Wir hängen am Tropf!

Personalnotstand! Ärzte und Schwestern demonstrieren

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In Neuperlach legten rund 200 Betroffene die Arbeit nieder.

München - Großdemo an zehn Münchner Kliniken: Um Punkt 13 Uhr stellten sich Teile des überlasteten Personals mit Zetteln u.a. vor den Kliniken Großhadern, Rechts der Isar und Pasing auf.

Da hetzen Krankenschwestern von einem Patient zum anderen, da operieren Ärzte im Akkord, da müssen Kranke stundenlang in der Notaufnahme warten. Der Pflegenotstand wegen des Personalmangels in den Kliniken wird immer schlimmer! Laut Verdi fehlen mittlerweile 162.000 Stellen in ganz Deutschland.

Daher rief die Gewerkschaft am Dienstag zu einer außergewöhnlichen Streik-Aktion auf: Um Punkt 13 Uhr stellten sich Teile des überlasteten Personal mit Zetteln vor zehn Münchner Kliniken (von Großhadern, über Rechts der Isar bis hin zum Pasinger Krankenhaus). Auf dem Papier stand jeweils eine Zahl – symbolisch für eine fehlende Stelle.

In Großhadern legten rund 100 Betroffene die Arbeit nieder.

Die Klinikangestellten – sie pfeifen vielerorts aus dem letzten Loch: „Die Schichten, die Überbelastung – viele können einfach nicht mehr“, erklärt Christian Reischl von Verdi gegenüber der tz. „Wenn man die Uni-Klinik in München als Beispiel nimmt, fehlen hier durchschnittlich 700 Stellen“, so der Gewerkschaftler. Die Klinik hat insgesamt gut 8000 Beschäftigte. Und Experten wissen: Der Pflegenotstand ist ein Teufelskreis. Da die Arbeit für die Klinikangestellten immer mehr wird, steigt die Unzufriedenheit: „Viele geben dann den Beruf auf, wechseln in andere Bereiche“, erklärt Reischl.

Heißt: Es fehlt an immer mehr Personal. „Der Beruf muss einfach wieder attraktiver werden und weniger stressig.“ Was also tun? Für Verdi ist klar: Es muss eine gesetzliche Stellenbemessung her.

Heißt: Ähnlich wie in der Altenpflege der Pflegeschlüssel wäre dann vorgeschrieben, dass beispielsweise eine Krankenschwester für zwei Intensiv-Patienten zuständig ist. Nicht für mehr! Dies würde so manches knallharte Personal-Sparprogramm der Kliniken unterbinden. „Wichtig ist natürlich, dass der Bund dies auch finanziert“, so Christian Reischl.

Gut 200 Klinikangestellte versammelten sich gestern auch vor ihrem Arbeitsplatz in Neuperlach. Die tz sprach mit ihnen über ihre Nöte und Wünsche.

Die Qualität fehlt

Erhard Reinfrank (61), Betriebsratsvorsitzender: "Esfehlt einfach eine gesetzliche Regelung für die Personalbemessung. In den 90ern und 2000ern hat es so eine Regelung mal gegeben: Als der Aufwand und die Kosten zu hoch wurden, wurde die wieder ausgesetzt. Das Problem beim neuen Gesetzesentwurf ist, dass die Krankenhäuser je nach positiver Bewertung stärker bezuschusst werden – oder nach negativer Bewertung mit Abschlägen rechnen müssen. Der Stellenabbau macht es aber schwierig, die Qualität aufrecht zu erhalten."

Alleine ist man hilflos

Melanie Lexa (23), Anne Reinfrank (60), Marjana Getlich (43),Krankenschwestern: "Wir haben acht Betten auf der Station, wenn da ein Patient verstirbt oder wir einen Wechsel haben, muss man selbst das Schriftliche regeln, ein neues Bett besorgen, und sich um viele andere Dinge kümmern, die extrem aufhalten. Für die weiteren sieben bleibt dann mindestens eine Stunde keine Zeit. Essen muss dann warten. Wir arbeiten neuneinhalb Stunden im Akkord, Laufstrecken von zehn bis 15 Kilometern sind da keine Seltenheit. Das passiert viel zu oft, am Wochenende eigentlich immer."

Belastung ist enorm

Ines Waldvogel (38), Oberärztin im Internistischen Unfallzentrum: "Unsere Ärzte haben alle mindestens 100 Überstunden, beim Pflegepersonal sind es sogar noch mehr. Wenn Leute ausfallen, ist das einfach nicht zu kompensieren. Die Tirage (Patient kommt, Diagnose wird gestellt, Weiterleitung an andere Stationen) ist im Notfallbereich einfach am Wichtigsten, bei uns aber katastrophal. Ich spreche vor allem für das Pflegepersonal, wenn ich sage, dass viele Stellen fehlen. Aufgrund mangelnder Perspektiven und der Arbeitsbelastung haben auch schon viele Assistenzärzte gekündigt."

Doppelt so viel Arbeit wie früher

Pavlos Dekos (60), Sozialpädagoge und zuständig für Nachsorgemaßnahmen: "Vorzehn Jahren waren wir noch zehn Vollkräfte, heute sind wir nur noch zu fünft. Unser Hauptproblem ist, dass sich in dieser Zeit die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten von elf auf circa sechs Tage verkürzt hat. Wir müssen also, mit der Hälfte an Arbeitskräften, fast das doppelte Aufkommen bewältigen – langfristig ist das unmöglich. Wir brauchen mindestens noch zwei Vollkräfte, um die Masse an Arbeit zu schaffen."

S. Schötz, A. Geier

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