Open-Source-Projekt wird wohl beendet

Abschied von LiMux: Heftiger Streit um die Computer der Stadtverwaltung

LimUx, das IT-Projekt der Stadtverwaltung wird wohl beendet. 

Ende des LiMux-Projektes: Nach 14 Jahren mit dem offenen Betriebssystem Linux wollen SPD und CSU wieder zurück zum Konzern Microsoft – und ernten Unverständnis.

München - Im Rathaus ist ein Streit entbrannt: SPD und CSU wollen die Software in der Verwaltung umstellen – erneut. Vor 14 Jahren hatte das Rathaus seine Rechner auf das Betriebssystem Linux umgestellt. Jetzt ist eine Kehrtwende zu Microsoft geplant. Das löst jedoch richtiggehende Protestwellen aus. Die Opposition kritisiert die Pläne, und Betriebsrat und Gewerkschaft warnen vor einem „Ausverkauf“ der städtischen Datenverarbeitung – IT genannt.

Es ist eine legendäre Geschichte und wohl ziemlich einmalig: 2003 unterbrach der damalige Microsoft-Chef Steve Ballmer extra seinen Skiurlaub, um nach München zu reisen. Damals hatte die rot-grüne Stadtregierung kundgetan, der Firma Microsoft und deren Betriebssystem Windows den Rücken kehren zu wollen. Die Rechner sollten fortan mit Linux laufen. Ballmer wollte OB Christian Ude (SPD) überreden, bei Windows zu bleiben – doch seine Bemühungen blieben fruchtlos.

Grünen-Chef Florian Roth wittert bei den Plänen der großen Rathaus Koalition einen Schildbürgerstreich. 

Von Linux wird dieser Tage kaum jemand ins Rathaus reisen. Und darin spiegelt sich im Kern bereits die Debatte wider, die am Marienplatz tobt: Linux nämlich ist keine Firma, Linux ist eine „Open Source“, ein frei zugänglicher Programm-Code, der von Millionen Anwendern selbstständig weiterentwickelt werden kann. Das ist in etwa so, als schreibe man mit mehreren Autoren an einem Fortsetzungsroman. Windows indes ist das Produkt eines milliardenschweren Unternehmen aus den USA. Seit 2003 hat die Stadt mehr als 80 Prozent ihrer Rechner auf Linux umgestellt. Das entspricht etwa 15 000 Arbeitsplätzen. Laut eigenem Bekunden sparte die Verwaltung so rund elf Millionen Euro an Lizenzgebühren.

Doch kam die IT der Stadt auf den Prüfstand, auch weil nicht immer alles so läuft, wie man sich das vorstellte. Die Beraterfirma Accenture entdeckte Mängel. Da immer noch einige Rechner mit Windows laufen, gibt es Probleme zwischen den kaum zu vereinbarenden Betriebssystemen.

Linux selbst war dabei gar nicht mal so sehr das Thema. Accenture rät sogar zu einem Verbleib bei Open Source. Auch andere IT-Fachleute gehen davon aus, dass beide Systeme, also Windows und Linux, gleich gut funktionieren. So sagt Professor Uwe Baumgarten von der TU München: „Einen vehementen Unterschied in der Leistungsfähigkeit gibt es nicht. Es ist immer eine Frage, was der Anwender kennt und gewöhnt ist.“

Gleichwohl unternehmen CSU und SPD nun einen Vorstoß, wieder zu Microsoft zurückzukehren. Die Verwaltung soll ein Konzept erstellen, wie die städtischen Rechner wieder auf Standardprogramme zurückgesetzt werden können. CSU-IT-Sprecherin Kristina Frank: „Linux ist in der Kommunikation mit Dritten nicht immer kompatibel.“ Kein Geheimnis ist freilich, dass die CSU bereits 2003 gegen eine Abkehr von Microsoft war.

Durch eine Rückkehr zum US-Konzern würden bei der Stadt zudem Personal-Ressourcen frei. Denn die Linux-Anwendungen müssen selbst programmiert werden. Das bedeute jedoch nicht, dass Entlassungen geplant sind, heißt es. Der Personalrat schlägt dennoch Alarm. Die Gewerkschaft Verdi schließt sich dem an. Man wolle kämpfen, damit die Interessen der Mitarbeiter nicht unter die Räder kommen.

Laut Frank hat die Rolle rückwärts im Übrigen auch nichts damit zu tun, dass sich der US-Konzern nun unlängst in Schwabing niedergelassen hat – ein Vorwurf, der in dem Zusammenhang immer wieder aufkommt. „Es gab da überhaupt keine Absprachen.“

Ungleich schwerer hat es die SPD mit ihrer Argumentation. Denn die Genossen hatten den Umstieg 2003 mitgetragen. IT-Sprecherin Anne Hübner sagt 14 Jahre später: „Den Aufwand, zwei völlig unterschiedliche Betriebssysteme zu betreiben, können wir uns auf Dauer nicht leisten.“ Die Stadt stehe in der Verantwortung, den Mitarbeiten eine leistungsfähige IT zu bieten. Und auch mobile Lösungen. „Für mobile Geräte ist Linux keine Alternative.“

Grünen-Chef Florian Roth wittert einen Schildbürgerstreich: „Der Schritt erscheint nicht nur mir als irrational und kontraproduktiv. Er entbehrt auch jeder Grundlage.“ Richtig sei das Weiterführen der Open-Source-Strategie mit pragmatischen Ausnahmen und eine Konzentration auf die Zukunft. Roth glaubt, dass dann ohnehin „mobiles und webbasiertes Arbeiten statt PCs mit klassischen Betriebssystemen im Mittelpunkt stehen werden“.

Die Stadtratssitzung zu dem Thema findet heute statt. Interessierte können sie im Übrigen auch online verfolgen – das funktioniert mit beiden Betriebssystemen.

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