Bayerische Braukultur

Bayerische Braukultur: Ein Herz für Biere

+
Bier ist ihr Hobby: Klaus Bley (l.) und Walter Anderls unterstützten kleine Brauerein aus Bayern.

800 Biersorten aus 130 regionalen Brauereien verkaufen Walter Anderl und Klaus Bley in ihrem „Bierspezialitäten Paradies“ in Allach. Die Getränkehändler wollen kleine Betriebe unterstützen – und sie so gegen industrielle Großbrauereien verteidigen.

Von außen sieht das alte Lagerhaus geradezu trist aus. Das ändert sich schlagartig, sobald das Rolltor hochfährt und den Blick auf die Regale freigibt. Bier, in allen Formen und Farben, eingebettet in liebevoll-traditionelle Dekoration. Für Freunde des Gerstensaftes ein echtes Paradies.

„Wir wollen die bayerische Bierkultur retten“, sagt Getränkemarkt-Inhaber Walter Anderl. „Das ist die Mission.“ Der Gegner: Großbrauereien, die im Jahr mehrere Millionen Hektoliter „Industriebier“ auf den Markt schwemmen. Für Anderl muss es regional sein, hochwertig und persönlich. „Das andere Zeug kannst du ja nicht trinken!“

130 Brauereien besucht und besten Biere ausgesucht

Mit seinem Bier-Partner und Stammtischgenossen Klaus Bley ist Anderl drei Monate lang quer durch Bayern gefahren. 130 kleine und mittelständische Brauereien haben sie besucht, die besten Biere handverlesen ausgesucht. „Das ist ein reines Hobby“, sagt Anderl. Auf Geld komme es den beiden Rentnern nicht an. „Wir haben ausgesorgt.“

Über die 800 Biersorten in seinem Laden weiß Walter Anderl genau Bescheid. Zu vielen kann er sogar eine Geschichte erzählen. „Zum Operator gibt es zum Beispiel eine“, verrät er. „Es war im Jahr 1823, da ist in München die Staatsoper abgebrannt.“ Winter sei es gewesen und das Wasser eingefroren. „Da haben’s mit Bier löschen wollen.“ In Anlehnung an diese Begebenheit hätte der Verein „Freunde des Nationaltheaters“ bei der Wiedereröffnung im Jahr 1963 ein eigenes Bier anbieten wollen. „Da haben sie in München aber nichts Passendes gefunden.“ Stattdessen übernahm die Schlossbrauerei Odelzhausen die ehrenvolle Aufgabe und lieferte das Flüssiggold. Noch heute heißt deren Dunkler Doppelbock deshalb „Operator“. Ein Bier, das zwar keine Opern, aber dafür den Durst löscht.

Wenn Anderl über Bier spricht, klingt es, als schwärme er von alten Freunden. „Ich kenne alle Braumeister“, sagt er und lächelt. Als sein Blick auf eine Flasche Weißbier von der Brauerei Unertl fällt, kommt ihm gleich die nächste Anekdote in den Sinn. „Die Familie Unertl macht das jetzt in der sechsten Generation – und alle heißen’s Alois!“ Ein tolles Weißbier machten die Aloise, schön bernsteinfarben. „Die haben auch das ,Ursud‘, das in München zu Recht ganz bekannt ist.“ Dann holt Anderl eine riesige Flasche hervor, minimum ein Liter. „Das hier nennt man eine ,Maurerhoibe‘“, sagt er und lacht. Das Etikett zeigt einen Mann mit Narrenkappe, in der einen Hand ein Bier, in der anderen einen Knochen. „Berabecka Boandl-Bräu“ heißt es, und Walter Anderl hat – wie könnte es anders sein – gleich eine Geschichte dazu parat. „Das ist ein Unikum“, sagt er. 

Narrenkappe und rosafarbene Latzhose

Womit er vor allem den Aichacher Braumeister Manfred Fritsch meint. Dieser sei dafür bekannt, dass er immer eine Narrenkappe und eine rosafarbene Latzhose trage, wenn er in seinem Bräustüberl sitzt. „Der braut sein Bier ganz alleine – und die Mutter füllt es ab und macht die Korken drauf.“ Außerdem habe Fritsch eine Kneipe, direkt neben dem Aichacher Friedhof gelegen. „Als damals das Rauchverbot erlassen wurde, hat er aus Protest dem Stadtrat Hausverbot erteilt – obwohl noch nie ein Stadtrat in seiner Kneipe war!“

Natürlich ist nicht jede der 130 Brauereien im Sortiment eine Ein-Mann-Operation. „Die meisten sind mittelständische Betriebe“, so Anderl. Mittelständisch, das bedeutet laut Bayerischem Brauerbund, dass sie ein Produktionsvolumen zwischen 20 000 und 300 000 Hektolitern pro Jahr haben. An der Obergrenze sitzen nur größere Häuser wie Augustiner oder Hofbräu. Die meisten brauen deutlich weniger. „Unsere Brauereien machen meistens so 15 bis 20 000 Hektoliter im Jahr“, verrät Anderl. Und wenn ein bestimmtes Bier mal ausgeht? „Dann wird eben ein neuer Sud aufgesetzt, und die Kunden müssen ein paar Tage warten.“ Das gehöre bei kleinen regionalen Brauereien eben dazu. Schließlich ist es keine industrielle Fließbandarbeit.

Als Experten sehen sich Anderl und Bley übrigens nicht. „Wir sind nur ganz normale Menschen, die gern mal a Hoibe trinken.“ Und weil ihr außergewöhnlicher Getränkemarkt aus reiner Freude am Bier entstanden ist, haben sie auch keine konkreten Pläne, wie es weitergehen soll. „Wir haben keine Zukunft“, sagt Anderl und lacht.

Der Getränkemarkt

„Bayerisches Bierspezialitäten Paradies“ an der Ludwigsfelder Straße 168 hat freitags von 13 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet.

Marian Meidel

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
München und die Zirkuswelt trauern um Christel Sembach-Krone
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 
Madl (9) findet Geldbeutel - Carolin Reiber verlor ihn 2013 
Zoff wegen Zettel: Busfahrer prügelt Tätowierer halbblind
Zoff wegen Zettel: Busfahrer prügelt Tätowierer halbblind

Kommentare