tz-Serie

Nach Kriegsende: Das Leben kehrt zurück

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OB Thomas Wimmer beim Ramadama.

München - Nach Kriegsende sind Wohnungssituation und Lebensmittelversorgung in München prekär. Dennoch kehrt schnell wieder ziviles Leben in die Mauern der Stadt ein. Die tz-Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren.

Am 8. Juli findet das erste Konzert der Philharmoniker im Prinzregententheater statt. Am 19. Juli gründen 100 KZ-Überlebende die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern wieder, die vor dem Krieg 12 000 Mitglieder hatte. Am 29. Juli findet das erste Löwen-Bayern-Derby statt (2:2). Am 1. August tritt der Stadtrat wieder zusammen. Am 17. September öffnen die Schulen. Die tz sprach mit Zeitzeugen.

Das große Ramadama

München ist ein Trümmerhaufen, 50 Prozent der Bausubstanz sind zerstört, in der Altstadt sind es sogar 90 Prozent. Man macht sich im Stadtrat ernsthaft Gedanken über eine völlig neue Stadt am Starnberger See. Doch das wird schnell verworfen. Dann kommen Pläne auf, den Marienplatz in eine Stadtautobahn mit Beton- und Glasquadern anstelle des Alten Rathauses wieder zu verwandeln. Für die Frauenkirche gibt es Pläne, am schwer beschädigten Chor eine moderne Betonkuppel zu errichten. Doch bereits im August 1945 entscheidet sich der Stadtrat für einen an der Tradition orientierten Wiederaufbau.

„Wir müssen unter allen Umständen trachten, die Erscheinungsform und das Bild der Altstadt zu retten..., damit wir in einigen Jahrzehnten unser liebes München wieder haben, wie es war“, überzeugt der damalige Stadtbaurat Karl Meitinger die Ratsherren. Architekten wie Erwin Schleich bauen den Alten Peter wieder auf. 1948 ruft Oberbürgermeister Thomas „Dammerl“ Wimmer (SPD) mit dem sprichwörtlich gewordenen „Ramadama“ die Münchner zum Wiederaufbau auf. Nach der Währungsreform entstehen neue Siedlungen. 1955 bis 1956 entsteht als erste größere Wohnanlage die Parkstadt Bogenhausen mit 2000 Wohnungen für 6000 Bewohner.

Elvis als GI in Giesing

Die Amerikaner machen die ehemalige „Reichszeugmeisterei“ an der Tegernseer Landstraße als „McGraw-Kaserne“ zum Sitz der US-Militärregierung. 1946 beschlagnahmt die Army über 600 Wohnungen in Harlaching als Quartiere, die angestammten Bewohner müssen ausziehen. Das Verhältnis ist gespannt. 1956 gibt es Unruhen, nachdem ein GI einen Maurer erschlägt. Von 1954 bis 1957 entsteht auf einem Hektar gerodetem Perlacher Forst die neue Amisiedlung mit 1316 Wohnungen, Kirche, Kino, Schule, Krankenhaus, Clubheim und späterem Geschäft. Zugang haben nur die Amis. Nur einmal im Jahr öffnet sich das Gelände zum „Little Oktoberfest“. Das sorgt für Völkerverständigung, zumal die Harlachinger wieder in ihre Häuser zurückdurften.

Bekanntester in München stationierter GI war Elvis Presley, der von 1. Oktober 1958 bis 2. März 1960 in Giesing war. Schauspielerin Vera Tschechowa zeigt ihm das Bavaria-Filmgelände und den Starnberger See. 1992 ziehen die Amis nach dem Ende des Kalten Krieges ab.

Teenager-Partys & Jazz im Radio

Ulrike Zunner ist acht Jahre alt, als die Amis am 30. April 1945 durch Großhadern ziehen, wo sie damals wohnt. „Die Amerikaner waren rund um den Waldfriedhof, sie wollten uns etwas zu essen geben. Wir haben uns aber nicht getraut, etwas zu nehmen, unsere Mutter hatte es uns verboten.“ Doch die GIs werfen den Kindern Kaugummi und Schokolade zu. „Vor allem die Schwarzen, die wir zuvor nie gesehen hatten, waren sehr freundlich zu uns.“ Ihr Vater war 1945 Presseoffizier bei der Luftwaffe. „Er war in der Partei, zur Entnazifizierung musste er Schutt wegräumen.“ Die Welt der Kinder ändert sich: Statt dem Horst-Wessel-Lied kommt nun Jazz und Swing aus dem Radio: „Als ich das erste Mal Glenn Miller hörte, habe ich fast geweint. Ich wusste nicht, dass es so etwas Tolles gibt!“, sagt Ulrike Zunner. Mit 16 zieht sie aus, arbeitet in einem BRK- Waisenhaus am Starnberger See. Heute lebt sie in einem alten Bauernhof bei Simbach am Inn (Niederbayern) und malt Aquarelle.

Kriegsende 1945 in München: So waren die letzten Tage

Veranstaltungen zum Kriegsende

Am Freitag spricht Alt-OB Ude um 16 Uhr im Schloss Fürstenried (Forst-Kasten-Allee 103). Im Künstlerhaus (Lenbachplatz 8) ist um 17 Uhr die Podiumsdiskussion 70 Jahre Kriegsende – Frieden und Freiheit für die Zukunft Europas (Schirmherr: Johannes Singhammer). Schauspieler Günter Lamprecht liest um 20 Uhr im Mathäser Filmpalast aus der Autobiographie „Und wehmütig bin ich immer noch“.

Das geschah vor 70 Jahren: Dienstag, 8. Mai 1945

München: Neun Grad am Vormittag, tagsüber sommerliche 25 Grad. Dr. Anton Fingerle wird zum berufsmäßigen Stadtrat für das Schul- und Kultusreferat berufen.

Bayern: In Tutzing sterben die beiden am 30. April befreiten ehemaligen KZ-Häftlinge Leopold Scheiner (geboren 1907) und Magda Rosenblum, (geboren 1926) an den Folgen ihrer Misshandlungen.

Wilhelm Keitel unterschreibt die Kapitulations-Urkunde.

Welt: Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht tritt in Kraft. Oberkommandierender Wilhelm Keitel unterschreibt in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde. In den alliierten Staaten wird der V-E Day gefeiert für: Victory in Europe Day. Sieben deutsche, noch im Atlantik-Einsatz befindliche U-Boote nehmen Kurs auf die US-Küste und ergeben sich bis 19. Mai 1945. Die Boote U-530 und U-977 flüchten nach Argentinien. Reichsmarschall Hermann Göring wird in Kitzbühel von der US-Armee gefangen genommen.

Johannes Welte

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