gewinnen, sind sich die Eltern einig. Und der 18-jährige Markus bestätigt: „Wir lernen so viel Interessantes über verschiedene Kulturen, sehen so viel von der Welt, schöne sowie schlechte Orte.“ Er persönlich habe auf der Reise durch die Ostblockländer verstanden, dass auch diese Länder nicht „hinterm Mond leben“ und in manchen Dingen sogar weiter seien als Deutschland.

Maximilian und Paula haben direkt vom Bett einen Blick in die Natur.
Blick in die Natur vom Bett aus haben Maximilian (l.) und Paula. © privat

Die Knokes starteten über Österreich anfangs Richtung Osten nach Slowenien, Kroatien, Montenegro, Serbien, Ungarn, Slowakei und Polen. Über einen Abstecher in Dresden, wo sie die Familie besuchten, ging es kurz nach Erding, wo Markus seinen Führerschein abholte, dann weiter Richtung Italien. „Wir lieben einfach die Sonne“, schwärmt Jeannette. Gerade verbringen sie den Winter bei angenehmen 20 Grad in Andalusien.

Das war die beste Entscheidung unseres Lebens.

Jeanette Knoke

Romantisch und günstig: Mit dem Wohnmobil durch Bayern

Familie aus Inning reist mit Wohnmobilen quer durch Europa

Die Wohnmobile, die von den beiden Eltern gelenkt werden, sind mit kleinen Photovoltaik-Anlagen und Trockentrenntoiletten ausgestattet, die ohne Chemie auskommen und geruchsneutral sind. Der Kompost müsse nur alle zwei bis drei Wochen ausgeleert werden. Meistens würde die Familie mit ihren Wohnmobilen einfach dort halten, wo es ihnen gefällt. Die Eltern mit dem kniehohen Mischlingshund und den Zwillingen in einem und die drei großen Kinder im anderen Gefährt. Oft würden sie in der Nähe von Höfen oder Weingütern übernachten. „Da kaufen wir auch gerne in den Hofläden ein“, erzählt Tobias. Sie bleiben an einem Ort meist zwei bis vier Tage.

Die Familie benutzt nur Landstraßen, keine Autobahnen. „Wir haben ja keine Eile- So sehen wir mehr von der Gegend“, freut sich Tobias. Bislang seien sie gut damit gefahren. Trotzdem sind die Wohnmobile mit Alarmanlagen ausgestattet, und eine App würde bei einem Einbruchsversuch informieren. „Aber wir haben noch nichts Negatives erlebt. Wir haben die Abmachung, wenn sich einer nicht wohlfühlt, suchen wir einen anderen Platz“, berichtet Jeannette.

Markus Knoke füllt den Wasservorrat auf.
Markus füllt den Wassertank auf. © privat

Europareise gibt Gefühl der Freiheit - „Das Maximum sind vier Jahre“

Am meisten würden die Eltern das Gefühl von Freiheit genießen, einfach so in den Tag hinein leben zu können. Sie bezeichnen ihr großes Abenteuer auch als „Test“, denn sie wüssten nicht, wo es sie noch hinverschlägt, und wie lange sie überhaupt unterwegs sein werden. „Das Maximum sind vier Jahre“, sagt Tobias. Es sei auch noch völlig offen, wo sie dann wieder sesshaft werden würden.

Falls der 42-Jährige in seinen Beruf als Fluglotse zurück möchte, müsste er erneut als Trainee starten, da er die jährlich erforderlichen Pflichtstunden, um den Status als Fluglotse zu erhalten, aktuell nicht leisten kann und auch nicht möchte. „Aber diese Frage stellt sich für mich gerade nicht.“ Das Wichtigste sei ihm die gemeinsame Familienzeit, die würden die beiden Eltern gerade sehr schätzen, „denn irgendwann werden die Kinder flügge und gehen ihren eigenen Weg“, weiß der Vater.

Europareise begeistert, doch Privatsphäre fehlt - Auch Spülmaschine wird vermisst

Und was sagen die Kinder? Einig sind sich die drei Großen, dass sie tolle Erfahrungen machen, viel von der Welt sehen und andere Kulturen kennenlernen. Doch Paula fehlt ihr geräumiges Zimmer, wo sie „in Ruhe mit Freunden telefonieren kann.“ Einen Rückzugsort vermisst auch Anna: „Man hat im Wohnmobil zwar sein eigenes Bett und macht den Vorhang zu, aber das ist nicht vergleichbar mit einem eigenen Zimmer.“ Alle drei sehnen sich nach einer Spülmaschine. „Das ständige Abspülen von Hand nervt“, findet Markus. Dennoch würden die Vorteile überwiegen, und die Eltern meinen sogar unisono: „Das war die beste Entscheidung unseres Lebens. Noch genießen wir jeden Tag.“

Wer die Abenteuer der Knokes mitverfolgen möchte, kann markus.knoke auf Instagram folgen.

Anfang März hat Samuel Kennerknecht sein Zuhause in Habach ohne Geld, Handy oder eine Reisetasche mit Kleidung verlassen und ist auf Weltreise gegangen. Mittlerweile ist der 24-Jährige auf den Kanarischen Inseln gelandet. Von hier aus geht es weiter in die Karibik. Ans Heimkommen denkt er noch lange nicht.

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