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Bei Alm-Vortrag: Landwirt fordert „Vernichtung“ von Wolf und Co. – Schwere Vorwürfe an Behörde

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Alle Plätze besetzt: Das Thema Wolf zieht die Massen in die Bayernhalle
Alle Plätze besetzt: Das Thema Wolf zieht die Massen in die Bayernhalle © Krinninger

Der Wolf und auch sonstige Raubtiere erhitzen die Gemüter. Das hat eine Diskussion Verantwortlicher und Betroffener in Garmisch-Partenkirchen mit Nachdruck bewiesen.

Garmisch-Partenkirchen – Einen pikanteren Zeitpunkt hätte es wohl kaum geben können. Der Vortrag zum Erhalt der Weide- und Almwirtschaft, zu dem Landkreis, Tierschutzverein, Landesbund für Vogelschutz, BBV Bildungswerk, Bauernverband und der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern in die Bayernhalle eingeladen hatten, könnte aktueller nicht sein. Die schon lange geplante Veranstaltung fällt in eine Phase, in der viele Bauern ihr Vieh von den Almen in der Region herab treiben – aus Angst.

Angst, dass sich die grausamen Bilder von gerissenen Schafen wiederholen könnten, die zuletzt für Entsetzen gesorgt hatten. Seit Anfang Juli wurden an der Enning-Alm, dem Frieder-Gebiet und am Gießenbach mehrmals tote und schwerstverletzte Tiere aufgefunden. Die Auswertungen der ersten DNA-Proben weisen auf einen Hund als Täter hin. Ihre Weide- und Almwirtschaft sehen viele Landwirte gefährdet.

Wolf in Bayern: Experte erklärt Probleme für Almbauern

Schon 15 Minuten vor dem Beginn der Veranstaltung ist die Halle in Garmisch-Partenkirchen brechend voll. So voll, dass die Organisatoren mit zusätzlichen Stühlen aushelfen müssen. Bekannte Gesichter aus der Ortspolitik, Jäger, Natur- und Tierschützer, interessierte Bürger und zahlreiche Bauern sind gekommen, um den Vortrag von Marcel Züger zu hören. Der Diplombiologe aus der Schweiz ist derzeit verstärkt im Alpenraum unterwegs und berichtet aus seiner Heimat Graubünden.

Auch dort siedeln sich immer mehr Wölfe an und stellen die Almwirtschaft vor eine Herausforderung. Aufgrund geografischer Ähnlichkeiten ließen sich die Bedingungen für Almbauern in seiner Heimat gut mit denen im Landkreis vergleichen. Landrat Anton Speer (Freie Wähler) hat eine klare Meinung dazu: „Wir müssen eine wolfsfreie Region sein.“ Schon vorab bat er trotz aufgeheizter Stimmung um eine „sachliche Diskussion“ – doch nicht jeder sollte dieser Bitte nachkommen.

Experte zum Wolf in Bayern: In zehn Jahren bis zu 700 Tiere

Züger erklärte ruhig und sachlich, mit wem man es beim Wolf zu tun habe. Mit einem „Spitzensportler“, der in einer Nacht bis zu 80 Kilometer zurücklegen kann. Immer wieder zeigte er auf, wie stark die Population in Graubünden in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Mittlerweile gibt es dort rund 70 Tiere. Dabei zieht er stets Vergleiche zu Bayern, stellt folgende Rechnung auf: Der Kanton in der Schweiz nimmt ein Zehntel der Fläche des größten deutschen Bundeslandes ein. Aktuell gibt es in Bayern zwischen 50 und 70 Wölfe. Nimmt ihre Anzahl gleich stark wie in Graubünden zu, dann könnte es, umgerechnet auf die Fläche Bayerns, dort in zehn Jahren bis zu 700 Exemplare geben.

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Ein Szenario, das wohl die wenigsten im Saal gerne hörten. Züger, der selbst Erfahrung mit einer eigenen Landwirtschaft hat, zeigte Verständnis für die Bauern. Schlussendlich kommt er zu zwei Kernaussagen. Die Erste: Sollte die Bewirtschaftung der Almflächen einmal nicht mehr möglich sein, leidet darunter die Biodiversität. Der Bestand von seltenen Tierarten wie dem Braunkehlchen könnte gefährdet sein. Der Wolf hingegen steht seit einigen Jahren nicht mehr auf der Roten Liste, betont er vielsagend. Kurzum: Wolf und Almwirtschaft, das passt nicht zusammen.

Wolf in Bayern: Ärger über langwierige Probenuntersuchungen seitens des LfU

Die Zweite: Die Maßnahmen, um Weidevieh effektiv zu schützen, kommen über einen längeren Zeitraum schnell an ihre Grenzen. Die Beutegreifer würden sich auf Dauer auf Schutzzäune oder Herdenschutzhunde immer besser einstellen und diese umgehen. Ein effektiver Herdenschutz ist auf lange Sicht nicht realisierbar.

Nach und nach kamen Menschen aus dem Publikum auf die Bühne und stellten dem Experten Fragen. Die häufigste: Wieso sich die Analyse von DNA-Proben bei Rissen oft monatelang hinziehen würde. Immer wieder wurde Kritik in Richtung des Landesamts für Umwelt (LfU) laut, die für diese verantwortlich zeichnet.

Wolf in Bayern sorgt für Ärger: Landwirte lachen LfU-Vertreter aus

Im Laufe des Abends entwickelt sich zunehmend eine Auseinandersetzung zwischen den betroffenen Landwirten und der Behörde, von dem auch Vertreter vor Ort waren. Einer davon ist Korbinian Freier. Nachdem bei einer Wortmeldung angezweifelt wurde, dass es sich bei den jüngst veröffentlichten Ergebnissen der DNA-Proben tatsächlich um einen Hund handeln soll, begab sich der Oberammergauer, der auch für die Grünen im Kreistag sitzt, umgehend zum Rednerpult, hatte einiges klarzustellen.

Halten Sie durch!

Marcel Züger

Zunächst einmal stehe die Arbeit des LfU immer für Qualität. Aus den hintersten Reihen machte sich Gelächter breit. Freier zeigte sich unbeeindruckt und unterstrich die Glaubwürdigkeit der Proben, die in einem freien und unabhängigen Labor untersucht werden würden.

Wolf als reißendes Tier vertuschen? „Grober Unfug“

Jüngst haben einige Bauern auch selbst eine B-Probe entnommen und lassen diese auf eigene Faust untersuchen. Vermutungen, dass das LfU den Wolf als wahren Täter vertuschen wolle, seien einfach „grober Unfug“, betonte Freier. Forderungen wie Abschussfreigaben oder wolfsfreie Zonen seien Thema der Politik.

Günter Gleißner, ehemaliger Forstdirektor von Garmisch-Partenkirchen, forderte einen generellen Abschuss der Wölfe. Applaus. Ein Landwirt aus Oberammergau rief sogar zur „Vernichtung“ der großen Beutegreifer auf. Züger kommentierte diese immer wieder auf seine ruhige Art und sorgte dafür, dass Auseinandersetzungen schnell auf eine sachliche Ebene zurückkehrten. Nach drei Stunden appellierte Züger an die Landwirte: „Halten sie durch.“ Sorgen nehmen trotzdem viele von den Gästen mit auf den Heimweg.

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