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Ärger in München wegen neuer Verordnung: Trotz steigender Corona-Fällen schließen erste Testzentren

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Von: Nadja Hoffmann

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Kritisiert den Bürokratie-Wahnsinn: Sarah Schmid.
Kritisiert den Bürokratie-Wahnsinn: Sarah Schmid. © Privat

Neue Verordnung, neue Probleme: Die Schnelltests sind nicht mehr generell kostenlos, die Betreiber der Stationen dafür mit den Nerven am Ende. An den ersten Standorten wird bereits zugesperrt.

München - Die Corona-Zahlen steigen in Deutschland Anfang Juli. Corona hat auch München fest im Griff: Täglich über 2000 neue Fälle, die Inzidenz ist schon auf 626,1 geklettert. Und ausgerechnet jetzt fallen die Schnelltests als ein wichtiges Mittel im Kampf gegen die Pandemie praktisch weg! Warum? Weil die Bundesregierung mit ihrer neuen Verordnung das Schnelltesten ad absurdum führt. Die ersten Stationen in der Stadt haben schon geschlossen, immer mehr Betreiber sind kurz vorm Verzweifeln – angesichts von Bürokratie und Abrechnungswahnsinn. Beides schreckt ab: Seit Inkraftreten der Verordnung am Donnerstag geht kaum noch jemand zum Testen.

Teststationen in München schließen oder sind kurz davor

„Das ist alles sehr frustrierend“, sagt Alexander Spierer, der bislang das Schnelltest-Zentrum „Test Now!“ betrieben hat – mit Stationen im Hofbräukeller am Wiener Platz, im Pacha und in der Freiheitshalle. Seit 1. Juli sind alle drei Standorte geschlossen. Spierer hat Konsequenzen gezogen: Grundsätzlich sei die Nachfrage zuletzt schon massiv zurückgegangen. Das neue Prozedere nennt er aber „unzumutbar“ - für Mitarbeiter und Kunden. Die deutschen Kassenärzte üben derweil deutliche Kritik an den neuen Regelungen zu den Corona-Bürgertests, woraufhin Karl Lauterbach reagierte.

Die Bürgertests sind nicht mehr für alle kostenlos, sondern nur noch für Risikogruppen und Ausnahmefälle. Wer zu einem Konzert oder Menschen ab 60 treffen will, zahlt drei Euro Eigenanteil bei einem Corona-Test. Alle anderen den vollen Preis, der zwischen 10 und 20 Euro liegt. Spierer sieht nicht ein, warum die Menschen vor einem Test regelrecht vernommen werden sollten. „Und dann ist da noch die Dokumentationspflicht“. Wer zum Beispiel zu einem Besuch in ein Seniorenheim will, brauche für einen kostenlosen Test eine Bestätigung der Einrichtung - vorab!

Bürokratie-Aufwand „reine Schikane“

„Wie soll das gehen?“, fragt Sarah Schmid angesichts der Bürokratie. Sie betreibt seit Januar eine Station in Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck), bei der durchschnittlich eigentlich 30 bis 40 Menschen pro Tag zum Abstrich kamen. Am Donnerstag waren nun nur noch fünf Kunden da. „Das rechnet sich nicht“, sagt die 27-Jährige, die den Container, die Standgebühr, den Lohn für drei Mitarbeiter und das Material zu zahlen hat. Jetzt musste sie eine Kasse anschaffen, mit der alle neuen Abrechnungsvorgänge registriert werden. Der entstandene Aufwand ist in ihren Augen eines: „reine Schikane!“

Das sieht der Mediziner Sayed Wahid Abass genauso, der unter dem Titel „Test and Go“ fünf Stationen betreibt. Zum Beispiel den Bauwagen, der auf dem Rotkreuzplatz. Mit der neuen Verordnung stehen die Arbeitsplätze seiner 20 Mitarbeiter auf der Kippe. Denn: Zuletzt brechen die Zahlen der Kunden ohnehin ein. Nun sieht es ganz düster aus. Abass hat gerechnet: Sollte das erwirtschaftete Geschäft an drei Tagen im Minus liegen, wird auch er die Konsequenz ziehen: „Dann sperre ich zu!“ Das neue Prozedere sei weder durchdacht noch praktikabel, sondern einfach nur „lächerlich“.

Massive Kritik der Verbände

Für Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) waren die Schnelltests bislang „wertvoll“, aber zu teuer. Seine neue Verordnung steht nun jedoch massiv in der Kritik. „Wenn eine derart komplexe Neuordnung einen Tag vor deren Wirksamkeit beschlossen und verkündet wird, dann ist doch das Chaos für alle Beteiligten absehbar“, heißt es von der Medizinervereinigung Hartmannbund.

Der Hausärzteverband spricht von einem „Bürokratiemonster“. Und die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert die Einstellung der Bürgertests. Deren Chef Andreas Gassen nannte das Schnelltesten gegenüber der Bild-Zeitung „eine völlig sinnfreie Veranstaltung, anlasslos gesunde Menschen mit fragwürdiger Qualität zu testen“. Die Kassenärzte machen sich für PCR-Tests für Patienten mit Symptomen stark.

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