Keiner wollte den Jugendlichen helfen

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Wie in dieser fürs Foto nachgestellten Szene gingen viele Passanten einfach vorbei, obwohl das Mädchen massiv angegriffen wurde.

Dorfen – Beherzt eingreifen, sich einmischen und nicht teilnahmslos zusehen, wenn Unrecht geschieht – das ist Zivilcourage. Kindern und Jugendlichen versucht man, ein couragiertes Verhalten zu lehren. Dabei hätten es gerade viele Erwachsene dringend nötig.

Es ist später Nachmittag im Dorfener Stadtpark (Landkreis Erding). Zwei Jugendliche fallen über ein Mädchen her. Sie schreien sie an, „Her mit Deiner Jacke und Deinem Handy!“, sie schubsen das verängstige Mädchen, drücken sie zu Boden, nehmen die Bedrängte in den Würgegriff. Wenige Meter davon entfernt gehen Erwachsene vorbei. Männer im besten Alter, junge Frauen, rüstige Rentner. Sie schauen kurz hin, und gleich wieder weg. Unfassbar: Die Erwachsenen gehen einfach weiter, als ob sie nichts gesehen hätten.

Fast 30 Mal wiederholt sich dieses Szenario. Erst dann bleibt eine alte Frau, die mit dem Fahrrad durch den Park schiebt, stehen und fordert die Angreifer auf, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Kurze Zeit später schreitet eine Frau im mittleren Alter ein – wie sich später herausstellt, ist sie Justizangestellte.

Die Gewalttat im Stadtpark ist glücklicherweise nicht reell. Die drei Jugendlichen spielen sie täuschend echt. Sie können es selbst nicht fassen, dass die allermeisten Erwachsenen nicht einschreiten. Und auch Mike Klinger, der Jugendbeamte der Dorfener Polizei, kann es kaum fassen: „Was soll man dazu sagen?“ Dabei gingen die jugendlichen Schauspieler teilweise mit Fäusten aufeinander los.

Das Spiel mit dem ernsten Hintergrund ist eine Aktion von Klinger und Andreas Götz von der Mobilen Jugendhilfe. Sie wollen im Rahmen der Gewaltprävention jungen Menschen Mut machen, Zivilcourage zu zeigen. Doch wie soll man den jungen Leuten beibringen, Mut zu zeigen, sich für die Belange anderer in Konfliktsituationen einzusetzen, wenn Erwachsene, die eigentlich Vorbilder sein sollen, keine Courage haben?

Auch Sozialpädagoge Götz ist nach der durchgespielten Szene erschüttert: „Wir sollen Jugendliche zu Zivilcourage erziehen, und dann erleben die sowas, wie Erwachsene mit solchen Situationen umgehen. Das ist paradox. Das macht einen fassungslos.“

Über die Ursachen der erschreckenden Gleichgültigkeit der Erwachsenen kann der Polizeibeamte Mike Klinger nur mutmaßen. „Da ist bestimmt Egoismus mit dabei. Jeder denkt an sich selber nach dem Motto, das ist ja nicht mein Problem, warum soll ich da einschreiten.“

Aber auch Angst könnte mit im Spiel gewesen sein, glaubt Klinger, dass viele Passanten nicht eingegriffen haben. Vorfälle wie der im September 2009, wo der Unternehmer Dominik Brunner am S-Bahnhof München-Solln von zwei 17- und 18-jährigen Burschen zu Tode geprügelt wurde, weil der 50-Jährige vier Kindern zu Hilfe kam, die von den zwei Burschen um Geld erpresst und drangsaliert wurden, würden wohl „nachwirken“, vermutet Klinger.

Anton Renner

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