Falsche Polizisten bedrängten 70-Jährige

Acht Stunden Telefon-Terror: Rentnerin um 23.000 Euro betrogen

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Elfriede W. (70) ist zwei Trickbetrügern auf den Leim gegangen. Auf ihrem Konto fehlen seitdem 23.000 Euro.

Unterschleißheim - Elfriede W. wurde von dreisten Trickbetrügern, die sich als Polizisten ausgaben, um 23.000 Euro betrogen. Besonders hart: Die Gauner terrorisierten sie über acht Stunden am Telefon.

Es ist der 19. September kurz vor halb Zehn. Im Fernsehen laufen die Lebenslinien, als Elfriede W. den Hörer abnimmt. Normalerweise geht die 70-Jährige so spät nicht mehr ans Telefon, doch die unbekannte Nummer irritiert sie: 48 49 110. Es melden sich zwei Männer, die sich als Oberkommissare Stein und Fischer ausgeben. Am nächsten Morgen ist Elfriede W. um 23.000 Euro ärmer. Sie ist zwei Trickbetrügern auf den Leim gegangen. Noch heute hat die Unterschleißheimerin mit Schlafstörungen und Angstzuständen zu kämpfen. Seit einem halben Jahr ist sie in psychologischer Behandlung.

„Ich habe überhaupt nicht mehr gewusst, wo vorne und hinten ist“, erinnert sie sich. Das Einzige, was ihr an dem besagten Abend durch den Kopf schießt, ist die Angst, ihre gesamten Ersparnisse, ihre Altersvorsorge, zu verlieren. Auf einen Enkeltrick, bei dem sich die Täter als falsche Enkel ausgeben, um ihren „Großeltern“ das Geld aus der Tasche zu ziehen, wäre Elfriede W. nicht reingefallen, sagt sie. Aber diese Masche war der Rentnerin neu: Zwei Männer, die sich als Polizisten tarnen und ihren Opfern erzählen, ihre Bank gebe ihre Kontonummern samt Geheimzahlen preis. Die einzige Rettung bestünde darin, alle Konten zu leeren und das dort gelagerte Geld neu registrieren zu lassen - von den vermeintlichen Polizisten.

„Ich bin doch sonst so vorsichtig“

„Ich frage mich jeden Tag, warum ich denen das Geld gegeben habe. Ich bin doch sonst so vorsichtig“, sagt Elfriede W. Trotzdem steigt sie auf’s Rad und fährt zur Bank. Zehn Minuten später hält sie 23.000 Euro in der Hand: ein halbes Jahrhundert Arbeit, zusammengepresst in einem kleinen weißen Briefumschlag.

Rein rechtlich hat sich die Bank nichts vorzuwerfen. Denn ein Sparbuch reicht zum Geldabheben. Vielleicht hätte der Angestellte bei einer derartigen Summe aber nochmal nachhaken und die Rentnerin nach ihrem Ausweis fragen sollen. Den hatte Elfriede W. nämlich daheim vergessen. „Vor lauter Aufregung“, sagt sie. „Ich war nervlich total am Ende“, erinnert sie sich weiter. Schließlich hatte die 70-Jährige über acht Stunden lang wachgelegen. Neben ihr das Telefon, am anderen Ende der Leitung die falschen Polizisten, die sie nicht einschlafen ließen. Angeblich, um sie vor einem möglichen Einbruch zu schützen.

„Die Polizisten sind echt“, denkt sie, „kein Zweifel“

„Ich hab ausgeschaut, als hätte ich die ganze Nacht durchgesoffen“, sagt sie. Trotzdem bekommt sie den gewünschten Betrag ausbezahlt. Den übergibt sie nur kurze Zeit später einem jungen Mann, der Zuhause schon auf sie wartet. Zur Sicherheit lässt sie sich noch sein Dienstfahrzeug zeigen. Auf dem Dach dreht sich ein Blaulicht. „Die Polizisten sind echt“, denkt sie, „kein Zweifel.“ Zu zweifeln beginnt die Rentnerin erst, als sie sich nach ihrem Geld erkundigen will. Sie greift zum Hörer, wählt die 48 49 110 und hört: kein Anschluss unter dieser Nummer. „Und plötzlich hat es Klick gemacht“, sagt sie.

Ihr Schwiegersohn beschreibt Elfriede W. als lebenslustige Frau. Heute wirkt die 70-Jährige müde und abgekämpft. Außen sei sie zwar noch lebendig, sagt sie, „aber innen drinnen bin ich tot“. Nach der Tat sei sie fast vier Wochen lang nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ans Telefon gehe sie nur noch, wenn ein bekannter Name auf dem Bildschirm erscheint. Denn ihre Familie hat Elfriede W. eingespeichert.

„Alles, was ich mir jetzt noch wünsche, ist eine Entschuldigung von Seiten der Bank“, sagt sie. „Und ein bisserl was von meinem Geld. Nicht alles, nur so viel, dass ich meinen Kindern nicht auf der Tasche liegen muss, wenn’s mal nicht mehr alleine geht.“

Sarah Brenner

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