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10 Jahre Viagra – die blaue Pille feiert Geburtstag

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Zehn Jahre Viagra - die blaue Pille feiert Geburtstag.
Zehn Jahre Viagra - die blaue Pille feiert Geburtstag. © dpa

Als Dr. Kornelia Hackl vor genau zehn Jahren die erste Packung Viagra auf ihren Schreibtisch bekam, ahnte sie noch nicht, dass die kleinen blauen Pillen die Potenzprobleme vieler ihrer Patienten tatsächlich lösen und deren Liebesleben wieder gehörig in Schwung bringen würden.

Doch die Münchner Urologin, damals noch junge Assistenzärztin im Krankenhaus Harlaching, wurde schnell eines Besseren belehrt: „Erst dachte ich, das wäre nur eines von vielen Medikamenten, wie sie jedes Jahr neu auf den Markt kommen. Oft halten sie nicht das, was die Hersteller versprechen. Ich war auch skeptisch wegen möglicher Nebenwirkungen. Aber schon die ersten Patienten mit Potenzschwierigkeiten, denen ich Viagra verschrieben hatte, berichteten nur ein paar Tage später begeistert über die phantastische Wirkung. Alle hatten das Präparat darüber hinaus gut vertragen. Da war mir klar, das gibt eine richtige Revolution.“

Die Ärztin behielt recht: „Viagra hat das Liebesleben der Münchner gehörig verändert. Mindestens genau so stark wie 1960 die erste Anti-Baby-Pille.“

Seit Oktober 1998 erregt Viagra unser Land. Bis heute schluckten weltweit rund 35 Millionen Männer die blaue Pille. Mit einem einfachen Rezept konnten Ärzte den Männern erstmals die Angst vor dem Versagen nehmen. Und davon waren und sind erstaunlich viele betroffen.

„Etwa jeder fünfte Mann leidet unter mehr oder weniger starken Erektionsproblemen“, erklärt Urologin Dr. Hackl. „Vor Viagra hat kaum einer der Betroffenen darüber gesprochen. Die Männer litten heimlich. Sie waren rat- und hilflos, fühlten sich ohnmächtig und verunsichert. Niemand konnte ihnen wirklich helfen. Denn die damals einzigen Möglichkeiten wie Penis-Injektionen, Vakuumpumpen oder gar Schwellkörper-Implantate sind nicht jedermanns Sache. Das ist heute ganz anders. Vor allem aber hat sich die Lebens- und Liebesqualität von Männern und Paaren deutlich verbessert.“

Nach den Erfahrungen von Kornelia Hackl leiden auch Ehefrauen und Partnerinnen unter den scheinbar nur männlichen Problemen. Sie können ihre Sexualität dann ebenfalls nicht so ausleben, wie sie möchten. Viele Frauen belastet es, wenn sich der Mann wegen seiner Erektionsstörungen zurückzieht, schweigt und körperliche Nähe vermeidet. „Frauen denken, es könnte an ihnen liegen. Wir beobachten sowohl bei Männern als auch bei Frauen Isolation, mangelndes Selbstwertgefühl und Depressionen“, so Urologin Dr. Hackl. „Die Freude am Leben geht verloren. Ich kenne Beziehungen, die in die Brüche gingen und sogar Ehen, die geschieden wurden. Denn ein erfülltes Liebesleben ist für viele Menschen eine wichtige Quelle für Lebensqualität und Lebenskraft. Es kann Stress und Aggressionen abbauen, Intimität vermitteln und damit Beziehungen stabilisieren. Viagra hat das Liebesleben vieler Paare gerettet.“Ein weiterer Erfolg der kleinen blauen Pille: Potenzstörungen sind gesellschaftsfähig geworden. Zwar wird im Freundeskreis oder an Stammtischen das Thema immer noch gern vermieden. Aber viel mehr Männer als früher sprechen heute mit ihrem Arzt ganz offen über Potenz. „Weil sie wissen, dass es jetzt eine Lösung gibt“, sagt Dr. Hackl. „Diskret mit einer Tablette zu einer Erektion und zu einem erfüllten Liebesleben zurückzukommen, ist ein beachtlicher Fortschritt.“

Diesen Fortschritt nehmen allerdings erst 20 Prozent der betroffenen Männer in Anspruch. Für manche mögen die Kosten dabei eine Rolle spielen. Denn jede einzelne Potenzpille kostet über zehn Euro und muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Neben Viagra sind das die Alternativpräparate Cialis und Levitra. Sie haben vor fünf Jahren den Markt erobert, um für dauerhafte Standfestigkeit zu sorgen. Außer ihrer Wirkweise haben alle drei Pillen noch eines gemein: Trotz aller Offenheit und Aufklärung gibt auch nach zehn Jahren kaum ein Mann zu, dass er sie braucht.

Michael Timm

Potenz-Check beim Urologen

Unter Erektionsstörungen leiden mehr Männer als viele Menschen glauben. Allein in Deutschland sind etwa fünf Millionen betroffen. Und das sind keineswegs nur die Älteren. Jeder Zehnte zwischen 30 und 39 Jahren und jeder Siebte zwischen 40 und 49 können die für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr notwendige Erektion manchmal oder immer nicht erreichen oder diese nicht ausreichend lange aufrechterhalten. Wenn es ab und zu beim Sex nicht klappt, ist der Mann aber noch längst kein Kandidat für Viagra & Co.

„Von einer Potenzstörung sprechen wir erst dann, wenn der Patient innerhalb von sechs Monaten bei den allermeisten Versuchen nicht in der Lage ist, eine ausreichende Erektion für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr zu erreichen“, erklärt Dr. Kornelia Hackl.

Bei den jüngeren Patienten sind die Gründe dafür mehr psychischer Art. Bei Männern im mittleren und höheren Alter liegen dagegen zu 70 Prozent organische Ursachen vor.

„Junge Männer“, so Dr. Hackl, „stehen beim Sex nicht selten unter Leistungsdruck. Gerade am Anfang einer neuen Beziehung wollen sie sich gern als besonders potent darstellen. Allein dieser Erfolgsdruck kann schon zum Versagen führen. Denn eine Erektion ist im Grunde ein Zeichen von Entspannung. Blutgefäße und Schwellkörper im Penis müssen sich entspannen, damit genügend Blut einströmen kann. Stresshormone, die bei psychischer Anspannung vermehrt gebildet werden, machen die Erektion dagegen schwierig, weil sie zu einer Gefäßverengung führen.“

Eine organische Gefäßverengung (Arteriosklerose) liegt dagegen bei den meisten älteren Männern vor. „Der Penis ist ganz vereinfacht dargestellt nichts anderes als ein großes Blutgefäß“, sagt Dr. Hackl. „Deshalb führen alle Risikofaktoren, die Herz und Kreislauf belasten, nicht selten auch zu Arteriosklerose in den beiden kleinen Penisarterien. Dazu gehören hohe Zucker- und Cholesterinwerte, Übergewicht, Bluthochdruck, Nikotin und mangelnde Bewegung. Wer allein diese Werte wieder in Normalbereiche zurückführt, kann einer weiteren Verschlechterung entgegenwirken. Zusätzlich können wir aber hier bereits Viagra oder ähnliche Präparate verschreiben.“

Vor jeder Behandlung einer erektilen Dysfunktion (das ist der medizinische Fachausdruck für Potenzstörung) steht eine eingehende urologische Untersuchung. Dr. Hackl bestimmt zahlreiche Blut- und Hormonwerte, tastet die Prostata ab und untersucht Schwellkörper und Penisarterien mit einem Ultraschallgerät. Zum Schluss injiziert sie eine erektionsfördernde Substanz (Prostaglandin E1) in den Penis, um zu sehen, ob und wie stark sich eine Erektion auslösen lässt „Auf diese Weise ist eine urologische Untersuchung wegen Potenzproblemen gleichzeitig eine gute Gelegenheit, wichtige Hinweise auf andere körperliche Störungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erhalten“, sagt sie.

Quelle: tz

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