Acta & Anonymous: So geht der digitale Aufstand in München

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tz-Reporter Andreas Thieme im Gespräch mit zwei Münchner Aktivisten von Anonymous

München - Die Maskenmänner waren wieder in München unterwegs … Samstag, 15 Uhr, Odeonsplatz: Etwa 3 000 Demonstranten protestieren gegen das Internetabkommen ­ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement).

Unter ihnen sind viele junge Leute. Ihre Botschaften verkünden sie auf großen Plakaten. Aber ihre Gesichter verstecken sie hinter Masken – zu sehen ist darauf das Gesicht des englischen Widerstandskämpfers Guy Fawkes. Es ist die zweite Protestwelle gegen ACTA. Vor zwei Wochen kamen 16 500 Demonstranten.

Die tz traf zwei von ihnen. Ein Café am Isartorplatz. Hier sind wir mit den Maskenmännern von Anonymous verabredet. Namen und Alter dürfen wir nicht nennen – sie wollen ihre Identität schützen. „Wir sind politisch sehr engagiert“, sagen sie. „Wir sind aus München – aber wir agieren von überall auf der Welt aus.“ Sie tragen schwarze Jackets mit weißen Hemden. Wir versuchen, die Menschen hinter den Masken kennenzulernen.

Für was steht ihr? „Für Meinungs- und Informationsfreiheit. Für die Grundrechte des Menschen und die Wahrung der Bürgerrechte. Wir demonstrieren gegen Zensur, sind für ein freies Internet.“ Seid ihr Hacker und knackt Computersysteme? Sie überlegen. „Sagen wir so: Wir kennen uns gut mit Computern aus. Sehr gut.“

Aber viele halten euch für Hacker. „Hacken ist eher die radikalere Form des Protests. Aber das macht nicht jeder Aktivist.“ Dennoch: Anonymous ist mächtig geworden, vor allem durch ihre Internet-Angriffe. So wie gegen das FBI, dessen Server sie einen Tag außer Gefecht setzten. Zuletzt haben sie den Internet-Auftritt einer großen Musikgesellschaft abgeschaltet. „Wir haben das System attackiert, indem wir den Server mit Anfragen überlastet haben. Da ging nix mehr“, sagt einer der Maskenmänner. Er hat mitgemacht.

Welches Gefühl gibt dir das? Einen Kick? „Es läuft nach dem Motto: Nimmst du mir mein Spielzeugauto weg, dann nehme ich dir deines.“ Anoymous wehrt sich – mit allen Mitteln.

Ist das Rache? „Eher ausgleichende Gerechtigkeit. In der Online-Welt bekommt man dafür Anerkennung.“ Zwischen 100 und 200 Aktivisten engagieren sich in München – genau weiß es keiner. „Es gibt keine Aufnahmekriterien. Jeder kann Anonymous sein.“ Für viele liegt darin die Faszination: sich Dinge zu trauen und tun zu dürfen, ohne erkannt zu werden. In der Masse verschwinden. „Privatpersonen dürfen nicht zu Schaden kommen. Wir distanzieren uns von kriminellen Handlungen.“ Sie verabschieden sich. Aber nicht ohne Schlusswort: „Freiheit ist unser höchster Wert, nicht nur im Internet.“ Dann verschwinden die Maskenmänner in die Nacht.

Andreas Thieme

Dieser Münchner verkauft die Masken

Der Mann mit den Masken: Evgeni Shalamanov verkauft sie in der Müllerstraße

Sie ist das typische Symbol von Anonymous: die Maske aus dem Film V wie Vendetta. Sie gibt der Anonymous ein Gesicht, ist ihr Erkennungszeichen, lässt die Mitglieder in der Öffentlichkeit anonym bleiben. Nur einer kennt ihre Gesichter – weil er ihnen die Masken verkauft. Die tz hat ihn ausfindig gemacht. Es ist Evgeni Shalamanov – und er arbeitet im Halloween Gore Store in der Müllerstraße. „So weit ich weiß, sind wir der einzige Laden in ganz München, der diese Masken verkauft.“ Zwölf Euro kostet das Stück.

Wenn Demos in München anstehen – wie am Samstag gegen ACTA – steigt der Absatz auf 50 Stück pro Tag. „Da wurden uns die Masken nur so aus den Händen gerissen“, erzählt der gelernte Piercer. „Im Moment sind alle ausverkauft.“ Die Maske zeigt das Gesicht von Guy Fawkes (1570 – 1606), einem englischen katholischen Offizier und Kämpfer für das Volk, der auch ein Attentat auf König James I. plante. Es scheiterte. Noch heute gilt Fawkes als Ikone des Widerstands – auch für die Aktivisten von Anonymous.

RFE

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