Angst um Freunde und Familie

„Es ist unvorstellbar schrecklich“ – Münchner Afghanen berichten von Lage in Kabul

Konflikt in Afghanistan: Tausende Menschen riskieren am Flughafen in Kabul ihr Leben und laufen neben einem U.S.-Air-Force-Flugzeug her.
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Verzweiflung pur in Afghanistan: Tausende Menschen riskieren am Flughafen in Kabul ihr Leben - Münchner bangen um Freunde und Familie.

Die Taliban herrschen in Kabul, und mit ihnen die Verzweiflung. Tausende Afghanen waren in die Vier-Millionen-Stadt geflüchtet – und sitzen dort nun fest.

Kabul/München - Montags am Flughafen in Kabul, dem nun einzigen Weg, außer Landes zu kommen: Es herrscht das blanke Chaos, in dem mindestens fünf Menschen ihr Leben verlieren. Tausende Menschen warten dort in der Hoffnung, nach der Machtübernahme der Taliban doch noch außer Landes zu kommen. Stundenlang sind wegen der verzweifelten Menge keine Starts und Landungen möglich. Im Internet kursieren Videos, auf denen Menschen neben einem rollenden Flugzeug herlaufen und versuchen, sich an die Tragflächen zu klammern. US-Soldaten feuern Schüsse in die Luft, um die Menge davon abzuhalten, Flugzeuge zu stürmen. Man sieht Menschen, die von gestarteten Flugzeugen in den Tod stürzen.

Lage in Afghanistan: Münchner Studentin versucht verzweifelt ihrer Familie zu helfen „Wir sind verzweifelt“

„Es ist unvorstellbar schrecklich“, sagt Mariam Azizi, eine Afghanin, die mit ihrer Familie in München lebt. Sie hat Kontakt zu den drei Brüdern ihrer Mutter, die am Montag in Todesangst versuchen, in den Flughafen zu gelangen. „Wir sind verzweifelt. Wir versuchen seit Tagen, jemanden von den Amerikanern zu erreichen, aber vergebens, denn die Botschaft ist geschlossen“, sagt Mariam. Die 23-Jährige ist in München* geboren, studiert hier Psychologie und war bisher nur im Urlaub im Heimatland ihrer Eltern, die schon vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland flüchteten.

Aber die Familie von Mariams Mutter ist eben nach wie vor dort: die drei Brüder, deren Frauen und insgesamt zwölf Kinder. „Einer meiner Onkel hat mit der US-Botschaft zusammengearbeitet. Ein Anruf würde reichen, und er und die Familie dürften in ein Flugzeug steigen“, glaubt die 23-Jährige. Ihr kommen die Tränen, als sie der tz erzählt, dass ihr der Onkel gesagt habe, er sei bewaffnet, für den Fall, dass die Taliban sein Haus stürmen. „Sie haben schon damit begonnen, in Kabul die Häuser zu plündern“, sagt Mariam.

Am Airport Kabul spielen sich dramatische Szenen ab. Menschen versuchen das Land zu verlassen.

Afghanistan: Angst vor Entführungen und Plünderungen - Münchnerin appelliert an Politiker in Deutschland

Aber es sind nicht Plünderungen, die ihren Onkeln Angst machen. Sondern, dass ihre Frauen und Kinder von den Taliban entführt werden könnten. „Um das zu verhindern, haben sie die Waffen, denn sie sagen, es sei besser zu sterben, als in die Hände der Taliban zu fallen“, sagt Mariam. Ihr dringender Appell: „Ich bitte die westlichen Länder, die Menschen, die sie unterstützt haben, herauszuholen und sie nicht im Stich zu lassen.“

Dieser Appell scheint die Politik inzwischen erreicht zu haben. Aber ist es schon bald zu spät? Schließlich kontrollieren die Taliban am Montag bereits ganz Kabul – und erst da beginnt die Bundeswehr mit Evakuierungsflügen. Es soll eine Luftbrücke geben, die laut Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) „so lange wie irgend möglich“ bestehen soll. Man wolle gemeinsam mit den internationalen Partnern „so viele Menschen wie möglich herausholen“, sagte Kramp-Karrenbauer.

Afghanistan: Evakuierungen nach Usbekistan und Lage am Flughafen in Kabul

Bis Montagnachmittag machten sich vier Luftwaffenflüge auf den Weg nach Kabul. Die Evakuierungspläne sehen Verteidigungskreisen zufolge vor, in Taschkent, der Hauptstadt des Nachbarlands Usbekistan, eine Drehscheibe für Zwischenlandungen einzurichten.

Um 16.40 Uhr kommt die Meldung, dass US-Soldaten am Flughafen in Kabul* zwei bewaffnete Männer getötet haben. Die Lage ist unübersichtlich. Zwei Transportflugzeuge der Bundeswehr kreisten am Montagabend stundenlang über Kabul und warteten vergeblich auf eine Landegenehmigung, eines musste zum Tanken in ein Nachbarland fliegen.

Anderen Afghanen geht es ähnlich wie Mariam. So erleben die Münchner die Eskalation in Afghanistan:

Es ist schrecklich. Das größte Leid trifft die Frauen. Meine Schwester lebt in Masar-i-Sharif. Ich habe gestern mit ihr gesprochen. Sie ist in großer Angst, und mit ihr 35 Millionen Afghanen. Auch die Schwestern meines Mannes leben in Afghanistan, die sind alle gut ausgebildet und arbeiteten als Ärztinnen. Jetzt sind sie nach Kabul geflüchtet. Auch meine Tochter Beheshta will Ärztin werden. Wir sind 2015 geflüchtet und sie besucht nun hier das Gymnasium.

Benefsha Khurami (36), Kinderpflegerin aus Berg

Ich bin erschüttert und sprachlos. Ich bin seit fünf Jahren in Deutschland. Meine ganze Familie ist in Afghanistan und ich erreiche sie seit zwei Tagen nicht. Viele Menschen sind alleine und im Stich gelassen worden. Die Leute sind echt in Gefahr!

Saadat Amiri (22), Schüler Abendgymnasium 

(S. Sasse) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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