tz-Serie zum Ende des 2. Weltkriegs

Die Arbeitssklaven in München

München - Die tz-Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs widmet sich heute den Arbeitssklaven.

Über 120 000 Zwangsarbeiter schufteten zu Kriegsende für den deutschen „Endsieg“. Insgesamt waren es rund 13 Millionen Menschen, davon etwa 4,6 Millionen Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich. Die Hälfte der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, ein Drittel in Bau und Rüstung sowie ein Viertel im Bergbau waren Zwangsarbeiter. Etwa zweieinhalb Millionen Menschen, vor allem sowjetische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, überlebten diese Zwangsarbeit nicht. Die Menschen schliefen in Privatquartieren, Sälen, Fabrikhallen und Scheunen – oder in Barackenlagern, wo viele bei alliierten Luftangriffen starben. In München gab es 400 derartiger Unterkünfte, etwa nahe der Dornier-Flugzeugwerken und des Reichsbahn-Ausbesserungswerks in Aubing, bei BMW in Allach oder bei Loden-Frey. Die Gefangenen mussten auch als Bombensuchkommando oder für Gestapo und SS schuften. Nach Kriegsende wurden die Zwangsarbeiter in ihre Heimatländer zurückgebracht, doch viele wollten nicht in ihre nun kommunistisch regierten Länder zurück: In der Sowjetunion wurden 157 000 Heimkehrer wegen des Verdachts der Kollaboration hingerichtet! Die Heimatlosen lebten in den Ex-Zwangsarbeiterlagern als „Displaced Persons“. Das letzte dieser DP-Lager wurde 1957 in Geretsried geschlossen.

J. Welte

Ich wurde aus der Ukraine nach München verschleppt

Hanna Schapowanowa.

Als Hanna Schapowanowa zum 70. Jahrestag ihrer Befreiung München besucht und ihre Geschichte erzählt, zuckt ihre rechte Hand unablässig über die schwarze Stoffhose. Die Dolmetscherin muss die 75-jährige Ukrainerin immer wieder bremsen, um mit dem Übersetzen hinterherzukommen. Oft bricht ihre Stimme, ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Als ich vier Jahre alt war, kam die Wehrmacht. Die Soldaten befanden sich auf dem Rückzug, sie haben mich, meine beiden Brüder und meine Eltern nach Deutschland verschleppt.“

Die kleine Hanna kommt mit ihrer Familie nach München in das Arbeitslager Eggarten. Ihre Eltern müssen jeden Tag in der benachbarten Fabrik schuften, irgendwann auch ihre Brüder. Einer wird die Plagerei nicht überleben. Jeden Morgen wird die Familie mit den gleichen Worten geweckt: „Schnell, schnell!“ Dieses deutsche Wort wird Schapo­wanowa niemals ­vergessen. „­Das Schlimmste war der Fliegeralarm!“, sagt sie. „Die Erwachsenen, die auf uns aufpassen sollten, flüchteten in den Bunker. Uns Kinder haben sie einfach zurückgelassen.“ Trotzdem überlebt sie.

Im Oktober 1945 kann sie zurück in die Ukraine. „München aber wird immer ein Teil meiner Kindheit bleiben.“

Dass sie die Erinnerungen viel Kraft kosten, sieht man ihr an. Trotzdem, als sie einmal angefangen hat, sprudeln die Worte unaufhörlich aus ihr hervor: „Mir fällt es schwer, über den alten Krieg zu sprechen – wir haben ja schon wieder einen neuen in der Ukraine. Das reißt alte Wunden auf.“

Tobias Scharnagl

Die Mädchen sangen wehmütig von ihrer Heimat

In der elterlichen Wäscherei von Klaus Reindl (82) arbeiteten im Krieg ebenfalls Kriegsgefangene: „Die französischen Kriegsgefangenen wurden morgens zu Fuß mit Bewachung gebracht und abends wieder abgeholt. Ihr Lager lag an der Ganghoferbrücke. Die ukrainischen Mädchen wurden aus ihrer von den deutschen Truppen besetzten Heimat zur Arbeit nach Deutschland zwangsdeportiert. Die meisten waren 17 oder 18 Jahre alt, hatten sehr Heimweh und sangen mir ihre meist weh- und schwermütigen Heimatlieder vor, während wir gemeinsam an den Wäschemangeln arbeiteten. Nicht selten hatten sie und ich dann Tränen in den Augen, denn ich ahnte durch meinen Aufenthalt im HJ-Lager ein klein wenig, was Heimweh war.“

Das geschah vor 70 Jahren

München: Morgens ist es frisch, drei Grad zeigt das Thermometer. Am Nachmittag steigt es bis auf 15 Grad, es bleibt trocken. Die US-Armee bestellt kommissarische Ortsverwaltungen in den Außenbezirken wie Aubing, Allach, Obermenzing, Untermenzing, Pasing, Großhadern, Perlach, Freimann, Feldmoching, Moosach und Laim. OB Karl Scharnagl (später CSU) erlässt ihnen die dazu notwendigen Vollmachten. Der Wiederaufbau der schwer beschädigten Michaelskirche (Berg am Laim) beginnt.

Bayern: Auf dem von Februar bis 27. April von der SS angelegten und benutzten KZ-Friedhof Dachau Leitenberg im Dachauer Ortsteil Etzenhausen werden in zwei zusätzlich angelegten Massengräbern wieder Tote bestattet: Bis zum 18. Mai 1945 werden dort 1879 ermordete KZ-Häftlinge sowie bei die Kampfhandlungen um Dachau gefallenen Wehrmachtsoldaten beigesetzt.

Welt: Die Stadt Breslau kapituliert nach der Schlacht um Breslau vor der Roten Armee. Berlin wird vollständig von der Roten Armee eingenommen.

Eine deutsche Delegation mit Generaloberst Al­fred Jodl trifft im Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa in Reims ein. Sie ist von Reichspräsident und Großadmiral Karl Dönitz zur Unterzeichnung einer bedingungslosen Kapitulation bevollmächtigt. Reichsführer SS Heinrich Himmler wird von Dönitz aus allen seinen Ämtern entlassen.

Der von Kurt Schumacher initiierte Ortsverein Hannover der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird ins Leben gerufen. Sie ist die Keimzelle für den Wiederaufbau der SPD.

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So waren die letzten Kriegstage in München

Rubriklistenbild: © Jantz

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