Mutter protestiert im Sozialbürgerhaus

Bestechung als letztes Mittel? Der verzweifelte Kampf um einen Kita-Platz

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„Ich gehe erst weg, wenn mir jemand hilft“: Heiderose Hofmann (38) mit ihrer Tochter Maya (3) vor dem Sozialbürgerhaus Neuhausen.

Eine alleinerziehende Mutter probt im Sozialbürgerhaus Neuhausen den Aufstand gegen die Verwaltung. Seit 2015 wartet sie auf einen Kita-Platz. Nun bekam sie Ungeheuerliches zu hören.

München - Einen letzten Versuch macht Heiderose Hofmann (38) noch. Die alleinerziehende Münchnerin hat keinen Kindergartenplatz für Maya bekommen, die im November schon vier wird. Seit zwei Jahren hat die diplomierte Werbeberaterin alles versucht, ihre Tochter überall angemeldet. Jetzt, kurz vor dem Start des neuen Kindergartenjahrs, ist ihre Verzweiflung groß.

Am Montag dieser Woche um 8.30 Uhr marschiert Hofmann deshalb mit Maya ins Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach und sagt: „Ich gehe erst weg, wenn mir jemand geholfen hat.“ Sie will raus aus Hartz IV und selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Doch das geht nur, wenn sie einen Betreuungsplatz für Maya hat. Im Moment nimmt Hofmann an einem Wiedereingliederungsprogramm für Akademikerinnen teil. Mehrere Jobangebote hat sie zuletzt bekommen. „Doch immer, wenn die potenziellen Arbeitgeber gefragt haben, wann ich anfangen kann, musste ich sagen, dass ich noch keinen Kita-Platz habe.“

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„Kita-Finder ist für mich ein schwarzes Loch“

Bei allen in Frage kommenden Einrichtungen hat sich Hofmann über den „Kita-Finder“ angemeldet. „Der Kita-Finder ist aber für mich ein schwarzes Loch“, sagt sie. Sie hat selbst in Kitas vorgesprochen. Doch alles half nichts. „Ich habe gedacht, ich hätte einen Vorteil als Alleinerziehende. Aber ich werde so behandelt wie eine Familie, in der beide Elternteile Vollzeit arbeiten.“ In Neuhausen gibt es derzeit nur für 78 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergartenplatz. Zum Vergleich: Stadtweit sind es 92 Prozent.

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Und dann hat Hofmann von mehreren Eltern noch etwas erfahren, was sie fassungslos macht. „Die haben zu mir gesagt, ich solle halt mit einem 300-Euro-Scheck zum Kindergarten meiner Wahl gehen, dann hätte ich den Platz sicher.“ Vorwürfe, dass manche Kindergartenleitungen bestechlich sind, sind nicht neu. „Abgesehen davon, dass ich das nicht okay finde, habe ich auch keine 300 Euro“, sagt Hofmann.

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Für Platz in privatem Kindergarten fehlt das Geld

Das Jugendamt vermittelte ihr schließlich den Kontakt zu mehreren privaten Kindergärten, die noch freie Plätze haben. „Aber da kostet ein Platz zwischen 700 und 1400 Euro im Monat“, berichtet Hofmann. Das ginge nur, wenn sie vom Jugendamt wirtschaftliche Jugendhilfe bekäme, einen Zuschuss für Bedürftige. Bei einem privaten Kindergarten hat sich die 38-Jährige am vergangenen Mittwoch vorgemerkt, doch die Einrichtung betonte, dass sie innerhalb einer Woche den bewilligten Antrag vom Jugendamt vorlegen müsse.

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Den Zuschuss zu beantragen wird zur nächsten Hürde für die Frau, die mit Maya auf 30 Quadratmetern lebt. „Es gibt dort nur einmal in der Woche eine zweistündige Telefon-Sprechstunde - und da war dauernd belegt.“ Deshalb nun der Sitzstreik im Sozialbürgerhaus. Nach sechs Stunden Warten kommt sie ein wenig erleichtert wieder heraus. „Ich habe mein Anliegen vorbringen dürfen“, berichtet sie. „Allerdings sind wohl von fünf Mitarbeitern im Moment nur zwei da und die haben alle Hände voll zu tun.“ Das Amt wolle sich nun bemühen, ihren Antrag schnell zu bearbeiten. Ob es klappt, ist am Dienstagabend noch unklar.

Das Sozialreferat bestätigt, dass es im Bereich wirtschaftliche Jugendhilfe einen Personalengpass gibt. „Verbesserung ist aber in Sicht, neue Mitarbeiter werden gerade eingearbeitet“, sagt Sprecherin Hedwig Thomalla. Dringliche Einzelfälle würden vorgezogen. Thomalla: „Uns ist natürlich auch wichtig, dass niemand einen Kindergartenplatz nicht annehmen kann oder seinen Arbeitsplatz verliert.“

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Bestechung als letzter Ausweg?

Kita-Plätze werden nach den geltenden Regelungen des jeweiligen Trägers vergeben. In der Satzung der Landeshauptstadt München richtet sich die Vergabe nach Rangstufen und innerhalb dieser nach Dringlichkeitsstufen. Dennoch bezweifeln immer wieder Eltern, dass bei der Vergabe der Plätze alles mit richtigen Dingen zugeht.

Im Jahr 2016 erklärte eine Mutter, die Anmeldung laufe weiter wie vor der Einführung des Kita-Finders „über Klinkenputzen und Einschmeicheln“ bei Kita-Leitungen. Andere berichten sogar von „Spenden für Spielzeug“ oder eben, wie Heiderose Hofmann, gleich von Schmiergeldern.

Offiziell bestätigen lassen sich solche Fälle nicht. Aus dem Haus von Bildungsreferentin Beatrix Zurek (SPD) heißt es dazu, dass die Stadt seit Jahren aktiv gegen Korruption kämpfe: „Das Referat hält den geschilderten Fall nicht für realistisch, zumal uns keine Beschwerden von Eltern auf käufliche Plätze vorliegen“, teilt Sprecher Ulrich Lobinger mit

Caroline Wörmann

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