24-Stunden-Schicht eines Arztes: Das Protokoll

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Berichtet über eine 24-Stunden-Schicht: Anästhesist Florian Heinz (31)

München - Ärzte bekommen mehr Geld. Auch der Münchner Florian Heinz (31), der seit August 2010 als Anästhesist am Universitätsklinikum Großhadern arbeitet, ist erleichtert. Für die tz protokollierte er eine Feiertagsschicht.

Tausende Patienten können aufatmen: Der für diesen Montag geplante Ärztestreik an Deutschlands Universitätskliniken ist abgewendet. Ärzte- und Klinikvertreter einigten sich in letzter Sekunde: Die rund 20 000 betroffenen Mediziner erhalten 3,6 Prozent mehr Gehalt und einmalig 350 Euro. Außerdem werden künftig Nachtarbeit und Bereitschaftsdienst deutlich besser bezahlt.

Nicht nur die Patienten sind froh, dass es doch noch zu einem Kompromiss kam, auch die Ärzte. „Ich bin erleichtert. Kein Arzt streikt gern“, meinte der Münchner Florian Heinz (31), der seit August 2010 als Anästhesist am Universitätsklinikum Großhadern arbeitet. Er ist vor allem froh, dass Nacht- und Bereitschaftsdienst jetzt besser bezahlt werden. Denn für einen 24-Stunden-Dienst erhielt ein Arzt bisher kaum mehr als zehn Euro netto in der Stunde! Nachtarbeit wurde bisher mit einem Zuschlag von 1,28 Euro vergütet! Heinz: „Künftig erhalten wir einen Zuschlag in Höhe von 20 Prozent je Stunde, auch für die Bereitschaftsdienste. Das ist in Ordnung.“

Was bedeutet es, 24 Stunden Bereitschaft zu haben? Für die tz protokolliert Florian Heinz eine Feiertagsschicht – und den harten Alltag im OP:

7.30 Uhr: Dienstbeginn mit Frühbesprechung und Einteilung für die OPs. Anschließend Frühstück in der Kantine mit Kaffee, Brezenzopf mit Butter und Honig.

9 Uhr: Erste OP. Bei einem Dialysepatienten ist der Shunt (die Verbindung) verstopft, mit der die Dialyse durchgeführt wird. Heinz ist für seine Narkose zuständig und während der OP für die Überwachung des Patienten. Dazu hat er zwei Monitore, die ihm praktisch jeden Wert liefern, wie z.B. EKG, Blutdruck oder die Sauerstoffsättigung des Blutes. „Ich stehe meistens und verfolge den Fortschritt der OP.“

10 Uhr: Zweite OP. Die Patientin hat eine Unterarmfraktur, dafür reicht eine Plexus-Anästhesie (die Betäubung bestimmter Nervenbündel) aus.

12 Uhr: Dritte OP. Der Patient hat ein infiziertes Sprunggelenk. Für die Spülung erhält er eine Spinal-Anästhesie, eine rückenmarksnahe Form der Regionalanästhesie.

13.30 Uhr: Narkose bei einer Frau von einer Normalstation. Die Patientin leidet nach mehreren Baucheingriffen und kompliziertem Verlauf an einer Wundheilstörung und muss erneut mit Vollnarkose operiert werden.

16.45 Uhr: Für ein Mittagessen war bisher keine Zeit. Bleibt nur der Weg zum Automaten für ein Getränk und einen Schokoriegel.

17 Uhr: Fünfte OP. Heinz übernimmt die Narkose von einer Kollegin, die sich um einen Patienten auf der Intensivstation kümmern muss. Es handelt sich um einen mehrstündigen orthopädischen Eingriff.

19 Uhr: Zeit für ein Abendessen vom Lieferservice: Heinz mag asiatisch ganz gern, er bestellt Thai-Curry.

21 Uhr: Eine Patientin auf der Intensivstation muss an der Ferse operiert werden – wieder mit Vollnarkose.

23.30 Uhr: Heinz kann durchatmen, Aber nicht gleich einschlafen: „Es dauert ein bisschen, bis man runterkommt. Er ratscht mit einem Kollegen, dann schaut man gemeinsam noch ein wenig TV.

1 Uhr: Endlich bekommt Heinz in seinem kleinen Ruheraum etwas Schlaf. „Theoretisch kann man bis zur Frühbesprechung um 7.30 Uhr durchschlafen.“ Aber Heinz schläft nie gut, wenn er in der Klinik ist – und in dieser Nacht wird er um 2 Uhr wieder geweckt.

2.15 Uhr: Not-OP. Ein Patientin hat Anzeichen eines beginnenden Organversagens. Heinz ist bis 7.30 Uhr im OP, dann wird er von einem Kollegen abgelöst.

Jetzt hat er 24 Stunden frei. Der nächste Dienst beginnt wieder mit der Frühschicht um 7.30 Uhr.

Wie geht man mit solchen Strapazen, mit dieser Verantwortung um? Heinz sagt dazu nur: „Arzt ist für mich der schönste Beruf der Welt.“ Menschen zu helfen, ist für ihn die Erfüllung eines Traumes. Immer und überall: „Wenn’s geht, möchte ich in ein paar Jahren für Ärzte ohne Grenzen arbeiten.“

Wolfgang de Ponte

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