Wo sind die Freiwilligen?

Verzweifelte Bufdi-Suche in München

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Ferdinand Bintrum (links) und Bufdi Ferdinand Seewald

München - Wo sind die Freiwilligen? In München und dem Landkreis werden zum 1. August und zum 1. September 381 Bufdi-Stellen frei. Jetzt klafft eine große Lücke. Ein junger Mann macht's vor.

Abiturient Ferdinand Bintrum ist 17 Jahre alt, interessiert sich für Computer und Technik und will den Führerschein machen. Klingt alles ganz alltglich – aber ohne Hilfe ist Ferdinand trotzdem aufgeschmissen. Weil er als Frühchen im sechsten Monat auf die Welt kam und eine Gehirnblutung sein motorisches Zentrum zerstörte.

Deshalb braucht Ferdinand jemanden, der ihn im Alltag unterstützt. Und so jemanden hatte er auch — bis gestern. Ferdinand hatte einen Bufdi — einen Helfer, der bei ihm seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Wie der Zufall es will heißt der auch Ferdinand, Seewald mit Nachnamen, Der 19-Jährige hat 2011 Abitur gemacht und sich danach auf eine Anzeige hin bei Familie Bintrum gemeldet.

Für beide Seiten eine super Entscheidung. Ein Jahr war der Betreuer jetzt mit Ferdinand zusammen in der Schule, um für ihn mitzuschreiben. „Er hat seine Sache gut gemacht“, lobt ihn der Ferdinand im Rollstuhl. Zwölf Monate war der eine Ferdinand für den anderen da — eine lange Zeit, die zusammenschweißt. Heute sind die beiden Freunde, treffen sich gerne und gehen zusammen ins Kino. Aber jetzt ist das Bufdi-Jahr vorbei und wie der Ferdinand im Rollstuhl nun ohne seinen Schulweghelfer seinen Alltag bewältigen soll, das weiß er nicht. Er hofft dringend, einen neuen Bufdi zu finden — und nicht nur er…

Zum 1. August und zum 1. September werden bayernweit 2789 Stellen frei, in München und dem Landkreis sind es 381 Stellen. Etwa die Hälfte der Stellen sind noch nicht neu besetzt, schätzt eine Sprecherin des Bundesamts für Familie und freiwillige Aufgaben. Also mehr als tausend freie Stellen in Bayern. Oder eigentlich sogar noch viel mehr, sagt Sabine Steidle (53) von der Vereinigung Integrationsförderung München. Vor einem Jahr wurde der Bundesfreiwilligendienst mit bundesweit 35 000 Stellen eingeführt, die die 80 000 Zivildienstleistenden ersetzten. „Es klafft eine Lücke von 50 000 Stellen!“

Auch in München gebe es viel zu wenig Bufdi-Stellen, deshalb bietet die Vereinigung Integrationsförderung 60 Stellen für Sozialpraktikanten an, die 500 Euro im Monat bekommen. Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek appelliert an die Politik, den Bundesfreiwilligendienst auszubauen und mehr Stellen zu schaffen. Er macht den Jugendlichen Mut, sich auf die freien Stellen zu bewerben — entweder direkt beim Träger oder zentral beim Bundesamt. „Die Bufdis lernen unheimlich viel, wenn sie ein Jahr lang Verantwortung für einen Behinderten übernehmen“, sagt Fussek.

Das bestätigen auch die beiden Ferdinands. Sie haben sich perfekt ergänzt, sagen sie. Und: „Es war eine tolle Zeit.“ Jetzt hoffen sie auf einen Nachfolger. Und zwar dringend!

ff/svs

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