Sohn klagt an: "Sie haben meine Mutter zerstört"

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Das Foto links zeigt die gesunde Emilie Glos mit ihrem Sohn. Jetzt liegt sie ausgemergelt im Krankenhaus

Pastetten - Innerhalb weniger Wochen wird aus der rüstigen Rentnerin Emilie Glos (90) eine schwerkranke Frau. Warum? Ihr Sohn macht für den Zustand seiner Mutter Kliniken und den externen Betreuer verantwortlich.

Es ist fast genau zwei Monate her: Emilie Glos bekommt Besuch. Landrat, Bürgermeisterin, Mesner – sie alle wollen ihr zum 90. Geburtstag gratulieren. Beim Kaffeeklatsch in Pastetten (Kreis Erding) erzählt die Jubilarin munter von ihrer früheren Arbeit beim Gelddrucker Giesecke & Devrient, verrät ihr Rezept fürs Altwerden: vegetarische Ernährung, kein Alkohol. Die Runde ist begeistert, wie fit die 90-Jährige, die mit ihren sieben Katzen alleine im Haushalt lebt, ist.

Jetzt ist alles anders. Jetzt liegt Emilie Glos auf der Intensivstation im Erdinger Krankenhaus, sie hängt an Schläuchen, es geht ihr sehr schlecht. Ihre Geschichte – es ist ein trauriges Protokoll wie in wenigen Wochen aus einer rüstigen Seniorin eine schwerkranke Frau wird. Ein Anwalt hat gestern wegen ihres Falls nun Strafanzeige gestellt: wegen Misshandlung Schutzbefohlener!

Was war passiert? Für den Zustand seiner Mutter macht ihr Sohn, Karl Josef Well, Kliniken und den externen Betreuer verantwortlich. Der 68-Jährige will den Mann, der in Markt Schwaben (Kreis Ebersberg) sein Büro hat, zur Verantwortung ziehen. Für all das, was seiner Mutter angetan wurde.

Es begann alles Anfang Oktober: Da drückt Emilie Glos ihren Hausnotruf, es hat Föhn, sie fühlt sich unwohl. Ihren Sohn Karl, der sie mit seiner Frau Ingrid regelmäßig besucht, ruft sie nicht an – sie nimmt fälschlicherweise an, dass er nicht im Lande ist. Das Krankenhaus Erding informiert Well aber, sofort fährt der Münchner in die Klinik. Dort hängt Emilie am Tropf, sie ist dehy-driert – und will heim. Well sucht das Gespräch mit dem Arzt. Dieser kündigt an, so sagt Well, dass die Patientin für einen „körperlichen Aufbau“ nach Taufkirchen/Vils verlegt würde. Doch als Well seine Mutter dort besucht, merkt er: Die 90-Jährige ist in der Psychiatrie! Der Sohn wundert sich. Das Krankenhaus Erding teilt auf Anfrage mit, die Verlegung sei aus medizinischer Sicht korrekt abgewickelt worden. Doch Karl Well sieht das anders: „Meine Mutter saß völlig konsterniert im Schlafanzug mit der Handtasche im Gang und wartete zornig auf mich“, schildert er die Situation. Sie verlangt von ihrem Sohn: „Bring mich hier weg!“ Mit Mühe kann er die alte Dame überzeugen, im Klinikum zu bleiben. Doch die Situation spitzt sich zu, Emilie Glos baut schnell ab: Beim nächsten Besuch wirkt sie „seelisch zusammengebrochen“, sagt Well. Die 90-Jährige wird zwischenzeitlich mit vier weiteren Patienten in ein Zimmer für schwere Fälle verlegt, angeblich wird der andere Raum für Neuzugänge benötigt. „Dort waren Schwerstkranke, eine Frau schrie Tag und Nacht wie am Spieß, die andere kicherte ununterbrochen“, berichtet Well. Seine Mutter will nur noch heim, sie kann keine Nacht schlafen. Das Klinikum erklärt auf Nachfrage, dass tatsächlich etwa sechs Schrei-Patienten auf der Station gewesen seien – man habe Frau Glos verlegt, die Schreie seien aber auch in anderen Räumen zu hören gewesen. Mehrere Gespräche mit der behandelnden Ärztin werden Well abgesagt. Schockierend für ihn und seine Frau: Plötzlich trägt die Mutter Windeln. Daheim hatte sie sich alleine versorgt. Well führt das auf die Umstände in der Klinik zurück. Parallel dazu läuft das Verfahren um die Betreuung der Seniorin. Well, der mit seiner Schwester im Streit ist, stellt beim Amtsgericht einen Antrag auf Übertragung der Betreuung. Doch das Gericht setzt plötzlich einen externen Betreuer ein – Karl Well wird jetzt nicht mehr über die Angelegenheiten seiner Mutter informiert. Das wird Emilie Glos zum Verhängnis.

Von dem Betreuer erfährt Well am Mittwoch vergangener Woche, dass seine Mutter aus Taufkirchen entlassen worden ist. Sofort macht er sich auf den Weg nach Pastetten, verabredet sich dort zudem mit dem Betreuer, um ihm Unterlagen zu übergeben. Well erwartet ein erschütterndes Bild: Seine Mutter liegt dehy-driert, durchgefroren und apathisch in dem ungeheizten Haus. Im Flur stehen ihr Koffer und zwei Wäsche-Säcke von der Klinik. Well versorgt Emilie mit Wärmflaschen, heißem Tee – seit am Tag zuvor kurz nach der Entlassung der Pflegedienst nach ihr gesehen hatte, war die Seniorin allein und hilflos in ihrem Haus. „Der Betreuer kümmerte sich nicht weiter, sondern wollte nur die Unterlagen vom Haus, Rentendokumente und den letzten Einkommensteuerbescheid“, erzählt Well. „Der sagte nur: Morgen kommt der Pflegedienst.“ Die 90-Jährige muss noch am selben Abend ins Krankenhaus – dort liegt sie noch immer. Nach all diesen Erlebnissen macht Karl Well dem Betreuer schwere Vorwürfe: Seine Mutter hätte nicht einfach vom Rettungsdienst daheim abgeladen werden dürfen. Er hat beim Gericht einen Wechsel des Betreuers beantragt, auch wenn er sich am liebsten selbst um seine Mutter kümmern würde – wie bisher und wie er es seinem verstorbenen Vater kurz vor dessen Tod versprochen hat.

„Dem Betreuer geht es nur um das Geld.“ Dieser streitet die Vorwürfe ab und sagt: „Alles ist korrekt gelaufen.“ Für ihn sei die Sache klar: „Wenn Frau Glos nicht alleine daheim leben kann, dann muss sie ins Heim.“

Carina Lechner

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