Bundespolizei-Chef schlägt Alarm

Immer mehr Alkohol-Exzesse an Bahnhöfen

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Männer mit Bierflaschen stehen im Busbahnhof vor dem Münchner Ostbahnhof.

München - Extreme Promillewerte und die damit einhergehenden Exzesse vor allem an Haupt- und Ostbahnhof treiben dem Münchner Polizeidirektor Jürgen Vanselow, Chef der Bundespolizeiinspektion München, Sorgenfalten auf die Stirn.

Erst am 10. Oktober nahm die Bundespolizei am Hauptbahnhof einer völlig betrunkenen Frau (34) das Baby ab. Sie hatte 4,3 Promille und schwankte so sehr, dass der kleine Lucas beinahe aus dem Kinderwagen gefallen wäre. Dazu kommen nahezu täglich Schlägereien und Körperverletzungen: Es ist erschreckend, was sich täglich und wahrlich nicht nur zur Wiesnzeit an Münchens Bahnhöfen abspielt. Extreme Promillewerte und die damit einhergehenden Exzesse treiben dem Münchner Polizeidirektor Jürgen Vanselow, Chef der Bundespolizeiinspektion München, Sorgenfalten auf die Stirn: „Auch aus der Perspektive eines Bürgers und Vaters bereitet mir der Umgang insbesondere junger Männer mit Alkohol zunehmend Sorgen.“ Bei 80 Prozent aller Gewaltdelikte an den Bahnhöfen ist Alkohol im Spiel.

Die letzten traurigen Einsätze der Bundespolizei:

  • Am Dienstag um 13.25 Uhr brach ein Pole (45) im Vollrausch am Ostbahnhof zusammen: 4,66 Promille! Ein Arzt wurde gerufen. Nach 15 Stunden in der Ausnüchterungszelle hatte der Mann immer noch 1,04 Promille.
  • Um 19.10 Uhr brachten Bahnsicherheitsmitarbeiter einen 37-Jährigen in den Schutzgewahrsam. Der Mann war mit 4,01 Promille in der S-Bahn eingeschlafen. Er kam ins Krankenhaus.
  • Um 22 Uhr wurde ein Mazedonier (60) im Hauptbahnhof aufgegriffen, der mit 3,1 Promille zu betrunken für die Weiterreise war.
  • Mittwochfrüh um 7 Uhr bewarf ein Mann (38) aus Milbertshofen einen Mitarbeiter in einem Bahnhofs-Lebensmittelladen mit Plastikflaschen. Der Mann hatte 4,1 Promille, zeigte aber keinerlei Ausfallerscheinungen. Was ihn so in Rage brachte, wusste er später selbst nicht mehr.

Und er muss sie verarzten

Dr. Markus Wörnle ist der Leiter der Notaufnahme der medizinischen Klinik in der Ziemssenstraße: Hier landen die stark Alkoholiserten, die am Hauptbahnhof aufgelesen werden, aber auch die vom Sendlinger Tor. Dr. Wörnle: „Wir haben in etwa 20 bis 30 Patienten am Tag, die bei uns eingeliefert werden, einer bis fünf von denen sind stark alkoholisierte, hilflose Menschen.“

Dr. Markus Wörnle, Chef der Notaufnahme, hat viel Erfahrung in der Behandlung schwerst Betrunkener.

Promillewerte von drei bis 4,5 sind für den Mediziner dabei keine Seltenheit. „Solche Werte kann aber nur jemand erreichen, der es gewohnt ist, regelmäßig hohe Mengen Alkohol zu trinken.“ Schafft man das mit Bier oder Wein? „Nein, das geht nur mit hochprozentigen Getränken wie Wodka, Schnaps oder Rum.“ Was passiert mit den stark alkoholisierten Patienten? Dr. Wörnle: „Sie werden auf eine Liege gelegt und bekommen eine Infusion mit schwacher Zuckerlösung. Die bleiben meistens liegen und gehen noch in der Nacht oder am Morgen wieder.“ Damit machen sie weitaus weniger Probleme als Gelegenheitstrinker, die von der Feierbanane oder vom Oktoberfest eingeliefert werden: „Die randalieren oft – und dann stehen noch fünf Spezln vor der Tür, die ihren Freund wieder zurück haben wollen.“ Und was sind die Gewohnheitstrinker für Leute? „Es sind selten Obdachlose, oft Hilfs- oder illegale Arbeiter aus Osteuropa.“ Wer zahlt die Behandlung? „Entweder die Krankenkasse oder der Patient. Oft bleiben wir aber auf den Kosten sitzen.“

Dorita Plange / J. Welte

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