80-Jährige saß im Waggon hinter der Lok: Trachtler halfen ihr

Münchnerin: Meine Horrorfahrt im Intercity

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Die Münchnerin saß im ersten Waggon hinter der Lok - als der IC bei St. Goar entgleiste.

München - Es war der Horror für viele Hundert Bahnreisende am Sonntagnachmittag: Ein Intercity entgleist in Rheinland-Pfalz. Martha Heupel-Römer saß im Zug und erzählt der tz von dem Schreckenstag.

Martha Heupel-Römer saß direkt hinter der Lok - im Wagen 15, einem der Waggons, der aus dem Gleis sprang und sich gefährlich zur Seite neigte! Der tz erzählt die 80-Jährige aus Solln von dem Schreckenstag - der eigentlich schön begann. "Ich war in Düsseldorf und habe meine Schwägerin und meine Enkelkinder besucht. Es war ein herrlicher Tag!", schwärmt Heupel-Römer. Sie trinken Bier in der Altstadt, essen noch ein Eis am Rheinufer. Dann verabschiedet sich die Dame, steigt in den Intercity.

Gegen 14.15 Uhr passiert es: Bei St. Goar im Rheintal hat ein Unwetter große Mengen Geröll auf die Gleise gespült. Die Lok knallt in die Steine und entgleist. "Mir saß ein vielleicht fünf Jahre alter Bub gegenüber, mit dem habe ich gerade mit dem Feuerwehrauto gespielt." Es gibt einen Ruck und plötzlich geht alles drunter und drüber. "Der Bub hat geschrien, ließ sich gar nicht mehr beruhigen. Gepäck flog durchs Abteil, Menschen stürzten. Es war furchtbar."

"Ich hatte Glück im Unglück", sagt Martha Heupel-Römer (80).

Auch die 80-Jährige verliert kurz die Orientierung, stößt sich, weiß heute aber gar nicht mehr wo. Die Zeit bis zur Evakuierung kommt ihr im Nachhinein endlos vor. Erst außerhalb des Zugs sieht sie, dass die Lok und vier Waggons aus dem Gleis gesprungen und fast umgekippt sind. Die 800 Passagiere werden in den Schotterbereich neben dem Zug gelotst. Die 80-Jährige schleppt ihren Rollkoffer, einen Rucksack und eine Tasche mit. Andere lassen alles zurück, hoffen, es von der Bahn heimgeschickt zu bekommen. "Es hat in Strömen geregnet, aber es war so eng, man konnte ja nicht einmal einen Schirm aufmachen."

Die Feuerwehr bietet Leitern an, über die die Passagiere zur Straße hinabklettern können. Von dort schleppt sich die Menge weiter zur Rheinlandhalle in St. Goar. "Die Betreuung war sehr gut: Es standen Stühle bereit, ein Mann fragte mich, wie es mir geht, es gab Kaffee." Nur von der Bahn ist Martha Heupel-Römer enttäuscht: Jeder bekam eine Nummer und musste Name und Adresse angeben, um sicherzustellen, dass später kein Unberechtigter irgendwelche Ansprüche stellt! In einer Durchsage betont ein Bahnsprecher dann auch noch: "Es war höhere Gewalt, da gibt es keine Regressansprüche." Mitgefühl sieht anders aus...

Was für ein Glück: Beim Abtransport lernte die Rentnerin junge Trachtler aus dem Oberland kennen, die nahmen sie unter ihre Fittiche.

Aber es sind auch -Engel unterwegs: Trachtler aus Waakirchen und Schaftlach! Heupel-Römer denkt: Die müssen in meine Richtung, nach München! Spontan nehmen die jungen Leute die Dame unter ihre Fittiche. "Die haben sich lieb um mich gekümmert, wirklich rührend." Die Burschn und Madl, die ebenfalls von einem Düsseldorf-Besuch heimfahren, nehmen ihre Koffer, muntern die Dame auf. Seppi Haltmaier (26), einer der Engel: "Das war doch selbstverständlich." Die Gruppe wird per Bus nach Mainz gebracht, vorn dort geht’s mit einem Regionalexpress nach Frankfurt, dann per ICE nach München. "Der Zug war brechend voll, wir mussten stehen, dazwischen unser ganzes Gepäck. Sechs Stunden lang bis München!"

In München verabschiedet sich Martha herzlich von ihren Trachtler-Engeln und nimmt sich ein Taxi, heim nach Solln. Mittlerweile hat sie sich wieder beruhigt. "Ich habe sechs blaue Flecken, die Füß’ tun mir narrisch weh. Aber das vergeht wieder. Wenn der Waggon umgefallen wäre, das wäre schrecklich gewesen. Aber so hatten wir ja Glück im Unglück!"

AST

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