„Haben mich wie eine Verbrecherin behandelt“

Seniorin schützt Mädchen vor aggressiven Kontrolleuren – die greifen sie an

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Tatort S-Bahnhof: In Wolfratshausen gerieten eine 70-Jährige und vier S-Bahn-Mitarbeiter aneinander. 

Eine Wolfratshauserin schritt ein, als drei Mädchen in der S-Bahn aggressiv kontrolliert wurden. Daraufhin griffen die Kontrolleure die Rentnerin an – und sie wurde bespuckt.

Wolfratshausen – Schon auf dem Heimweg war Helge Schnabel den Tränen nah. „Als ich nach Hause kam, habe ich richtig geweint“, sagt die Wolfratshauserin. Die 70-Jährige geriet am Wolfratshauser S-Bahnhof mit vier S-Bahn-Mitarbeitern aneinander. „Sie haben mich behandelt wie eine Verbrecherin – nur, weil ich helfen wollte.“

Von vorne: Am Dienstag vor Ostern fuhr Schnabel mit der S-Bahn von Solln nach Wolfratshausen. Im Zug bekam sie mit, wie drei Mädchen kontrolliert wurden. Eins davon, 15 Jahre alt, hatte statt eines Erwachsenen- nur ein Kinderticket gelöst, war also ohne gültige Fahrkarte unterwegs. „Die Kontrolleure, zwei Männer, gingen unendlich aggressiv vor“, sagt Schnabel. Die Mädchen hätten nach der Kontrolle einen verstörten Eindruck gemacht. In Wolfratshausen stiegen die drei Jugendlichen, Schnabel, die zwei Kontrolleure und zwei Sicherheitsleute der S-Bahn aus.

„Ich habe mit den Mädchen geredet und ihnen gesagt, dass ich den Vorfall kläre.“ Am Bahnsteig stellte Schnabel die Männer zur Rede, warum sie die Teenager so barsch kontrolliert hatten. Sie warf den Mitarbeitern vor, den Mädchen Angst gemacht zu haben und bezeichnete ihr Verhalten als nicht korrekt. „Da haben sie mich als blöde Kuh beschimpft, und was mich das anginge. Ich hätte überhaupt nichts zu sagen“, so Schnabel. „Über das Mädchen sagten sie, ob sie zu blöd zum Lesen sei und was sie in der Schule gelernt habe.“

„Sie wusste sich nicht mehr zu helfen und hat gespuckt“

Wie die Polizei zunächst berichtete, habe die Wolfratshauserin dann einem der Kontrolleure ins Gesicht gespuckt. Schnabel schildert die Situation anders. „Die vier Männer haben mich eingekreist. Einer packte mich an den Armen und hat mir ins Gesicht gespuckt. Ich wusste mir nicht anders zu helfen und habe auch gespuckt – aber auf die Erde.“ Zwischenzeitlich war die Polizei alarmiert worden. Um sicherzugehen, dass Schnabel nicht wegläuft, „haben mich die zwei Sicherheitsleute der Bahn am Rucksack festgehalten“, sagt die Wolfratshauserin. „Die Mädchen standen noch immer verängstigt am Bahnsteig.“ Nachdem sie der Polizei ihre Personalien gegeben hatte, ging Schnabel nach Hause.

Die Polizei leitete daraufhin Ermittlungen ein – gegen den Teenager wegen Betrugs und gegen Schnabel wegen Beleidigung. Im Zuge der Ermittlung nahm der Fall eine Wendung. „Im Laufe der Vernehmungen erwies sich der Fall als komplexer, als zunächst dargestellt“, berichtet Hauptkommissar Steffen Frühauf. Er bestätigt, dass einer der Kontrolleure die Frau so kräftig an den Armen gepackt hat, dass sie blaue Flecke davontrug. „Sie wusste sich nicht mehr zu helfen und hat gespuckt“, so Frühauf weiter. Gegen den Kontrolleur wurden drei Anzeigen wegen Beleidigung erstattet.

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Die Bahn selbst äußert sich zu dem Vorfall wenig konkret: „Bei dem Prüfteam handelte es sich um zwei Mitarbeiter eines von der DB beauftragten Nachunternehmers“, erklärt ein Pressesprecher auf Nachfrage unserer Zeitung. „Die beiden haben seinerzeit Anzeige gegen die ältere Dame gestellt wegen Beleidigung und gegen die jüngere Frau wegen Leistungserschleichung. Der Fall liegt jetzt bei der Polizei.“ Die gibt die insgesamt fünf Anzeigen nach den Vernehmungen weiter an die Staatsanwaltschaft, erklärt Hauptkommissar Frühauf. „Sie entscheidet, wie mit den einzelnen Anzeigen weiter verfahren wird.“

„Ich wollte die Mädchen nicht alleine lassen“

Im Laufe der Ermittlungen wurden Polizeibeamte erneut bei Helge Schnabel vorstellig. „Sie haben sich entschuldigt und erklärt, dass der Fall wohl doch anders gelagert sei“, sagt Schnabel. „Außerdem erklärten sie, dass der Kontrolleur kein unbeschriebenes Blatt sei.“ Nun kann die 70-Jährige ebenfalls Strafanzeige erstatten. Ob sie das tut, will sie sich überlegen. „Der Vorfall beschäftigt mich zwar immer noch, aber das Leben geht weiter.“

Nicht überlegen muss sie, ob sie in einer ähnlichen Situation wieder so reagieren würde. Kurz nach der Auseinandersetzung hat die Mutter des 15-jährigen Mädchens mit Helge Schnabel Kontakt aufgenommen und sich bedankt. „Sie hat mir erzählt, dass ihre Tochter an diesem Tag zum ersten Mal allein nach München gefahren ist“, sagt Schnabel. Das hat sie bestärkt. „Ich wollte die Mädchen in dieser furchtbaren Situation nicht alleine lassen.“

Und es gibt noch einen Grund, aus dem sich Helge Schnabel wieder einmischen würde: Sie ist oft mit der S-Bahn nach Solln unterwegs. Und genauso oft denkt sie dabei an Dominik Brunner. Der Manager ging 2009 am S-Bahnhof in Solln dazwischen, als Jugendliche eine Gruppe Schüler bedrohten. Als sich Brunner den Teenagern in den Weg stellte, prügelten sie ihn nieder. Kurze Zeit später starb er. „Die Geschichte hat mich nie losgelassen“, sagt Schnabel. „Und deshalb würde ich immer Zivilcourage zeigen – und nicht wegschauen.“ mh

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