Musik, Zwiebeln und Ramazzotti

102 Jahre und topfit: Das Geheimnis unseres Alters

München - 100 Jahre oder mehr - die Zahl der Münchner, auf die dieses Alter zutrifft, hat sich seit 2001 verdreifacht auf 365 Menschen. Wir haben zwei der liebenswerten Senioren zu Hause besucht.

Sie sind krisenfest, erfahren und lebensfroh: München kann stolz sein auf seine Hundertjährigen. Im Jahr 2014 lebten 365 Menschen im Alter von 100 Jahren und mehr in der Landeshauptstadt – diese Zahl hat sich seit 2001 verdreifacht! Dabei hätte es viele Gründe für diese Generation gegeben, den Lebensmut zu verlieren. Geboren in einer Zeit, als Autos in vielen Ecken Deutschlands noch Staunen auslösten, als ein Kaiser Reich und Heer befehligte, mussten diese Menschen zwei schreckliche Kriege, Tod und Zerstörung miterleben. Wenn man Agnes Bergmann beobachtet, wie sie wenige Tage nach ihrem 102. Geburtstag zu Lili Marleen mit feuchten Augen durch ihr Wohnzimmer tanzt, bekommt man eine Ahnung, was ein solches Leben bedeuten kann. Die tz hat zwei der liebenswerten Senioren zu Hause besucht.

In der Ruhe liegt Lizzys Kraft

Elisabeth Wagner in ihrer Wohnung am Harthof. Den Haushalt schmeißt die 100-Jährige allein.

Mit 90 Jahren dachte Elisabeth Wagner, es sei an der Zeit, noch einmal etwas zu wagen. Sie packte ihre Tochter ein und flog mit ihrer Familie nach Thailand. Es gefiel ihnen dort so gut, dass sie auch die nächsten fünf Jahre hinflogen. Noch heute trägt Elisabeth Wagner die Freundschaftsbänder am rechten Arm, von denen ihr ein thailändischer Mönch jedes Jahr eines geschenkt hatte. „Ich habe Thailand geliebt, vor allem das Meer“, sagt sie. „Dabei hatte ich panische Angst vor Wasser, weil ich als Kind beinahe ertrunken wäre.“ Ein Problem, aber kein Hindernis. Die Familie besorgte einen Schwimmreifen, Elisabeth Wagner machte es sich darauf gemütlich und ließ sich von ihrer Tochter fortan übers Wasser ziehen. Ihr Spitzname von da an: „Queen Lizzy“.

Wenig königlich geht Frau Wagner allerdings an ihren Haushalt: Auch mit 100 Jahren schmeißt sie den noch allein, geht allein einkaufen – und auch Kochen macht ihr Spaß. „Meine Tochter kocht aber auch häufig etwas mit für mich – da bin ich ihr dankbar.“ Um sich fit zu halten, geht sie jeden Mittwoch ins autogene Training. Freitags steht dann Turnen auf dem Terminplan. Der Name des Programms: „Fit für immer“.

„Bis vor Kurzem bin ich noch überallhin mit U- und S-Bahn gefahren – aber die kommen ja ständig zu spät“, sagt Elisabeth Wagner. Aufregen muss sie sich deswegen aber nicht. Überhaupt: In der Ruhe liegt all ihre Kraft. „Mein Geheimnis ist, alles so zu nehmen, wie es kommt. Mit viel Humor“, sagt Lizzy. Als sie erfährt, dass am selben Tag noch eine 102-Jährige von der Stadt geehrt wird, fragt sie: „Ist die Dame auch noch so gut beieinander wie ich? Das wär’ schön …“

Musik, Zwiebeln und Ramazzotti

Den Rhythmus im Blut: ­Agnes ­Bergmann (102, r.) und Tochter ­Ingeburg (78).

An manchen Tagen kann es passieren, dass Agnes Bergmann etwas schwerhörig ist. Manchmal streikt auch das rechte Bein. Wenn die Sprache aber auf die Musik kommt, sind die kleinen und größeren Zipperlein schnell vergessen. Dann schnellt Frau Bergmann aus ihrem Sessel, nimmt ihre Tochter Ingeburg (78) bei der Hand, schließt die Augen und singt: „Vor der Kaserne, bei dem großen Tor …“ Sie dreht sich im Kreis, summt, lacht, stampft auf den Boden – und vergisst alles um sich herum: die „netten Herren von der Zeitung“, die Verwandten, die auf einen Kaffee vorbeigeschaut haben und sogar den Herrn Stadtrat von der CSU, der zum 102. Geburtstag gratulieren will. „Wenn ich die alten Schlager höre, geht mir eben das Herz auf“, sagt Frau Bergmann dann. Woher sie diese Energie hat? „Viele Zwiebeln essen, junger Mann! Und wenn’s einem mal schwindelig wird: ein Ramazzotti hilft immer.“

Nicht nur die Schlager kann sie auswendig, auch die alten Gedichte kommen wie aus der Pistole geschossen. Genauso wie die Rezepte für ihre Leibgerichte, die sie nach wie vor jeden Tag in ihrer Sendlinger Wohnung selbst zubereitet: Gulasch, Schweinsbraten, Rouladen, Schnitzel und Fleischpflanzerl. „Und außerdem backe ich so gerne. Die Leute hier können’s bestätigen: Mein Apfelkuchen schmeckt himmlisch!“

Ihr Wunsch für die Zukunft: „Ich würde so gern noch einmal nach Brasilien, um meine Tochter zu besuchen.“ Fit genug wäre Agnes Bergmann – keine Frage. „Bloß die Krankenkasse hat bestimmt was dagegen …“

Tobias Scharnagl

Rubriklistenbild: © Bodmer

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