2700 Männer müssen zur Speichelprobe!

München - Michaela Eisch (8) wurde im Mai 1985 getötet. Jetzt, 26 Jahre danach, haben Experten des Instituts für Rechtsmedizin eine DNA-Spur isoliert. 2700 Männer müssen eine Speichelprobe abgeben.

Es war eine Nachricht, die die Münchner Mordkommission regelrecht elektrisierte: Experten des Instituts für Rechtsmedizin hatten eine DNA-Spur isoliert – von einem Mordfall, der vielen Münchnern auch 26 Jahre nach der Tat keine Ruhe lässt. Michaela Eisch wurde im Mai 1985 missbraucht und getötet. Sie wurde acht Jahre alt. Ihr Mörder konnte nie gefasst werden – trotz fieberhafter Ermittlungen.

Wegen der DNA-Spur wird jetzt der größte Speicheltest in der Münchner Kriminalgeschichte durchgeführt. Rund 2700 Männer im Alter zwischen 50 und 70 Jahren bekommen in den nächsten Tagen Post von der Mordkommission. Sie werden aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben. „Unser Ziel ist es, jeden Mord aufzuklären“, begründet Markus Kraus, Chef der Mordkommission, die Aktion. Zwei Zeuginnen hatten Michaela am Tattag unabhängig voneinander in der Nähe des Tatortes, der Braunauer Eisenbahnbrücke, mit einem etwa 30 Jahre alten Mann (heute Mitte 50 oder älter) gesehen. „Die beiden haben vertraut gewirkt“, sagt Staatsanwältin Nicole Selzam. „Deshalb vermuten wir, dass Michaela den Täter zumindest vom Sehen her kannte“.

Michaela Eisch lebte 1985 mit ihrer Mutter in der Bad-Schachener-Straße, in der so genannten Maikäfersiedlung. Damals waren hier und in der fußläufigen Umgebung rund 3000 Männer gemeldet, die zur Tatzeit zwischen 25 und 40 Jahre alt gewesen sind. Davon leben heute noch gut 1750 Männer im Großraum München, etwa 600 Männer sind weggezogen, gut 260 damals in der Maikäfersiedlung Gemeldete sind inzwischen gestorben.

Vom 8. bis 10. Juli wird der Massenspeicheltest in der Turnhalle des Polizeigebäudes an der Bad-Schachener-Straße durchgeführt. „Auf freiwilliger Basis“, betont Staatsanwältin Nicole Selzam. Wer sich weigere, würde deshalb nicht automatisch unter Verdacht geraten.

Jeden Verdacht haben die Mordermittler bei Männern aus dem unmittelbaren Bekannten- und Freundeskreis von Michaelas Mutter bereits ausgeräumt. „Ihre DNA stimmt nicht mit der Spur überein“, erklärt Mordkommissions-Chef Markus Kraus.

jam

tz-Stichwort: Speichelprobe

Eigentlich ist der Begriff nicht ganz zutreffend. Denn es wird kein Speichel entnommen, ­sondern ­vorwiegend Zellmaterial aus der Mundschleimhaut ­gesichert – in der Regel per Wattestäbchen, das in den Wangentaschen der betreffenden Person mehrmals gerieben wird. Aus den Zellen wird dann ein DNA-Profil gewonnen: ein genetischer Fingerabdruck.

Bei einer Speichelprobe für ­kriminalistische Zwecke muss ein Polizist anwesend sein. Der erste Sexualstraftäter, der in Deutschland durch einen ­DNA-Massentest überführt werden konnte, war der dreifache Familienvater Ronny ­Rieken, 1998. Im selben Jahr entstand die DNA-Analyse­datei – eine ­Ko­ope­ration der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes.

Das geschah am 17. Mai 1985

„Du darfst nie mit einem Fremden mitgehen!“ „Weiß ich doch, Mami!“ Oft hatte die geschiedene Kellnerin Helga Eisch ihrer Tochter diesen Satz eingebleut. Ihr „Mickymäuschen“, wie Eisch ihre Tochter liebevoll nannte, war nun mal ein zutrauliches Kind. Doch alle Mahnungen waren umsonst: Im Mai 1985, vor 26 Jahren, verschwand das Ein und Alles der damals 28-Jährigen. Nach einem Monat die furchtbare Gewissheit: Michaela ist tot. Sie wurde vergewaltigt und ermordet. Die Leiche wurde gefunden, aber der Fall bis heute nicht aufgeklärt.

Der 17. Mai 1985 begann wie viele Tage: Um fünf Uhr verließ Helga Eisch die Wohnung in der Bad-Schachener-Straße, um im Frühstücksservice des Alpenhotels an der Kolpingstraße (Nähe Hauptbahnhof) zu arbeiten. Ihrer Tochter hatte sie wie stets das Frühstück bereitet, die rote Lederbörse mit dem Wohnungsschlüssel und etwas Geld auf den Tisch gelegt. Um acht Uhr stand Michaela auf, um 12 Uhr mittags wollte sie ihre Mama vom Hotel abholen. Und: Erstmals durfte Michaela an diesem Tag allein mit der U-Bahn fahren: vom Innsbrucker Ring zum Hauptbahnhof.

Am Vormittag des 17. Mai war Michaela auf dem Spielplatz und bei der Oma. Noch um 10.20 Uhr telefonierte sie mit ihrer Mutter: „Ich komme bald“ – das waren die letzten Worte des achtjährigen Mädchens. Ihre Freundin begleitete das Kind zur U-Bahn-Haltestelle. Doch Michaela Eisch kam wohl nie am Alpenhotel an. Gegen 17 Uhr sahen zwei Frauen das Mädchen mit einem Mann in der Nähe des späteren Fundortes ihrer Leiche an der Braunauer Eisenbahnbrücke. Die Mordkommission vernahm 1600 Männer, nicht nur in Berg am Laim, wo Mutter und Tochter lebten: Anwohner, Kleingärtner, Stadtstreicher, Jogger. Erfolglos.

Gottesdienst und Trauermarsch

„An den Mörder von Michaela, fühl dich nicht so sicher in deinem Leben, denn auch dir kommt man dank moderner Ermittlungstechnik genauso auf die Schliche wie im Mordfall Dennis dem Maskenmann Martin N.“ Diese drastischen Worte sind im Trauerbuch von Michaela Eisch an den unbekannten Täter gerichtet. Heinz K. hat die Seite im Internet eingerichtet. „Damit Michaelas Schicksal nie vergessen wird.“

Der Vater zweier Kinder pflegt seit Jahren gemeinsam mit anderen Mitstreitern Michaelas Grab und das ihrer verstorbenen Mutter sowie das der Oma auf dem Ostfriedhof. Damit Michaelas Schicksal nicht nur im Internet unvergessen bleibt, ruft Heinz K. am 21. Mai zu einem Gedenkzug für das kleine Mädchen auf, das so grausam sterben musste.

Der Trauermarsch beginnt um 10 Uhr an der Braunauer Eisenbahnbrücke Höhe Wittelsbacher Straße 24 beim Kraftwerk. An dieser Stelle fand ein Arbeiter Michaelas Leiche im Gebüsch. Pfarrer Rainer Maria Schießler wird hier einen Gedengottesdienst für Michaela halten. Anschließend geht es zu Fuß zur Kirche St. Maximilian im Glockenbachviertel. In dem Gotteshaus sollen Kerzen für Michaela Eisch angezündet werden.

tz

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