Und jetzt zieht uns Olympia an Land

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Münchens Oberbürgermeister Christian Ude ist trotz einer gerade überstandenen Darmerkrankung nach Durban gereist, um vor Ort um die Winterspiele 2018 zu kämpfen.

Durban - Zugegeben, den heißen Hüftschwung von Shakira hat er nicht drauf. Und auch die berühmt-berüchtigte Vuvuzela kommt nicht zum Einsatz, als Christian Ude am Sonntagmittag in Durban aus dem Flieger steigt.

Aber gleich zu Beginn der vielleicht wichtigsten Auslandsreise seiner Amtszeit lässt er an seiner unbändigen Leidenschaft keine Zweifel aufkommen. „Ich fühle so eine Art Endspurtstimmung“, beschreibt der „Kapitano“ der Münchner Olympia-Bewerbung sein Bauchgefühl, „wir werden bis zum Finale am Mittwoch an den letzten Details unserer Präsentation feilen und jede Gelegenheit zu Einzelgesprächen mit IOC-Vertretern nutzen.“ Schon an seiner energiegeladenen Stimme spürt man: Der bayerische Oberbürgermeister brennt mindestens genauso sehr auf seine Auftritte in Südafrika wie die kolumbianische Pop-Queen im vergangenen Sommer bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Sagen wir es mit Shakiras WM-Hit: Waka Waka, Ude ist in Afrika – der heiße Tanz um den Olympia-Zuschlag ist eröffnet.

Ringe unter den Augen? Fehlanzeige! In Udes Gesicht spiegelt sich eine Mischung aus Konzentration, Optimismus und Tatendrang. Obwohl er erst kurz vor der Abreise aus der Klinik entlassen worden war und jetzt auch noch ein Dutzend Flugstunden in den Knochen hat. Alles vergessen, jetzt zählt nur noch eins: dass es ihm und seinen vielen Mitstreitern gelingt, die Winterspiele 2018 tatsächlich an Land zu ziehen.

Ihre Feuertaufe haben Ude & Co. bereits kurz nach der Ankunft im deutschen Teamhotel zu bestehen. Auftaktpressekonferenz der deutschen Bewerbung vor internationalen Journalisten. In fließendem Englisch preist der OB noch einmal die Vorzüge der Isar-Met­ropole, im Hintergrund flimmern Bilder von der Wiesn, der Frauenkirche, dem Starnberger See und tiefverschneiten Garmischer Skipisten über eine Großbildleinwand. „Wir wären stolz, als erste Stadt nach Sommer- auch Winterspiele organisieren zu dürfen. Wir könnten volle Stadien garantieren.“ Einige der zahlreichen koreanischen Beobachter lächeln süßsauer.

Eines wollen die Münchner aber unter allen Umständen vermeiden: dass sich in der globalen Olympia-Familie ein Eindruck von deutscher Überheblichkeit breitmacht. So spielt der Geschäftsführer der Bewerbung, Bernhard Schwank, auf der Klaviatur der moderaten Töne, als er um einen Vergleich mit den Mitbewerbern gebeten wird: Selbstverständlich habe man ein gutes Verhältnis zu den Kollegen in Pyeongchang und Annecy. „Die Frage am Mittwoch wird sein, wer die beste Lösung für die Athleten anbietet.“ Die Antwort liegt ihm genauso auf den Lippen wie DOSB-Spitzenfunktionär Michael Vesper: München. Aber sie sprechen es nicht aus. Understatement, das beim IOC immer besser ankommt als allzu große Siegesgewissheit.

Deshalb haben sich die deutschen Marketingstrategen auch gleich noch einen eher demütigen Fototermin ausgedacht. Ude, Schwank und Vesper ziehen eine Rikscha, in der es sich zwei traditionell gekleidete Afrikaner bequem gemacht haben. Und die Botschaft hinter der Inszenierung schiebt der OB gleich hinterher: „München könnte mithelfen, in Sachen Olympia so manchen Karren wieder zum Laufen zu bringen.“ Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – etwa, dass es sich um eine Anspielung auf die eher blutleeren und zuschauerarmen Spiele in Turin oder die bevorstehenden Wettkämpfe in der Retortenstadt Sotschi am Schwarzen Meer handeln könnte. Und, naja, die koreanischen Konkurrenten glänzen ja auch nicht gerade mit Wintersport-Tradition wie München, Garmisch und Berchtesgaden.

Heute werden die Münchner ihre Werbetour fortsetzen – nachdem der OB sich mit einer Mütze Schlaf und Antibiotika-Tabletten gestärkt hat, die er wegen seiner abklingenden Entzündung am Darm immer noch schlucken muss. Tröstlicherweise befindet er sich zumindest bei einer Diagnose in guter Gesellschaft: Auch Michael Vesper verspürt „ein Fieber, das jeden Tag steigt“. Tabletten braucht er keine, wie er selbst sagt; die Vision, die ihn umtreibt, bereitet ihm keine Schmerzen: „Wir wollen die Winterspiele 2018 ausrichten, um dabei globale Maßstäbe zu setzen.“ Und das soll keine Halluzination bleiben.

Andreas Beez

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