So gehen Hinterbliebene mit dem Tod um

"Meine Tochter wollte nicht mehr leben"

Mutter Gisela S. (83) am Grab ihrer Tochter. Sie war oft verzweifelt.

München - Wenn die Liebsten gehen, dann sind wir in Gedanken weiter bei Ihnen. Am Samstag ist Allerheiligen, an diesem Feiertag gedenken die Katholiken in München ganz besonders den Verstorbenen. Die tz hat auf dem Ostfriedhof mit mehreren Hinterbliebenen gesprochen und sie verraten uns: Was bleibt von ihren Liebsten?

Ob in der Kirche oder auf den Friedhöfen der Stadt: Die Hinterbliebenen denken daran, was von den Toten geblieben ist. Meistens sind es schöne Erinnerungen, manchmal kommen aber auch traurige Bilder in den Kopf. Manch einer hat etwas von den Verstorbenen gelernt, dass ihm jetzt im eigenen Leben hilft. Die tz hat auf dem Ostfriedhof mit mehreren Hinterbliebenen gesprochen und sie verraten uns: Was bleibt von ihren Liebsten?

Sie sind immer unsere Enkel

Ihr Leben war viel zu kurz: Im Oktober 2009 mussten die Zwillingsbabys Tabea und Valentin nach sieben Monaten im Bauch wegen einer Infektion der Mutter das Licht der Welt erblicken. Das Mädchen kam schon tot zur Welt, der Bub starb kurz danach, weil die Lunge noch nicht kräftig genug war. „Trotzdem bleiben die beiden immer unsere ersten Enkel“, sagt die Oma Elfriede M. (57), die das Grab regelmäßig besucht. „Sie liegen zusammen in einem kleinen weißen Sarg“, sagt die Münchnerin, die heute mit ihrem Mann Stefan (55) zum Jahrestag einen Herz-Luftballon mitgebracht hat, den sie steigen lässt. Sie erinnert sich: „Die Kinder waren komplett fertig – und bildhübsch. Es hat unserer Tochter sehr geholfen, richtig Abschied zu nehmen. Es gab eine Nottaufe, dann haben wir drei Tage auf meinen Mann gewartet, der in Tokio war“, erinnert sich die Großmutter. In einem Trauerhaus hatte die Familie ausgiebig Zeit gehabt, zu singen und sich zu verabschieden. Mittlerweile hat Elfriedes Tochter zwei gesunde Kinder: eine Tochter (3) und einen drei Wochen alten Buben. Die Zwillinge bleiben dennoch unvergessen – auch bei Oma Elfried M. „Ich denke, dass ihre Seelen frei sind. Manchmal, wenn mir Missgeschicke passieren, denke ich, dass sie da sind und mich ärgern wollen – dann schimpfe ich sie.“

"Ich bitte meine Eltern um Hilfe"

Die Zwillingsschwestern Maria (l.) und Susanne am Grab ihrer Eltern.

Der Friedhof ist für Susanne S. (61) und ihre Zwillingsschwester Maria kein unangenehmer Ort. „Ich fühle mich hier wohl. Ich bin meinen Eltern nahe – und sie geben mir noch immer ein Gefühl der Sicherheit, wenn ich hier bin.“ Deshalb kommt es nicht selten vor, dass die Frührentnerin auch ganz praktische Hilfe am Familiengrab sucht. Ganz so, als wäre sie bei den Eltern, die 1986 und 2008 verstorben sind, zu Besuch. „Ich komme jede Woche und rede immer mit ihnen“, sagt die Untergiesingerin. „Ich geh hin und sage ‚Hallo, ich bin wieder da!’“ Wenn sie ihre besondere Aufmerksamkeit brauche, könne es auch mal passieren, dass sie mit dem Schuh gegen das Grab klopfe. „Einmal zum Beispiel hatte ich Angst vor einer Zahn-Operation und habe ich sie gebeten, dass sie drauf achten, dass alles gut geht. Als ich wieder vom Friedhof weggegangen bin, war ich viel ruhiger als zuvor…“ Was bleibt von den Eltern sind Bilder im Kopf, die nicht nur am Friedhof immer wieder hochkommen. „Unser Vater hatte eine Lederhosen-Werkstatt in Untergiesing – und hatte trotzdem immer Zeit, uns zum Beispiel von der Schule abzuholen.“ Die Eltern hätten den Schwestern eine wunderschöne, wohlbehütete Kindheit beschert. Susanne S.: „Und sie haben immer gesagt, dass sie weiter auf uns aufpassen, auch wenn sie nicht mehr auf Erden sind. Und das spüre ich tatsächlich.“

Erinnerung an dramatische Zeit

Mit Friedhöfen und Gräbern hat es Max H. (58) nicht so. Der Lkw-Fahrer aus Garching glaubt nicht, dass man den Verstorbenen an solchen Stätten näher ist. „Ich kann doch überall an die Toten denken.“ Vielleicht liegt es aber auch daran, dass am Familiengrab eine schlimme Erinnerung hochkommt. „Ich kann mich noch genau an den Schrei meiner Frau erinnern, als sie gesehen hat, dass unser Sohn nicht mehr lebt.“ Es war 1985, als seine ehemalige Frau eines Morgens in der Perlacher Wohnung ans Bettchen ihres sechs Monate alten Sohnes trat, um nach dem Rechten zu sehen. Doch Baby Max rührte sich nicht. „Damals kannte man den plötzlichen Kindstod noch nicht so gut. Wir fuhren sofort in Panik zum nächsten Krankenhaus. Aber die konnten nichts mehr tun. Das war eine sehr dramatische Zeit. Wir waren völlig hilflos. Sogar die Kripo war bei uns …“ Gott sei Dank kamen noch drei weitere gemeinsame Kinder. 2006 dann der nächste Schicksalsschlag: Die Mutter folgt mit nur 49 Jahren dem Erstgeborenen ins Grab, sie stirbt an Krebs. „Damals waren wir zwar schon geschieden“, sagt Max H. „Aber wir hatten uns wieder gut verstanden. Und für die Kinder war es sehr hart. Eine Tochter war noch im Teenageralter.“ Das Familiengrab pflegen all die Hinterbliebenen gemeinsam. Sie halten zusammen. Max H.: „Das bleibt immer.“

Finns Opa ist ein Schutzengel

Finn T. (10) mit Geschwistern, Mama Monika und Oma Helga.

Was passiert mit meinem Opa, jetzt, wo er nicht mehr da ist? Finn T. (10) ist ganz schön durcheinander. Vergangene Woche ist sein Großvater Reinhard mit 80 Jahren an Krebs gestorben. Seine Mutter Monika (51) hat ihn und die anderen beiden Kinder deshalb ausnahmsweise mit ihrer Mutter Helga (79) zu den Familiengräbern mitgenommen. „Sie sollen sehen, wo Opa hinkommt. Ich will nicht, dass das Thema Tod bei ihnen tabu ist.“ Finns Opa kommt zwar nicht zu den anderen Verwandten auf den Ostfriedhof, sondern auf den Germeringer Friedhof, aber der Schüler ist nach dem Besuch sichtlich erleichtert. Finn: „Ich finde, so ein Friedhof ist gar nicht so schlimm. Wenn Opa beerdigt ist, radel ich jeden Tag zu seinem Grab.“ Er hat dem Opa schon einen Abschiedsbrief geschrieben: „Darin hab ich ihm gesagt, dass ich ihn liebhabe und dass er jetzt unser Schutzengel ist.“ Finns Mutter bemüht sich, den Kindern zu zeigen, wie wichtig es ist, offen und unverkrampft über Verstorbene zu reden. Sie sagt: „Meine Mutter und ich lachen auch viel am Grab. Denn gerade die lustigen Geschichten bleiben. Ich muss zum Beispiel dran denken, wie meine Mutter beim Kartenspielen geschummelt hat. Und sie hat immer gesagt, wenn was schief ging: ‚Für irgendwas ist es vielleicht noch gut.‘ Diesen Optimismus habe ich behalten und gebe ihn an meine Kinder weiter.“

„Meine Tochter wollte nicht mehr leben“

Renate nahm sich 1974 das Leben.

Was bleibt, wenn die eigene Tochter geht – und das auch noch aus freien Stücken? „Unverständnis – bis heute“, sagt die Truderingerin Gisela S. (83). Ihre Tochter Renate hat sich 1974 mit 25 Jahren mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Der Grund: Liebeskummer. Die Mutter sagt: „Sie hat mir damals einen Abschiedsbrief geschrieben, dass ich nicht böse sein soll. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, nicht mehr wütend zu sein. Aber wirklich verstehen kann ich es bis heute nicht.“ Gisela S. hat freilich auch Bilder von glücklichen Zeiten im Kopf. „Renate hat zum Beispiel viel gebastelt. Und viel gelacht. Auch wenn sie eher ein ruhiges Mädchen war. Sie war einfach ganz a liebes, hübsches Madl.“ Am Grab aber hadert die Mutter sehr oft mit sich. „Direkt nach ihrem Tod habe ich monatelang nicht weinen können, dann habe ich nur geweint und musste zum Nervenarzt. Auch wenn der Schmerz irgendwann weniger wird: Die Fragen, warum sie nicht mit mir drüber geredet hat oder ob ich etwas hätte anders machen können, die bleiben mein Leben lang. Sie war doch zwei Wochen vor ihrem Freitod noch bei mir – und hat nichts gesagt … Da hast du als Mutter bis zum eigenen Tod dran zu knabbern.“ Denn die Antworten auf Giselas Fragen hat ihre Tochter mit ins Grab genommen.

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