Giesinger Geistlicher im Interview

Münchner Pfarrer über die 7 modernen Todsünden: Gehört Tinder auch dazu?

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Tinder steht vor allem bei der jüngeren Generation hoch im Kurs.

Ist unser Leben zügel- und maßlos geworden? In der Karwoche denken viele darüber nach, was Sünde ist. Wo heute noch die sieben biblischen Todsünden lauern, darüber haben wir mit Monsignore Engelbert Dirnberger, Pfarrer im Giesinger Pfarrverbund Heilig Kreuz gesprochen.

München – Bevor Engelbert Dirnberger (52) Pfarrer wurde, arbeitete er als Unternehmensberater und Bundesbanker. Er kennt das Leben in vielen Facetten – und übersetzt uns die Todsünden ins Heute.

Hochmut

„Der ist heutzutage gar nicht so einfach einzugrenzen, weil darin auch Stolz steckt. Man darf aber zu Recht auf etwas stolz sein, wenn man etwas Tolles geleistet hat oder auf der Karriereleiter hochgeklettert ist. Hochmut bedeutet eher Arroganz: Ich erhebe mich über die anderen, ich glaube, dass ich etwas Besseres bin. Aus christlicher Lehre sind wir Brüder und Schwestern alle gleich geliebt von Gott. Jemand, der sich darüber erhebt, verliert Freundschaften, Menschen, die ihn gernhaben; er fällt ein Stück heraus aus der Gemeinschaft. Wer sich selbst hervorheben muss, hat zu seinem eigenen tieferen Wert noch gar nicht gefunden. Sonst bräuchte er das nicht. Aber in diesem Punkt steht auch die Kirche mitten im Leben – sie ist von Hochmut bedroht wie jeder Mensch. Auch hier gibt es Bedürfnisse nach Macht, nach Gesehenwerden, nach Anerkennung. Das kann auch ihrer Überzeugungskraft schaden.“

Geiz und Habgier

„Ganz einfach würde man sagen: Her damit, und ich geb’ nichts mehr ab! Das kann übertriebene Sparsamkeit sein, meistens ist es aber der Unwille zu teilen. Ansatzweise hatten wir das bei der Flüchtlingsthematik: Wer kommt da? Was wird mir genommen von dem, was ich mir, vielleicht auch sehr mühsam, angeeignet habe? Bei einem Menschen, der sich schon schwertut, seine Miete zu zahlen, geht es eher um Selbsterhalt. Aber es gibt ja auch Leute, die fahren den dritten SUV und haben dennoch den Eindruck, dass ihnen etwas genommen wird. Doch Gemeinschaft funktioniert nur, wenn alle etwas hergeben, zum Beispiel auch Steuern zahlen. Sie zu hinterziehen, um das Seinige immer noch größer zu machen, ist Habgier.“

Wollust

„Dazu zählen auch Ausschweifung, Genusssucht und Begehren. Letztlich stecken sexuelle Begierde und Lust dahinter – da hat die Kirche nicht unbedingt ein entspanntes Verhältnis dazu. Ich find’s ein bisserl schade, weil ich glaube, dass Sexualität ein wichtiger Impuls des Menschen ist. Und Erotik ist ja auch eine Anziehungskraft, die Zwischenmenschliches fördert. Wenn der sexuelle Impuls aber ungezügelt bleibt, wird der Mensch zum Objekt sexueller Begierde und ist nicht mehr das, was er sein soll: Subjekt, etwas Wertvolles in jeder Situation des Lebens. Deswegen braucht es dafür Verantwortung. Wenn man sich in Partnerprofilen wie Tinder nur noch als Sexualobjekt wahrnimmt und gar nicht mehr herausfindet, weil es zur Sucht wird, sich darzustellen und seinen Marktwert zu überprüfen, dann ist die Frage laut zu stellen: Wird das deinem Wert gerecht? Im alltäglichen Beziehungsleben sollte Sexualität zueinander führen und nicht einander zur Ware machen.“

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Jähzorn und Wut

„Bei dem Wort Zorn habe ich immer dieses rot angelaufene Kind vor Augen, das in der Ecke sitzt, um sich schmeißt, aber gar keinen Zugriff mehr auf sich selbst hat. Der Zorn koppelt uns ab von dem, was wir sonst sind. Zur Todsünde gehört, Zorn bewusst auszuleben und nicht bereit zu sein, in sich hineinzuschauen, woher diese Wut kommt. Meistens steckt da ein Bedürfnis dahinter – mangelnde Anerkennung, nicht gesehen werden, Ungerechtigkeit. Doch statt das zu hinterfragen, werden Wände beschmiert, etwas kaputtgemacht oder Menschen verletzt. Diese unkontrollierte Form des Lebens wird deshalb zur Todsünde, weil ich weit weg von dem bin, was ich als Mensch könnte: an meinen Bedürfnissen arbeiten und nicht den anderen dafür verantwortlich machen.“

Engelbert Dirnberger (52), Pfarrer.

Völlerei

„Dazu gehören auch Maßlosigkeit und Selbstsucht. Es gelingt uns nicht, in einem Überangebot an Speisen und Getränken Maß zu halten. Dabei geht’s nicht darum, einmal über die Stränge zu schlagen, sondern um eine Dauerhaltung. Wenn die Champagner-Flasche jeden Tag auf dem Tisch steht, verliert sie ihren Wert, sie wird gar nicht mehr wahrgenommen. Oder auch das Riesen-Schnitzel, das in Massentierhaltung produziert wird. Das hat insofern Konsequenzen, weil dort Antibiotika eingesetzt werden, die zu Resistenzen führen; Monokulturen werden gefördert, Pestizide ruinieren die Artenvielfalt und damit die Schöpfung. Diese Maßlosigkeit ist Todsünde, weil sie in ihrer Konsequenz Tod schafft. Ich muss nicht den Apfel aus Australien haben, es kann doch auch der vom Bodensee sein. Die Aufmerksamkeit fängt beim Einkaufen an.“

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Neid

„Dazu gehört auch Eifersucht. Da sieht man beim anderen etwas, was ich nicht habe. Die konstruktive Seite wäre: Ich strenge mich so an, dass ich das auch kriegen kann. Aber es gibt auch den anderen Affekt: Der andere soll beschädigt werden in dem, was er hat. Das finden Sie an renovierten Gebäuden mit Schmierereien – auch das ist ein Kontext von Neid. Oder der Nachbar hat ein neues Auto, und ich geh’ mit dem Schlüssel entlang der Seitenlinie, damit er kein neues Auto mehr hat. Dasselbe gilt für den immateriellen Bereich, wenn ich dem Gegenüber sein Glück nicht gönne – eine funktionierende und harmonische Ehe zum Beispiel. Das macht vor allem mit mir selbst etwas – und das bedeutet: Ich muss mich in meinem Leben mit dem versöhnen, was mir fehlt. Weil meine Ehe gescheitert ist oder weil ich keinen Lebenspartner gefunden habe. Mein Glück und meine Zufriedenheit muss ich in mir selbst suchen. Ich weigere mich zu glauben, dass es Menschen gibt, die in sich keinen Wert haben. Es gibt Menschen, die in großen Armutssituationen leben und trotzdem eine innere Zufriedenheit haben.“

Faulheit

„Da steht auch Feigheit, Ignoranz und Trägheit des Herzens mit dabei. Ich glaub’, dass in unserer Gesellschaft eher das Gegenteil Thema ist, dass man zum Workaholic wird, dass es keine Zeit mehr gibt, zu sich zu kommen. Mehr Relevanz hat Feigheit. Da geht es in der U-Bahn schon los: Gehe ich bei einer Konfrontation dazwischen oder nicht. Schaue ich weg, obwohl ich hinsehen müsste. Wir Christen haben Verantwortung füreinander. Und jeden Abend ist es so eine Entscheidung: Ruft man jemanden an, schreibt man einen Brief oder legt man sich vor die Glotze – wie oft gewinnen Trägheit und Couch? Und wie gut tut’s, wenn ich es geschafft habe, jemanden anzurufen, der sich darüber freut. Aufeinander zugehen, sich als Gemeinschaft spüren, Beziehung pflegen, es nicht einfach dahinplätschern lassen!“

Von Ulrike Schmidt

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