Die Abrechnung des Beauty-Papstes

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Der Professor zeichnet Markierungen zur Vorbereitung einer Operation auf die Lider einer Patientin.

München - Deutschlands Beauty-Papst Prof. Werner Mang wettert in seinem neuen Buch „Verlogene Schönheit“ gegen alle, die nicht zugeben wollen, nachgeholfen zu haben.

Warum sieht ein Kult-Sänger nicht aus wie 74? Warum hat ein TV-Star mit 65 immer noch keine Falten? Warum wirkt ein Promi-Arzt jenseits der 60 gut 20 Jahre jünger? Wie hält sich eine Schauspielerin trotz ihrer 59 Jahre so lange jung? Der Mann, dem diese Fragen oft gestellt werden, lächelt mild: „Vielleicht haben sie einfach nur besonders gesund gelebt und viel Mineralwasser getrunken. Vielleicht auch ein paar jugendliche Gene geerbt. Denn Schönheit und jugendliches Aussehen sind manchmal vererbbar. Meist sind sie das jedoch nicht.“ Gar nicht vererbbar ist die Art von Schönheit und Jugend, die der Mann täglich in das Gesicht seiner Patienten zaubert. Denn der Mann ist Prof. Werner Mang (59). Er macht die Reichen schön und die Schönen perfekt. Doch ausgerechnet Deutschlands berühmtester Schönheitschirurg hat jetzt genug vom Schönheitswahn. Der Beauty-Papst vom Bodensee, der seit 30 Jahren der Natur mit dem Skalpell nachhilft, wettert in seinem neuen Buch gegen alle, die nicht zugeben wollen, nachgeholfen zu haben. Jetzt soll Schluss damit sein. Deshalb heißt das Buch Verlogene Schönheit – vom falschen Glanz und eitlen Wahn.

Michael Timm

Älterer Mann liebt junge Frau. Sie ist das entzückende Schatzerl, er der strahlende Tycoon, der mit der Trophäenfrau die Jugend zurückerworben hat. Doch das funktioniert nur, wenn beide bei ihrer Rolle bleiben, d. h. wenn er wohlhabend, mächtig und vital bleibt – und sie süß und knackig. Und so kommt die Schönheitschirurgie ins Spiel. Ich bekomme das Anliegen fast in jeder Woche zu hören: Der wohlhabende, ältere Mann lässt seine Traumfrau zurechtschnitzen, restaurieren oder konservieren. Die Frau verkommt zu einem Objekt, mit Liebe hat das für mich nichts mehr zu tun, eher mit einer modernen Form der Prostitution.

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Es sind in der Tat fast nur Herren jenseits von 55, die mit ihrer mindestens 25 Jahre jüngeren Ehefrau, Freundin oder Gespielin zu uns in die Klinik kommen – fast so, als wolle er ein neues Luxusauto bestellen. In aller Regel führt er die Verhandlung, wenn es um die Art der Eingriffe geht; er gibt das Budget vor, etwa so: „Herr Doktor, sind da nach dem Fettabsaugen, den volleren Lippen, dem Knack-Po und faltenlosen Gesicht preislich auch noch neue Brüste drin?“ Besonders unverblümt ist das Verhalten der Kundschaft aus dem Osten Europas. Da kommt ein Paar rein, er als Macho aufgebrezelt, sie bestenfalls so alt wie seine Tochter. Sehr süß, meist auch sehr schweigsam, mit Dauerlächeln. Manchmal sagt so ein Typ: „Ihre Nase gefällt uns nicht mehr. Was kann man da machen?“ Dann wird besprochen, was alles zu richten ist. Meist sind es Nase, Mund, Augenpartien, Brust, Fettabsaugen an Bauch und Hüften.

Manche haben auch Fotos dabei, von Victoria Beckham oder Pamela Anderson; genauso möchten sie ihre Partnerin haben. Etliche wollen für ihre Trophäenfrau ein Paar Monsterbrüste. Das lehne ich immer ab. Mehr als 400 Gramm Silikon sind bei mir nicht drin. Ich mache auch keine Schlauchbootlippen und Po-Implantate. Da gibt es welche, die wollen die untersten Rippen rausschneiden, damit die Taille besonders dünn und mädchenhaft wird. Das lehne ich ebenfalls kategorisch ab. Die meisten werden in dieser Zeit übrigens nicht von ihren Männern besucht. Ich habe den Eindruck, dass sie ihre Frauen vorher gar nicht sehen wollen, so mit Verbänden etc. Die wollen das fertige „Produkt“ präsentiert bekommen und sich über so viel neue Schönheit freuen. Und dann muss die aufgefrischte Dame dem Bekanntenkreis und der Öffentlichkeit vorgeführt werden. Auf Partys im kleinen Schwarzen oder im knappen Bikini bei einem Urlaub auf Sylt oder St. Barth. Damit jeder sehen kann, was für eine Zuckermaus der Meister sein eigen nennt. Die heutige Schickeria verkörpert den schleichenden Niedergang unserer Gesellschaft. Ich gebe zu, dass ich mich über diese Semi-Prominenz ärgere.

Das liegt nicht nur an den meist peinlichen Auftritten, sondern auch an meinen persönlichen Erfahrungen mit diesen Menschen, von denen etliche bei mir Patienten waren und denen ich die Nasen, Lippen, Gesichter und Brüste gerichtet habe. Nicht nur ich klage über deren Arroganz und Zahlungsmoral. Sie haben eine unglaubliche Anspruchshaltung und denken doch tatsächlich, dass sie alles geschenkt bekommen: Kleider, Autos, Reisen, Essen, Urlaub und das Design von Mang. Dann behaupten sie noch dreist, dass alles seien Geschenke der Natur, die sie über Nacht beglückt habe, und dementieren, dass sie überhaupt bei mir waren. Leider erleben wir gerade in diesem Gesellschaftsbereich eine besondere Mutation des Schönheitswahns, und das geht nun wiederum alle etwas an. Menschen ohne irgendwelche Leistungsnachweise prägen mittlerweile das Bild der einschlägigen Society, z. B. sogenannte It-Girls wie Paris Hilton, Victoria Beckham oder Katie Price, die aufgespritzt und vollgepumpt, mit ständig wechselnder Lippen- und Oberweite die bunten Blätter füllen, ohne dass sie irgendetwas zu verkünden hätten. Und tatsächlich finden solche nichtigen Figuren, die nicht mal besonders hübsch oder aufregend anzuschauen sind, bei den jungen Mädchen zahlreiche Nachahmer.

Die wiederum möchten optisch mit wenig Aufwand eine größtmögliche Wirkung in der Luder-Liga erzielen. Peinlichkeitsgrenzen spielen keine Rolle. Auffallen ist alles, egal, wie. Jetzt könnte man sagen: Lasst sie alle machen. Wir regen uns doch auch nicht über jeden Sack Reis auf, der in Peking umfällt. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass diese Art von Prominenten Einfluss auf das Verhalten in unserer Gesellschaft haben, dass sie für Jugendliche enorm geschmacksbildend sind und vorleben, dass es im Leben weniger um Inhalte als um Äußerlichkeiten geht. Dass letztendlich der Schein, und mag er noch so oft (und schlecht) aus dem OP -Saal kommen, zählt und nicht das Sein.

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Es entwickelt sich eine Retorten-Prominenz, bei der sich die Künstlichkeit von Gefühlen und die von Busen und Gesicht perfekt ergänzt. Ich bin für natürliche Schönheit und gegen Schönheitswahn. Trotz aller Auswüchse gibt es jedoch auch jede Menge Menschen, die nach einer Schönheits-OP ein besseres Leben führen, egal, ob ich einem verschüchterten Schüler die abstehenden Ohren „angelegt“, einem jungen Mann seinen Nasenhöcker begradigt oder einer jungen Frau die „Reiterhose“ beseitigt habe. Sie alle fühlen sich hinterher wesentlich besser, und sie alle sind auch besser anzuschauen.

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