Erinnerungen an 2015

Geflüchtete aus Afghanistan aufnehmen? Münchner Rathaus kündigt weiteres Vorgehen an

München will in einem ersten Schritt mehr als 200 Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen. Zu dem ermittelten Kreis an Personen gehören unter anderem Ortskräfte und Künstler.

München - Es ist sechs Jahre her, als die ganze Welt nach München schaute. Damals im Jahr 2015 kamen an einem einzigen Wochenende tausende Flüchtlinge am Hauptbahnhof an. Die Landeshauptstadt half unbürokratisch, brachte die erschöpften, aber erleichterten Menschen unter. Für OB Dieter Reiter (SPD) noch immer ein unvergessener Moment: „Die Stadt hat geleuchtet“, sagte er einmal zur TZ.

Nun will München neuerlich ein Signal der Menschlichkeit aussenden. Anlässlich der aktuellen Entwicklung in Afghanistan sei man bereit, schnell und unkompliziert Flüchtlinge aufzunehmen, erklärt Bürgermeisterin Dietl. Der Stadtrat hatte bereits im Juli 2019 München zu einem „Sicheren Hafen“ proklamiert. Damit ist die Stadt Mitglied eines gleichnamigen Bündnisses, das sich für die Rettung und Aufnahme von aus Seenot geretteten Geflüchteten einsetzt.

München will bedrohten Personengruppen aus Afghanistan zur Flucht verhelfen

Angesichts der dramatischen Situation in Afghanistan könne München* jederzeit problemlos 260 Menschen aufnehmen, sagt Dietl: „Bei Bedarf darüber hinaus sind wir immer gesprächsbereit. Die Menschenwürde steht für uns an erster Stelle.“ Die Personenzahl von 260 ist nach Auskunft Dietls eine Größenordnung, die das Sozialreferat ermittelt hat. Zum Kreis der Personen, die aufgenommen werden könnten, zählen Dietl zufolge neben den ehemaligen Ortskräften der Bundeswehr mit ihren Familien auch Frauenrechtlerinnen, Künstler, Demokraten und Mitglieder der LGBTQIA+-Gemeinde. Sie schwebten in akuter Lebensgefahr. „Ich appelliere an die Bundesregierung, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, diese Menschen nicht im Stich zu lassen“, sagt Dietl.

Willkommenskultur: OB Dieter Reiter begrüßt im Jahr 2015 Flüchtlinge am Hauptbahnhof.

Münchens Bürgermeisterin appelliert an Merkel und Maas wegen Familie

Die Bürgermeisterin hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag einen Brief geschrieben, bis Mittwoch aber noch keine Antwort erhalten. Bereits am Montag habe sie sich an Außenminister Heiko Maas (SPD) gewandt. Konkret geht es um eine Münchner Familie afghanischer Herkunft, die auseinandergerissen zu werden droht. Der Mann und die drei Kinder haben einen deutschen Pass, die Mutter nicht. Sie sitzt aktuell mit zwei Kindern in Kabul fest, weil sie auf Besuch bei den dort lebenden Großeltern ist.

Zunächst hieß es vom Auswärtigen Amt, nur die Kinder mit deutschem Pass dürften ausreisen, die Mutter nicht. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen und Direktkandidatin im Wahlkreis München Süd, Jamila Schäfer, steht mit der Familie in Kontakt und hat gefordert, diese „inakzeptable Entscheidung“ sofort zu korrigieren: „Die Frau ist durch die Taliban in Kabul in besonderer Gefahr, weil sie ohne ihren Mann unterwegs ist.“ Dietl hat nach dem Brief an Maas mittlerweile erfahren, dass die Frau auf der Liste der Personen stehe, die ausgeflogen werden sollen. Näheres wisse man noch nicht. Auch nicht, wann die ersten Flüchtlinge aus Afghanistan in München ankommen könnten.

München: Schutz für Afghanistan-Flüchtlinge? „Unsere Stadt hat Kapazitäten“

Für den Grünen-Fraktionschef im Stadtrat, Florian Roth, ist klar: „Unsere Stadt hat Kapazitäten zur Unterbringung und Versorgung.“ Schon seit Jahrzehnten lebe hier eine große afghanische Gemeinde. „Wir müssen uns der Verantwortung stellen.“ Auch die CSU begrüßt Dietls Initiative. Der Fraktionvorsitzende Manuel Pretzl erklärt: „Es ist für mich keine Frage, dass man den Menschen vor Ort hilft. Sie haben uns seit vielen Jahren in Afghanistan unterstützt. Alles andere ist moralisch nicht zu vertreten.“ *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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