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„Man macht uns hier zum Sündenbock“ - Leuchtturmprojekt zur Energiewende droht zu scheitern

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Von: Martin Schullerus

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In dieser Kiesgrube im Martinsrieder Feld könnte Europas größter Erdbecken-Wärmespeicher entstehen. Doch mangels Entscheidungen und angesichts drohender Vertragsstrafen soll im Januar die Verfüllung weitergehen.
In dieser Kiesgrube im Martinsrieder Feld könnte Europas größter Erdbecken-Wärmespeicher entstehen. Doch mangels Entscheidungen und angesichts drohender Vertragsstrafen soll im Januar die Verfüllung weitergehen. © Dagmar Rutt

Der angestrebte Erdbecken-Wärmespeicher in der ehemaligen Kiesgrube Martinsrieder Feld wäre ein Leuchtturmprojekt zur Energiewende. Nun droht es zu scheitern. Die Akteure schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu.

Würmtal – Die Bernhard Glück Kies-Sand-Hartsteinsplitt GmbH hat bis Herbst 2020 auf einer 5,84 Hektar großen Fläche zwischen Martinsried und Gräfelfing insgesamt 700 000 Tonnen Kies abgebaut. Den vom Landratsamt als Genehmigungsbehörde festgelegten Termin, bis zu dem die Grube wieder verfüllt sein muss, ließ sich die Gemeinde Planegg von der Firma Glück zusätzlich in einem privatrechtlichen Vertrag zusichern – bewehrt mit hohen Strafzahlungen im Falle der Verspätung. Gemeinde und Firma Glück waren damit zufrieden; das Unternehmen sah sich in der Lage, den Termin zum Ende 2023 einzuhalten.

Würmtal/Energiewende - Größtes Projekt dieser Art in Europa

Danach propagierten die Grünen in Gräfelfing und die grüne Gruppe 21 in Planegg die Idee, in der Grube einen Erdbecken-Wärmespeicher anzulegen. Es wäre das größte Projekt dieser Art in Europa. Die Gemeinde Planegg gab der Bitte aus Gräfelfing nach, den Vertrag ruhend zu stellen, um Zeit für eine Machbarkeitsstudie zu gewähren. Diese liegt inzwischen vor und bescheinigt dem Projekt grundsätzliche Machbarkeit. Konkrete Schritte sind freilich noch nicht beschlossen, geschweige denn unternommen.

An diesem Punkt geht der Firma Glück die Geduld aus – oder, je nach Lesart, läuft ihr die Zeit davon. Geschäftsführer Markus Wahl ist willens und hat die Vorbereitungen dafür getroffen, Anfang Januar mit der Verfüllung der Grube fortzufahren. „Es gibt zwar einen Aufschub seitens der Gemeinde Planegg, aber die Vertragsstrafe droht nach wie vor, und die geht an die Substanz. Niemand weiß, ob und wann bei dem Projekt was kommt“, sagt Markus Wahl im Merkur-Gespräch. Und er wisse nicht, wie sich die Konjunktur entwickle und ob er die Grube dann schnell genug mit Erdaushub und Bauschutt verfüllen könne. Das sei ihm zu riskant.

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Leuchtturmprojekt droht zu scheitern - Antrag der Gräfelfinger Grünen

Markus Wahl verheimlicht auch nicht, dass ein weiterer Grund ihm die Entscheidung erleichtert hat, mit der Verfüllung fortzufahren. Wahl: „Das ist ein Herzensprojekt der Grünen. Und ich tue mich schwer, diese Leute zu unterstützen, während sie täglich versuchen, unserem Unternehmen die Existenzgrundlage zu entziehen und uns zu verunglimpfen, auch mit unwahren Behauptungen.“

Die Grünen im Gräfelfinger Gemeinderat haben nun den Antrag gestellt, Gräfelfing solle Planegg bitten, den privatrechtlichen Vertrag „sehr zeitnah aufzuheben“. Denn: „Eine Verfüllung der Grube würde das Scheitern eines vom Gemeinderat Gräfelfing gewollten und bereits mit aufwendigen Studien vorbereiteten Leuchtturm-Projektes zur Energiewende und den zusätzlichen Ausstoß von ca. 20 000 Tonnen CO2 im Jahr im Würmtal bedeuten.“

Würmtal - Kommt das Projekt Erdbecken-Wärmespeicher zu früh?

Gräfelfings Bürgermeister Peter Köstler zeigt Verständnis für alle Seiten. Er sagt: „Ich kann die Haltung von Herrn Wahl als Geschäftsführer verstehen. Er hat eine Verpflichtung den Gesellschaftern gegenüber.“ Und die lautet jedenfalls, die hohen Vertragsstrafen zu vermeiden. Andererseits hätten die Grünen den nachvollziehbaren Wunsch, das drohende Damoklesschwert nicht nur etwas weiter weg zu schieben, sondern ganz abzuschaffen und den Vertrag aufheben zu lassen. Und schließlich sei es zutreffend, dass die Gemeinde Planegg stets wunschgemäß Aufschub gewährt habe. Köstler: „Wir drehen uns da alle ein wenig im Kreis. Und es stimmt: Wenn das Loch zu ist, ist die Chance weg.“

Grundsätzlich ist der Gräfelfinger Bürgermeister der Ansicht, dass das Projekt Erdbecken-Wärmespeicher zu früh kommt. „Meine vorrangige Aufgabe ist, die Bevölkerung mit erneuerbarer Energie zu versorgen“, sagt er. Das bedeute, möglichst schnell die Bohrung zur Tiefengeothermie niederzubringen, den Netzausbau zu beginnen und Kunden zu gewinnen. Köstler: „Das ist der erste Schritt – die Versorgungssicherheit.“ Die Optimierung der CO2-Einsparung durch einen Erdbecken-Wärmespeicher sei da nur ein denkbarer zweiter Schritt, der den ersten keinesfalls gefährden dürfe.

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Nafziger ungehalten: „Planegg ist nicht dafür verantwortlich, wenn das Projekt nicht entsteht“

Planeggs Bürgermeister gerät etwas in Rage, als er über das Thema spricht. Er sagt: „Man macht uns hier zum Sündenbock; das ist nicht hinnehmbar. Planegg ist nicht dafür verantwortlich, wenn das Projekt nicht entsteht. Wir sind nicht die Entscheider.“ Was Nafziger fehlt, sind verbindliche Aussagen seitens der Nachbargemeinde und der Firma Glück, was in welchem Zeitraum dort geplant ist. Nafziger: „Die brauchen bloß zu sagen, was sie wollen, dann handeln wir. Wir wollen niemandem Steine in den Weg legen.“ Es sei „schlicht gelogen“, wenn vonseiten der Grünen der Eindruck erweckt werde, Planegg wolle etwas verhindern. „Es ist aber bis heute nichts geregelt und beschlossen. Das ist mir ein zu hohes Risiko; ich habe ja nichts in der Hand.“ Es spreche nichts dagegen, mehr Aufschub zu gewähren oder den Vertrag sogar ganz aufzuheben. „Aber wir müssen verbindlich wissen, was sie eigentlich wollen. Braucht ihr jetzt dieses Loch oder nicht?“

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