Chef der toxikologischen Klinik warnt in der tz:

1800 Münchner auf der Giftstation

+
Zu den gefährlichen Gift-Quellen gehören Schlangen und Spinnen, Pilze und Pflanzen, Alkohol und Drogen. Auch in München gibt es viele Betroffene.

München -  Wenn der Krankenwagen die Adresse der toxilogischen Station ansteuert, dann zählt oft jede Minute - auf Münchens größter Giftstation ist der Kampf um Leben und Tod zu Hause.

Medizinische Klinik der Technischen Universität, Toxikologische Abteilung, Ismaninger Straße 22, 81675 München: 1800 Gift-Patienten jährlich fiebern in den Betten rechts der Isar vor sich hin, ihr Schicksal liegt in den Händen von durchschnittlich etwa zehn Ärzten. Sie brauchen nicht selten detektivische Fähigkeiten, um das Gift im Blut aufzuspüren, zu analysieren und unschädlich zu machen.

Schwerstarbeit im Labor, Computer-Recherche in Datenbanken, Wirkstoffsuche in Beipackzetteln von Arzneimitteln, Blättern in Produktbeschreibungen von Unkrautvernichtern und anderer Chemikalien. Die allermeisten Patienten können die Mediziner retten, aber bei ein bis zwei Prozent der Erkrankten sind selbst die Spezialisten machtlos - statistisch gesehen sterben in München jedes Jahr also 18 bis 36 Menschen an den Folgen einer Vergiftung.

Es geht um jede Minute

Vom Spinnen- bis zum Schlangenbiss, Drogen und sogar einen Mordversuch: "Es gibt fast nichts, was wir noch nicht erlebt haben", sagt Professor Dr. Thomas Zilker.

Prof. Dr. Thomas Zilker ist Chef der toxikologischen Klinik.

In der tz erklärt der Leiter der toxikologischen Abteilung, an welchen Giften die Münchner erkranken. "Jeweils 30 Prozent unserer Patienten haben Drogen konsumiert, Alkohol getrunken oder einenSuizidversuch unternommen. Dazu kommen zehn Prozent wegen den verschiedensten Unfällen", erklärt der Experte. Besonders häufig sind Pilzvergiftungen. In seiner 30-jährigen Laufbahn hat der Mediziner bereits 28 Todesfälle erlebt, die allermeisten Opfer hatten einen Knollenblätterpilz erwischt. Dessen Gift kann zu Leberversagen führen - bis hin zum Exitus.

"Seit den 1990er- Jahren haben wir sechs Menschen in Folge von Pilzvergiftungen eine neue Leber eingepflanzt", weiß der Experte. Die Crux beim Knollenblätterpilz: Sein Gift bereitet dem Patienten erst sechs bis acht Stunden nach dem Verzehr Beschwerden - dann allerdings heftige, mit schwerem Durchfall und Erbrechen. "Wer in diesem Zeitrahmen krank wird, der muss sofort in die Klinik", warnt Zilker. Lebensgefährlich kann es auch werden, wenn Kräutersammler den schmackhaften Bärlauch mit der Herbstzeitlosen verwechseln. Die weiteren "Behandlungsklassiker": Schlangenbisse, etwa von Kreuzottern, und Rauchgasvergiftungen.

Die kuriosesten Fälle

Immer mal wieder bekommen es der Professor und sein Team mit kuriosen Fällen zu tun - einige Beispiele:

Wie bei "Arsen und Spitzenhäubchen": "Ein Ehemann hat versucht, seinen Schwiegervater zu vergiften. Dazu besorgte er sich im Ausland Arsen und streute seinem Opfer immer wieder eine Prise ins Essen", berichtet Chef-Toxikologe Zilker.

Die Spinne im Flugzeug: Ein Urlauber saß im Flieger von Argentinien nach München. Eine giftige Spinne war in die Gesäßtasche seiner Jeans gekrabbelt - plötzlich biss sie zu. 2Der ganze Oberschenkel des Patienten war schwarz, wir mussten großflächig Haut transplantieren", so Zilker.

Der Thermo-Fisch aus der Karibik: Als der Patient sich den das Meeresgetier schmecken ließ, fühlte er sich noch pudelwohl. Doch kurz darauf machte er die Hölle durch - wegen einer Fischvergiftung namens Ciguatera. Sie stammt aus tropischen Korallenriffen. Dort übertragen in Tang und Algen versteckte Kleinlebewesen die Giftsstoffe auf sonst ungefährliche Speisefische. Bei Zilkers Patient verursachte Ciguatera neurologische Ausfälle, unter anderem eine komplette Umkehr des Kalt-Warm-Empfindens. Zilker: "Der Patient fror bei Hitze und schwitzte bei Kälte."

Die Schlange vom anderen Ende der Welt: "Es ist nicht immer leicht, herauszufinden, welche Schlangenart einen Patienten gebissen hat", erinnert sich der Professor an Schwerstarbeit im Labor: "Einmal hatten wir es sogar mit dem Gift einer australischen Tigerotter zu tun." Diese Nattern leben normalerweise nur im Süden des fünften Kontinents. Aber auch wenn es sich "nur" um eine oberbayerische Kreuzotter handelt: Das erste Gegenmittel ist ein Anruf beim Giftnotruf von Professor Zilkers toxikologischer Abteilung (089/1 92 40).

Auch die "ganz harten Fälle" von der Wiesn landen in der Ismaninger Straße 22.

Und noch ein Tipp für vermeintlich trinkfeste Wiesn-Gänger: Wer in der Ismaninger Straße 22 aufwacht, der hat es ganz böse übertrieben. Zilker: "Bei uns werden pro Oktoberfest zwar nur drei bis vier Besucher mit Alkoholvergiftungen eingeliefert. Aber das sind die ganz harten Fälle."

Andreas Beez

Auch interessant

Kommentare