89-Jährige erleidet Horror-Schlaganfall

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Elfriede und Dagmar Schön auf der Couch, die einst das Lieblings-Möbelstück der Mama war – und zu der sie nach dem Demenzschub kaum noch Bezug hat

München - Bei einem Schlaganfall können Minuten über Leben und Tod entscheiden. Elfriede Schön (89) lag sieben Stunden bewusstlos in ihrer Wohnung, bevor sie gefunden wurde und ins Krankenhaus kam.

Traurig: Zweimal hatte der Pflegedienst geklingelt, doch die Patientin öffnete nicht. Dreieinhalb Stunden nach dem ersten Klingeln informierte die Pflegeschwester Elfriede Schöns Tochter. Diese erhebt nun schwere Vorwürfe: „Hätte der Pflegedienst sofort Bescheid gegeben, wäre meine Mutter noch eine selbstständige Frau und müsste nicht im Altenheim leben.“

Seit knapp einem Jahr kam der Pflegedienst der Sozialstation Berg am Laim täglich zu Elfriede Schön in die Maikäfersiedlung, um ihr Augentropfen zu verabreichen. Am 4. Januar klingelt die Schwester gegen 16.30 Uhr: In der Wohnung rührt sich nichts, die Seniorin hebt das Telefon nicht ab. Um 18 Uhr kehrt die Schwester zurück, klingelt erneut, – nichts tut sich. Laut Dagmar Schön wusste die Schwester, dass die Seniorin ihre Wohnung seit einer OP nicht mehr verlassen hatte und dass eine Abmachung über einen sofortigen Anruf bei Problemen bestand. Die Schwester berichtete aber erst um 20.15 Uhr auf dem Anrufbeantworter von Dagmar Schöns Festnetztelefon über die Lage. Dagmar Schön ist jedoch beim Abendessen in der Stadt – den Anrufbeantworter hört sie erst um 23 Uhr ab. „Wieso haben die nicht gleich auf meinem Handy angerufen?“, fragt die Tochter. „Ich habe extra eine Festnetz- und eine Handynummer hinterlegt.“ Nach Abhören der Nachricht ruft sie sofort die Feuerwehr. Weil der Schlüssel ihrer Mutter von innen steckt, muss die Haustür aufgebrochen werden. Elfriede Schön kommt auf die Schlaganfallstation im Klinikum rechts der Isar. Dagmar Schön: „Der Arzt sagte mir, wenn meine Mutter noch länger in der Wohnung gelegen wäre, hätte sie sterben können.“

Durch den Schlaganfall erlitt Elfriede Schön einen Demenzschub. „Meine Mutter kann sich kaum erinnern und möchte immer an ihren Geburtsort nach Polen zurück. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst“, klagt die Tochter. Kreuzworträtsel lösen, Kochen oder längere Telefonate sind seit dem Vorfall nicht mehr möglich.

Für die siebenstündige Leidenszeit ihrer Mutter gibt Dagmar Schön der Sozialstation die Schuld. Mit dem stellvertretenden Pflegeleiter habe sie eine eindeutige Vereinbarung getroffen: Wenn ihre Mutter nicht öffnet, soll die Schwester sofort telefonisch Bescheid geben, da ihre Mutter dem Pflegedienst keinen Schlüssel überlassen wollte. „Über so eine Abmachung gab es keinen schriftlichen Vertrag. Es handelte sich lediglich um eine Bitte von Frau Schön“, sagt Meike Wilski, Geschäftsführerin der Sozialstation Berg am Laim. Auch Anwalt Albert Winklhofer von der Bayerischen Versicherungskammer verteidigt: „Ein Pflegedienst ist kein Aufseher. Die Schwester schuldet nicht, jede Stunde anzurufen. Rein rechtlich ist der Anruf erfolgt. Wenn der Zustand des Angehörigen so kritisch ist, gibt es immer noch eine Weiterleitungsfunktion aufs Handy.“

Dagmar Schön meint aber: „Ein Anruf, wenn die Patientin nicht öffnet: Das gebietet einem der gesunde Menschenverstand.“

Den Pflegedienst wird die Rechtsanwältin jetzt auf ein „hohes“ Schmerzensgeld verklagen: „Das mache ich nicht nur für meine Mutter, sondern auch für andere Opfer, die als juristische Laien meist nicht wissen, wie sie sich wehren können.“

cl

Warum die Zeit so wichtig ist

Dr. Holger Poppert von der Neurologischen Klinik des Klinikums Rechts der Isar erklärt in der tz, wie Patienten nach einem Schlaganfall geholfen werden kann.

Wie wichtig ist der Zeitfaktor?

Poppert: 85 Prozent der Schlaganfälle sind Hirninfarkte. Wie auch beim Herzinfarkt ist die Ursache ein Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel. Das Problem: Das Hirn stirbt schnell ab, bereits in den ersten Minuten gehen Zellen im Infarktkern verloren. Gelingt es, den Blutfluss rasch wieder herzustellen, beispielsweise nach 30 oder 60 Minuten, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie ohne größere Schäden davonkommen. Dauert die Durchblutungsstörung länger an, kann es zu schlimmen Schäden kommen. Viele Patienten überleben nur mit schweren Behinderungen.

Wie behandeln Sie Patienten , die auf die Stroke-Unit des Klinikums gebracht werden?

Poppert: Wir sprechen von so genannten „harten Zeitfenstern“: Innerhalb von viereinhalb Stunden können wir mit der Lysetherapie beginnen. Hierbei wird ein Medikament (­rt-PA) verabreicht, das das Gerinnsel, das zum Arterienverschluss geführt hat, wieder auflösen soll. Bis zu sechs Stunden bieten wir einen individuellen Heilversuch an: Das Blutgerinnsel in der Blutbahn wird mechanisch mit dem Katheter entfernt. Nach diesen sechs Stunden kommen wir in einen Bereich, in dem das Risiko der Therapie den zu erwartenden Nutzen übersteigt.

Gibt es Studien zum Einfluss der Zeit zwischen Schlaganfall und Behandlung aufs Gehirn?

Poppert: Im Nachhinhein können wir nicht sagen, wie es dem Patienten gehen würde, wenn man ihn fünf Minuten früher oder später gefunden hätte. Dazu müsste man vorher sowie hinterher einen Test machen. Es gibt jedoch plakative Zahlen nach dem Motto „time is brain“ (Zeit ist Gehirn, Anm. d. Red.). Demnach geht eine Studie bei einem einstündigen Schlaganfalll von einer Alterung um 3,6 Jahre aus – 120 Millionen Neuronen sterben in diesen 60 Minuten ab.

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