Verantwortlicher für Rodung unklar

Magerwiese statt Lärmschutz? Verwirrung um Fläche in Allach

+
Verwüstung im vermeintli chen Niemandsland: Die entfernten Bäume und Sträucher zwischen Spiegelbergstraße und Ludwigsfelder Straße bildeten früher eine natürliche Schallmauer gegen den Verkehrslärm.  

München - Eine Rodung in Allach verwirrt die Stadt. Nachdem plötzlich etliche Bäume und Sträucher gefällt wurden, wollte es zunächst keiner gewesen sein. Und niemand scheint genau zu wissen, wem die Flächen an der Ludwigsfelder Straße eigentlich gehören.

Allacher Bürger und Lokalpolitiker sind sauer und rätseln: Wer ist verantwortlich dafür, dass im November auf einer Wiese zwischen Ludwigsfelder und Spiegelbergstraße etwa zehn Bäume und Sträucher gefällt wurden? Die Anwohner trauern vor allem um die Bäume. Die waren vor rund zehn Jahren gepflanzt worden und hatten mittlerweile eine stattliche Größe. Jetzt nehmen die Anwohner deutlich mehr Straßenlärm wahr.

Niemand hatte über die Fällungen informiert. Laut Kommunal- und Planungsreferat hat die Deutsche Bahn (DB) die Rodung veranlasst. Ihr gehören einzelne Flurstücke der Fläche. Doch die will davon nichts wissen. Nun schieben sich Stadt und Bahn gegenseitig die Verantwortung zu.

Bereits im November stellte das Baureferat klar, es handle sich um eine Ausgleichsfläche der Bahn für die nahegelegene Trasse nach Ingolstadt. Die Bahn teilte auf Anfrage mit, für „die Verkehrssicherheit an Gleisen, Oberleitungen und Signalen“ würden „an vielen Streckenabschnitten Vegetations- und Rückschnittarbeiten“ durchgeführt.

Doch diese Auskunft war schlichtweg falsch. Denn die betroffenen Flächen liegen teils etwa 150 Meter von der Bahntrasse entfernt. Nach neuerlicher Anfrage erklärte die DB: „Das Grundstück gehört wie vermutet nicht der DB Netz AG, demzufolge haben wir dort auch keine Baumfällung veranlasst.“ Wer dann?

Nun meldete sich Ernst Rudolph in unserer Redaktion, der nach eigenen Angaben vor zehn Jahren die landschaftspflegerischen Maßnahmen auf den betroffenen Flächen leitete. Im Auftrag der DB Projektbau, einer damaligen Tochtergesellschaft der Bahn, ließ er die Bäume in Abstimmung mit der städtischen Naturschutzbehörde pflanzen. Auch Rudolph wundert sich jetzt, warum er das Areal damals aufwendig neu gestalten musste. Denn mittlerweile wurden die Flächen wieder plattgemacht. Rudolph glaubt, dass dort nun eine sogenannte Magerwiese angelegt werden soll.

Die Untere Naturschutzbehörde der Stadt (UNB) bestätigt diese Vermutung. „Vorhabensträgerin“ sei aber, Achtung: die Bahn. Die stelle in Abstimmung mit der UNB „einen Zustand entsprechend der festgesetzten naturschutzrechtlichen Ziele“ her. Man wolle „magere Wiesenbestände oder Magerrasen“ entwickeln. Die Bäume und Gehölze würden entfernt, „weil ihr Schatten und Laub die Magerwiese stört“.

Das ahnte vor zehn Jahren offenbar niemand. „Jetzt haben wir Erfahrungswerte gesammelt“, erklärt ein Sprecher der UNB. „Die Bäume geben zu viele Nährstoffe ab, die die nährstoffarme Magerwiese stören.“ Warum ausgerechnet dort eine Magerwiese entstehen soll, begründete die UNB mit dem „Biotopverbund“: Da unmittelbar auf der anderen Straßenseite das Naturschutzgebiet Allacher Lohe angrenze und sich unweit im Norden Münchens die Allacher Steppenheide – ebenfalls ein Magerrasengebiet – befindet, ließe sich die nun entstehende Magerwiese „andocken“. So werde der Austausch von Tier- und Pflanzenarten ermöglicht.

Unklar bleibt: Wem gehören die Flächen?

Unklar bleibt trotzdem, wem denn nun die Flächen überhaupt gehören. Dazu bekommt man widersprüchliche Auskünfte: Die UNB erklärte, „die betroffenen Flächen befinden sich nach unserem unverbindlichen Plan in städtischem Eigentum“. Die Flächen hätten zuvor der Bahn gehört, die trotz der Übertragung an die Stadt die Auflage habe, die Maßnahmen durchzuführen.

Das städtische Kommunalreferat teilt hingegen mit, dass die meisten Flächen auf dem Gelände zwischen Spiegelberg- und Ludwigsfelder Straße der Bahn gehören – auch wenn diese behaupte, damit nichts zu tun zu haben. Einige Flurstücke, darunter die westliche Straßenecke zwischen Ludwigsfelder Straße und Spiegelbergstraße sowie die Straßen selbst, seien im städtischen Besitz.

So oder so: Die Bäume sind weg, zum großen Bedauern der Anwohner. Die haben nun statt saftig-grünem Ausblick deutlich mehr Lärm von der Ludwigsfelder Straße, den auf der mageren Wiese nichts mehr aufhält.

Lesen Sie auch: „Euro-Industriepark: 72 Bäume in Nacht-und-Nebel-Aktion gefällt und gestohlen“ sowie „Was bringt das Jahr 2017 für den Stadtbezirk? Die Jahrevorschau für Allach-Untermenzing“

Sophie Krause

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Faktencheck: Darum kostet die Wohnungsnot die Stadt Millionen
Faktencheck: Darum kostet die Wohnungsnot die Stadt Millionen
Semmeln heimgebracht: MVG-Busfahrer lässt Passagiere allein
Semmeln heimgebracht: MVG-Busfahrer lässt Passagiere allein

Kommentare