Richter lässt Freisinger vorführen

Zeuge muss für  Zivilcourage hinter Gitter

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Als Zeuge geladen, als Verbrecher behandelt: Jens Frohne hatte einen Gerichtstermin verschwitzt, nun musste er eine Nacht in einer Polizeizelle verbringen.

Freising/München - Jens Frohne hat eine Nacht in einer Polizeizelle verbracht. Weil er einen Gerichtstermin verpasst hatte. Geladen war er als Zeuge – behandelt wurde er wie ein Verbrecher.

Den Grund für die richterliche Anordnung hat er erst am Montag erfahren, verstehen kann er ihn nicht.

Es ist Sonntagabend, kurz vor halb neun. Der alleinerziehende Vater Jens Frohne will gerade seinen 13-jährigen Sohn ins Bett bringen, als es an der Tür klingelt. Es ist die Polizei. Dabei haben die Beamten ein Vorführungsersuchen, eine richterliche Anordnung. Denn Frohne soll am nächsten Mittag als Zeuge aussagen. Er hatte bei einem Autounfall vor neun Jahren Erste Hilfe geleistet, die Beteiligten streiten seit damals um Schadensersatz. Bereits fünfmal musste Frohne deswegen vor Gericht erscheinen – einen Termin hat er verschwitzt, das gibt er zu. Er hatte unentschuldigt gefehlt, weil er für eine neue Arbeitsstelle zur Probe arbeiten konnte. Nun traut ihm der Richter nicht mehr.

Der 45-jährige Freisinger muss die ganze Nacht in Unterwäsche in einer Zelle verbringen (wir haben berichtet). Bis zur Verhandlung am nächsten Mittag. Er wird ohne Essen direkt ins Landgericht München I gebracht, um dort seine Aussage zu machen. Er ist wütend. Weil er Sonntagabend nicht nur auf die Schnelle für seinen Sohn eine Übernachtungsmöglichkeit finden musste, sondern auch seinem neuen Arbeitgeber sagen musste, dass er am nächsten Tag nicht wie vereinbart bis zwei Stunden vor dem Gerichtstermin arbeiten kann. Vor allem aber ist er wütend, weil er sich an diesem Abend wie ein Schwerverbrecher fühlt. Obwohl er damals in der Februarnacht 2004 der einzige Autofahrer war, der bei dem Unfall auf der A 92 anhielt, um den Verletzten zu helfen.

Der Münchner Richter Clemens Müller hat sich bei seiner Entscheidung an die Strafprozessordnung gehalten. Paragraph 51 erlaubt es, Zeugen polizeilich vorführen zu lassen, wenn sie unentschuldigt nicht zu einem Prozesstermin erschienen sind. „Aber das liegt im Ermessen des Richters“, sagt Hans-Kurt Hertel, Pressesprecher des Münchner Landgerichts. Er hat Spielraum, kann auch nur ein Ordnungsgeld einfordern – oder einfach neu laden. „Das hängt ganz von dem Eindruck ab, den er von dem Zeugen hat.“

In Jens Frohnes Fall hatte Richter Müller den Eindruck, dass er den Zeugen ohne polizeiliche Amtshilfe nicht in seinen Gerichtssaal bekommt. Laut seiner Sprecherin habe Frohne eine unförmliche und zwei förmliche Ladungen zu Gerichtsterminen bekommen, zu denen er nicht erschienen sei. Der Freisinger streitet das ab – er habe in den vergangenen Monaten nur einen Brief bekommen, allerdings mit Fehlern in der Adresse. Dass er zu zwei weiteren Terminen vorgeladen gewesen sei, hörte er gestern das erste Mal.

Aber selbst wenn der Fehler bei der Post liegt, rechtfertigt das für Jens Frohne nicht, dass er eine Nacht in einer Freisinger Polizeizelle verbringen musste. „Ich werde immer noch wütend, wenn ich darüber spreche“, sagt er. Aus seiner Sicht haben die Beamten ohne nachzudenken ihre Vorschrift befolgt, sie haben keinerlei Unterschied zu einem Verbrecher gemacht. Die Freisinger Polizei will sich zu den Vorwürfen nicht äußern, betont aber, dass es gängig ist, richterliche Anordnungen am Abend vor Verhandlungen auszuführen – weil die Chancen, jemanden zu Hause anzutreffen, dann besser sind als am Vormittag.

Jens Frohne hatte alles genau mit seinem Chef abgesprochen, sich sogar die Bahnverbindungen zum Landgericht schon ausgedruckt, um nicht zu spät zu kommen. Damals, in der Unfallnacht, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, anzuhalten und zu helfen. „Weil man für seine Mitmenschen da ist, wenn sie Hilfe brauchen“, findet er. Er würde wieder ganz genauso handeln. Trotz der Erfahrung hinter Gittern. Aber die Welt hat er nicht mehr verstanden, als ihn die Polizisten wie einen Verbrecher in die Zelle führten – vorbei an einem Poster, das für Zivilcourage wirbt.

Katrin Woitsch

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