"Meine Wunden sind verheilt"

40 Jahre nach der Entführung: Oetker (64) macht Opfern Mut

+
Richard Oetker (64) sprach im Seehaus über seine Entführung im Dezember 1976.

München - Man erwartet einen gebrochenen Mann. Wer entführt wird, mit Stromschlägen malträtiert und 48 Stunden in einer 1,44 Meter kurzen Holzkiste eingesperrt wird – der muss doch vor dem Leben in die Knie gehen! Nicht so Richard Oetker (64).

Er hat die Entführung überlebt und sagt heute: Ich war mein Leben lang Optimist – auch in der Holzkiste!“ Oetker war selbst Opfer, heute hilft er als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Weißer Ring Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden. Finanziell, aber auch ideell. Ihnen macht er Mut: „Wir Menschen sind viel stärker als wir glauben.“

Die Geschichte seiner Entführung erzählt Richard Oetker am Dienstagabend im Münchner Seehaus routiniert und mit fester Stimme. Titel: Der Weg aus der Opferrolle. Richard Oetker, weißes Haar, breite Schultern, wuchtige Gestalt, humpelt auf die Bühne und lässt sich schwer auf dem Stuhl nieder. Die Oberschenkelhals- und Wirbelbrüche von damals waren der Preis fürs Überleben. „All das ist sehr lange her“, sagt er. Trotzdem sei ihm dieser 14. Dezember 1976 „dann doch sehr gut in Erinnerung geblieben“. Das erste Anzeichen der bemerkenswerten Ironie, die in Oetkers Vortrag immer wieder aufblitzt.

Dann jedoch folgt eine Chronik des Grauens. Der Überfall auf dem Freisinger Hochschul-Parkplatz mit vorgehaltener Pistole, die finstre Holzkiste, die Fesseln, die Stunden der Ungewissheit. „Mein Körper bebte – vor Kälte und vor Angst.“ Der Entführer, der arbeitslose Dieter Zlof, sagte zu Oetker: „Du brauchst keine Angst zu haben, dein Leben zu verlieren – wenn du tust, was ich dir sage.“ Und später dann der Stromstoß, der Oetker fast das Leben gekostet hätte. Durch den Schlag zog sich jeder Muskel im Körper zusammen. Oetker aber war gefesselt: „Ich habe mir mit meiner eigenen Muskelkraft die Knochen gebrochen.“ Daher die Gehbeschwerden noch heute.

Schilderungen, welche die Zuhörer auch 40 Jahre später noch zusammenzucken lassen. Oetker lässt sein Publikum immer wieder zucken – bald immer häufiger, weil er es zum Lachen bringt. Was er als Erstes gemacht habe, als ihn sein Entführer in dem Waldstück freigelassen habe? „Weihnachtsmusik im Autoradio gehört.“ Vergeben könne er seinem Entführer nie, sagt Oetker. „Dafür war alles zu minutiös geplant, der hat die Entführung gewollt.“ Aber: „Ich verspüre keinen Hass und wollte nie Rache.“

Ihm reichte schon ein – geplanter, aber nie ausgeführter – Streich. Jahre nach der Entführung, Zlof war schon auf freiem Fuß und ein Teil des Lösegeldes unwiederbringlich verloren, habe ihm ein befreundeter Polizist einen interessanten Vorschlag gemacht. Der Polizist wollte mit Oetker zusammen den Entführer Zlof besuchen. „Der hatte mittlerweile irgendwo eine Würstlbude.“ Der Polizist schlug vor, dorthin zu fahren und sich eine Wurst zu gönnen. „Denn bezahlt ist ja schon.“

Die Entführung

Dienstag, 14. Dezember 1976: Entführer Dieter Zlof lauert dem Studenten Richard Oetker auf dem Parkplatz der Weihenstephan-Hochschule auf und zwingt den 1,94-Hünen mit vorgehaltener Pistole in eine 1,44 Meter lange Kiste. 48 Stunden dauert Oetkers Martyrium, durch Stromschläge in der Kiste erleidet er schwere Verletzungen. Der Täter fordert 21 Millionen Mark, am 16. Dezember übergibt Richard Oetkers Bruder August das Geld bei einer Apotheke im Stachus-Untergeschoss. Zlof lässt Oetker frei und wird zwei Jahre später festgenommen. 1980 wird Zlof in einem Indizienprozess zu 15 Jahren Haft verurteilt. 13,5 Millionen Mark tauchen Jahre später wieder auf.

Tobias Scharnagl

Auch interessant

Meistgelesen

München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 

Kommentare