Siebenfacher Vater steckte im Schlamm

Ersthelfer erzählt: "Plötzlich war da eine Hand"

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Marko Aleksa und Herbert Gutleber

Zorneding - Ohne zu zögern ist Herbert Gutleber mit seinem Auto stehen geblieben und zum Unfallort gerannt. Der 51-Jährige aus Moosach hat den Lkw-Fahrer, der nahe Zorneding verunglückte, ausgegraben und ihm das Leben gerettet. Marko Aleksa (46) liegt im Krankenhaus.

Aus der Erde ragte nur eine Hand heraus. „Wo ist denn der Fahrer?“, hatte sich Herbert Gutleber wenige Sekunden zuvor gefragt, als er zum Führerhaus des Lastwagens gerannt war. Die Kabine war voll mit Erde und Schlamm. „Die Hand hat sich leicht bewegt, also wusste ich, dass der Fahrer noch am Leben war“, erzählt der 51-Jährige aus Moosach. „Ich habe zuerst die Hand kurz gegriffen, um ihm zu signalisieren, dass jemand da ist.“ Dann fing Gutleber an, mit seinen Händen zu graben.

 Der 51-jährige selbstständige Karosseriebauer war wenige Minuten vor dem schwerem Lkw-Unfall, südlich von Zorneding, etwa zwei Kilometer hinter dem Betonmischer gefahren. „Ich habe gesehen, wie der Lkw plötzlich ins Schlingern und in den Acker geraten ist.“ Als Gutleber in seinem 523-er BMW an die Unfallstelle kommt, sieht er im angrenzenden Feld den umgekippten Betonmischer, dessen Führerhaus auf einen Mercedes gefallen war. „Mein erster Gedanke war: Scheiße, das sieht bös’ aus!“ Der Moosacher blieb als Erster stehen, stieg aus und lief zunächst zum Mercedes. „Ich habe gesehen, dass die Fahrerin einigermaßen okay und ansprechbar war. Da sind schon die nächsten beiden Ersthelfer (eine Rettungssanitäterin und ein Mitglied der FFW Aßling, die Red.) gekommen, die sich dann um die Frau gekümmert haben“, berichtet der 51-Jährige. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich mal nach dem Lkw-Fahrer schauen werde.“ Als Herbert Gutleber am Führerhaus ankam, entdeckte er den riesigen Erdhaufen, den es ins Führerhaus gedrückt hatte. Und die Hand.

Ersthelfer Herbert Gutleber

Es war still, keine Hilfeschreie waren zu hören. Der Ersthelfer, der bis zu den Knien im Schlamm stand, grub und grub. „Ich bekam Panik, da es schwer war, die feuchte Erde wegzubekommen. Dazwischen lagen auch noch abgebrochene Plastikteile vom Führerhaus.“ Als eine Gesichtshälfte und der Mund frei waren, schrie Marko Aleksa (46) um Hilfe, und: „Ich bekomme keine Luft mehr!“ Der Ersthelfer grub weiter, bis der Kopf des Lastwagenfahrers ganz frei war. „Dann ist die Rettungssanitäterin gekommen und hat den Kopf mit einer Art Halskrause gestützt. Ich war erleichtert“, erzählt Herbert Gutleber. Wie lange er gegraben hatte, weiß er nicht, schätzt aber: mindestens fünf Minuten.

Sein nächster Gedanke war: die Straße absperren. „Ich bin zu meinem Auto und habe es quer über die Fahrbahn gestellt.“ Danach habe er versucht, jemanden ausfindig zu machen, der eine Schaufel dabei hat. „Doch da kamen glücklicherweise schon Feuerwehr und Sanitäter.“ Die Rettungskräfte konnten den 46-jährigen Lkw-Fahrer und siebenfachen Vater aus Feldkirchen-Westerham bergen und ins Krankenhaus bringen.

„Ich habe instinktiv gehandelt“, sagt der Lebensretter Herbert Gutleber über seine Tat. Und: „Ich kann mich doch nicht einfach hinstellen und die Arme verschränken. Ich bin noch nie an einem Unfall vorbeigefahren.“ Einige Male habe er schon erste Hilfe geleistet, und sei es nur dadurch, die Unfallstelle zu sichern. Eine Sanitätsausbildung oder ähnliches hat er keine – aber ein großes Herz. „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, weiterzuleben. Jeder ist doch froh, wenn ihm bei einem Unfall geholfen wird“, sagt Gutleber, der selbst schon bei Verkehrsunfällen verletzt und von Ersthelfern versorgt wurde.

„Ich fühlte mich richtig hilflos"

Marko Aleksa liegt im Krankenhaus

Wie durch ein Wunder hat sich Marco Aleksa keine all zu schweren Verletzungen zugezogen. Seine linke Gesichtshälfte ist übersät von Schnitt- und Schürfwunden. Das linke Auge ist geschwollen und blutunterlaufen, das Jochbein gebrochen. Einige Narben wird er wohl behalten, meinen die Ärzte. Und trotzdem sagt sich Aleksa: „Das was da passiert ist, gleicht wirklich einem Wunder. „Das Erste, an was ich mich erinnern kann, ist der Satz: Schau mal, da ist eine Hand!“ Als sein Kopf vom Schlamm befreit ist, klaubt er sich erst die Steine aus dem Mund und fängt dann an, mit der rechten Hand selber mitzugraben.

Fast zwei Stunden brauchen die Rettungskräfte, um Aleksa aus dem Wrack zu befreien. Die Beine klemmen zwischen Lenksäule und Armaturenbrett, später erzählt Aleksa, er habe befürchtet, den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt zu sein. „Ich fühlte mich richtig hilflos. Mir war kalt und ich habe gezittert. Als ich merkte, dass da jemand war, habe ich angefangen, panisch um Hilfe zu rufen!“

Bilder des Unglücks

Bilder: Betonlaster kippt auf Auto

Ins Schwabinger Krankenhaus bringt ihn ein Hubschrauber – Aleksa weiß das nur aus Erzählungen. Warum er von der Straße abgekommen ist, kann er nicht sagen. Seine Chefin spricht von einem dritten Wagen, einem Kleinlaster, der angeblich ebenfalls am Unfall beteiligt gewesen sein soll. Zeugen hätten berichtet, dass der Kleinlaster Aleksas Lkw überholt und beim Einscheren geschnitten habe.

Aleksa fühlt sich schon viel besser. Nur die Nächte seien schlimm. Da sind die Schmerzen oft so groß, dass er ohne Spritzen nicht schlafen könne. Den Tag des Unfalls wird er nie vergessen – ebensowenig wie seine „tausend Schutzengel“. Und Herbert Gutleber aus Moosach.

Armin Rösl und Tobias Scharnagl

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