Mysteriöser Fall nach 18 Jahren aufgeklärt

Killer im Telefonbuch verrutscht: Er starb, er lebt

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Herrsching - Vor 18 Jahren ist Josef Enzesberger in Herrsching zum Zufallsopfer geworden. Erst jetzt wurde der mysteriöse Mord aufgeklärt. Die Witwe zeigt sich erleichtert.

Im Januar vor 18 Jahren gellen vier Schüsse durch den Herrschinger Koebkeweg, die Uhr steht auf zehn Minuten vor neun Uhr morgens. Das ist der Todeszeitpunkt von Josef Enzesberger, eines Bibliotheksangestellten an der Beamtenfachhochschule. Einer der Schüsse aus der 7,65-Millimeter-Pistole hat dem 52-Jährigen das Herz zerrissen, Josef liegt auf der Treppe zwischen der Haustür und seinem weinroten Opel. Ein Mord wie eine Hinrichtung, ein Mord, der bei der Kripo 25 Leitz-Ordner füllen wird und den Ermittler als bundesweit einzigartig bezeichnen. Immer verbunden mit der Frage: Warum traf es den Josef, den Mann, der mit Attributen wie hilfsbereit, bescheiden und zuverlässig in Verbindung gebracht wurde?

Auch seine Witwe Erika (61), die im Jahr der Bluttat mit ihrem Sepp silberne Hochzeit feiern wollte, fand nie eine Antwort darauf, denn die ist so schrecklich banal, dass man Angst bekommt: Josef wurde wegen einer Namensverwechslung getötet! Es sollte eigentlich den damaligen Chef der Herrschinger Polizei treffen, den heute 73-jährigen Max Enzbrunner. Doch der psychisch kranke Täter aus München (65), der im Herbst vergangenen Jahres die Schüsse in der Forensik gestand, rutschte auf der Suche nach der Adresse im örtlichen Telefonbuch drei Zeilen zu tief nach unten – und landete beim Namen Enzesberger Josef.

Seiner Witwe Erika (61) fiel „ein Stein vor Herzen“, als sie von der Entwicklung in dem Fall erfuhr. Schließlich war sie selbst in Verdacht geraten, auch über ein Doppelleben ihres Mannes wurde offen spekuliert. So soll sich der Josef selbst einen Killer auf sich angesetzt haben, um der Ehefrau eine Lebensversicherung zukommen zu lassen. Von Zocker-Milieu war außerdem die Rede, Kriminaler sprachen von einer „engen Täter-Opfer-Beziehung“. Nun ist klar: alles waren Theorien ohne jegliche Substanz. „Mein Mann ist rehabilitiert, ich bin froh darüber, ich selbst habe ja schon immer gewusst, das er nichts getan hat.“ Über die schwere Zeit, auch jene, als sie selbst unter Verdacht stand, rettete sich Erika Enzesberger mit Arbeit und Schreiben.

Der Mann, der eigentlich erschossen werden sollte, war Monate vor dem Mord weltweit bekannt geworden: Als Inspektionsleiter hatte Max Enzbrunner im März 1995 den Andechser Meteoriteneinschlag verkündet. München, war, so schien es, einer Katastrophe entgangen. Allerdings fiel der Untergang auch deswegen aus, weil der Einschlag eine Sprengung war. Enzbrunner wurde mit dem Spitznamen Meteoriten-Max bedacht, Sprengmeister Edi Reisch wurde Krater-Edi.

Max Enzbrunner wurde zehn Monate vor dem Verbrechen durch den Andechser Einschlag bekannt.

Der Krater darf heutzutage als lustige Begebenheit betrachtet werden. Dass Enzbrunner getötet werden sollte, fällt in eine andere Kategorie – „da läuft es einem schon ein bisserl kalt den Buckel runter“, sagt dieser. „Wenn man sich vorstellt, dass ich seit 18 Jahren tot sein sollte?“ So, wie es aussieht, hatte der Täter sogar in der Herrschinger Inspektion mit Enzbrunner kurz gesprochen. Der Mann lebte wohl in dem Wahn, dass ihn der Polizeichef gemeinsam mit einer Verbrecherorganisation verfolge. Es reifte in ihm der Entschluss: Enzbrunner muss sterben! Der Pensionär, dem der Anschlag galt, hegt tiefes Mitgefühl mit der Witwe, die er vom Friedhof her kennt, weil das Grab vom Josef und Enzbrunners ersten Frau nur Meter nebeneinander liegen. „Man hat ja vom Täter nichts gewusst. Da lebt ja der Ehepartner auch immer in Angst …“

Eine Angst, die Erika Enzesberger jetzt aus ihren Gedanken verdrängen kann. Dem Mörder aber, sagt sie, „dem kann ich niemals verzeihen – wie keinem Mörder“.

Markus Christandl

So suchte die Polizei jahrelang nach dem Mörder:

Die Polizei rekonstruierte den Mord jahrelang bis ins kleinste Detail – doch auf die Spur kamen sie dem Täter nicht. Die Soko Josef befragte die Ehefrau des Toten und dessen Familie. Erika Enzesberger sagte später gegenüber der SZ: „Wir sind von der Kripo durch die Mangel gedreht und sogar verdächtigt worden.“ Auch kontrollierte die Soko die Trauergäste bei der Beerdigung, befragte 1300 Personen, darunter auch 54 Waffenbesitzer aus Herrsching. Ohne Erfolg. Erst zwei Jahre später meldete sich eine Zeugin, ein Phantombild (links) wurde daraufhin gefertigt. Doch auch das brachte keinen Hinweis auf den Täter.

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