tz-Serie zum Ende des 2. Weltkriegs

Die Zeit des Plünderns in München

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Münchner Bürger räumen ein Warenlager leer.

München - Schon während die Macht des NS-Regimes schwindet, brechen Not und Hunger dem Chaos Bahn. München wird zur Stadt der Plünderer – auch, als die Amerikaner die Stadt übernommen haben.

Auf den Straßen blüht der Schwarzmarkt – hier wird auch erbeutetes Plündergut gehandelt.

Gauleiter Paul Giesler klammert sich noch an sein Amt, als am 28. April die Freiheitsaktion den Waffenstillstand erklärt. Der Putsch scheitert, doch gegen 19 Uhr bewegt sich ein gespenstischer Zug durch die Stadt. Hunderte Münchner ziehen mit Fahrrädern, Handwagen, Säcken und Wäschekörben durch die Landsberger Straße zum Hauptzollamt, um die riesigen Lager zu leeren. Eine Münchnerin schreibt später in ihr Tagebuch: „Es ist furchtbar anzusehen, wie gierig und rücksichtslos die meisten sind, sich mit Ellbogen und Fäusten in diesem fürchterlichen Gedränge Platz verschaffen … Die Menschheit ist eine Bestie – nie habe ich sie so entfesselt und hemmungslos gesehen.“ Doch die Menschen sind schlicht ausgehungert: Für den „Normalversorgungsberechtigten” gab es pro Woche 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch, 125 Gramm Fett, 75 Gramm Nährmittel, 125 Gramm Zucker oder Marmelade in doppelter Menge.

Ein invalider Ex-Soldat bettelt um Almosen.

Als die Amerikaner eingetroffen sind, geht das Plündern weiter. Die Polizei muss machtlos zusehen, sie darf erst am 10. Mai wieder ihre Arbeit aufnehmen, doch ihre Verstrickungen mit dem NS-Regime nagen an ihrer Akzeptanz. Die Folgen: Bei der Plünderung des Arzbergerkellers in der Nymphenburger Straße wird am 5. Mai eine Frau mit einer Flasche erschlagen. Auf der Praterinsel wird die Likörfabrik Riemerschmid geplündert, am 8. Mai entzünden Plünderer in Berg am Laim mit einer weggeworfenen Zigarettenkippe einen mit Munition beladenen Eisenbahnwaggon. Elf Menschen sterben. Was die Menschen nicht für sich selbst brauchen, wird am Schwarzmarkt gehandelt.

Hubert von Seidlein.

Auch Robert Seidenader, damals 15, versuchte in einem Versorgungslager in der Rosenheimer Straße für seine Eltern, seine Schwester und sich etwas zum Essen zu organisieren: „Dort war der Fußboden zehn Zentimeter hoch mit zertrampelter Butter und Käse bedeckt, die Frauen mussten die Schuhe ausziehen, um durchwaten zu können.“ Und als Hubert von Seidlein, damals 16 und heute Seniorchef im Radspielerhaus, nach Kriegsende mit seinem Vater vom Landhaus der Familie am Schliersee in das Familiengeschäft in der Altstadt zurückkehrte, hatte nicht nur eine Bombe das Haus und Fenster beschädigt: „Plünderer hatten alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war.“

Johannes Welte

Betrüger als Polizeivizepräsident

Ausgerechnet ein Betrüger hatte sich im Mai 1945 den Amerikanern als Polizeivizepräsident angedient. Bei der Besetzung Münchens am 30. April führte er die GIs in das Präsidium und teilte mit, dass dort die Gestapo sei – mit der Folge, dass man die anwesenden Polizisten vorübergehend gefangennahm, bis das Missverständnis geklärt war. Dennoch schaffte es Eduard Frenkel, von den Amis als Polizeivizepräsident eingesetzt zu werden! „Seine Tätigkeit war nach einigen Wochen abgeschlossen. Er besaß keinerlei Polizeikenntnisse und war deshalb auf diesem Posten nicht für die Dauer verwendbar“, heißt es lakonisch in einem Bericht von 1945.

Das geschah vor 70 Jahren

München: In der Früh hat es nur zwei Grad plus, tagsüber klettert das Thermometer auf 16 Grad, es bleibt trocken. Durch die Explosion zweier Munitionswaggons in Berg am Laim werden in St. Michael die Deckengemälde von Johann Baptist Zimmermann weiter beschädigt, nachdem die Kirche schon bei einem Bombenangriff im Februar schwer beschädigt worden war. Da keine Tageszeitungen erscheinen, werden die Zäune an den zentral gelegenen Ruinen zu großen Anschlagbrettern umfunktioniert. Tauschangebote, Verkaufsangebote, Verlustanzeigen, Vermisstenmeldungen. Die Menschen drängen sich davor.

Bayern: Die Heeresgruppe G kapituliert im Thorak-Gebäude in Baldham bei Vaterstetten. Damit ergeben sich die deutschen Truppen in Süddeutschland und Westösterreich. In Schneizlreuth bei Bad Reichenhall und Lofer verschanzen sich noch Wehrmachtssoldaten, von der SS zum Halten der Stellung gezwungen. Gegen Mittag machen amerikanische und französische Soldaten auch diesem Spuk ein Ende. Dabei sterben zwei deutsche Wehrmachtssoldaten und ein französischer Soldat. Es war vermutlich das letzte Gefecht des Krieges in Bayern.

In der Nacht verschwinden auch alle SS-Soldaten, die in der Jachenau auf die anrückenden Amerikaner warteten, in die umliegenden Wälder und Berge. Am Nachmittag marschieren auch hier die Amerikaner ein. Ganz Bayern ist nun besetzt.

Welt: Der Militärbefehlshaber von Linz (Österreich) kapituliert. US-Truppen befreien, als letztes der zahlreichen Konzentrationslager, das nahegelegene KZ Mauthausen. Kampfruhe auch im Norddeutschen Raum. Ende der Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht. Waffenstillstand und Befreiung auch in den Niederlanden. Beginn des Prager Aufstands gegen die deutsche Besatzungsmacht.

Die schweizerische Regierung in Bern bricht die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab.

Japans Regierung wirft dem deutschen Botschafter in Tokio, Heinrich Stahmer, vor, das Deutsche Reich habe seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Japan verletzt.

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