Allianz Arena: Dauerkarten für Stadträte gratis

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FC Bayern, olé: Auf dem Bild unten links sitzen bei jedem Spiel in Block 123 bis zu 50 Politiker und Beamte gratis – und manchmal sogar Ehrengäste der Stadt.

München - Wenn die Allianz Arena glüht, und das Flutlicht die Spieler badet, dann wird in München ein Traum des Weltverbandes Fifa wahr: Der Fußball überwindet Grenzen.

In Block 123 fiebern Politiker aller Parteien einig mit. Sozis, Schwarze, Grüne, Gelbe – dann sind sie alle Rote (oder Blaue). Noch etwas verbindet die Volksvertreter: Sie zahlen keinen Cent. Fanclub Stadtrat-Nullkommanix! Die Stadt verfügt über 56 Gratis-Dauerkarten für die Arena – jede Saison, bei jedem Heimspiel von FC Bayern und TSV 1860, ob Liga, Pokal oder Champions League. Bei sechs Plätzen handelt es sich um noble „Business Seats“ mitten auf der Haupttribüne, deren Nutzer die Vereine auch mit kulinarischen Spitzenleistungen verwöhnen.

Weitere 50 Tickets stehen für Block 123 bereit, erster Rang an der Gegengeraden, fast in der Mitte, beste Kategorie. Die meisten Karten gehen an die 80 Stadträte und Behörden, die im schönsten Stadion der Welt eine große Koalition zum Wohl des Rasensports in der Landeshauptstadt bilden – und den Kreis zur Verstärkung gerne mal um Partner, Familie und Freunde erweitern. Die freilich auch nichts zahlen. Das räumen Stadt-Direktorium und Parteien auf Nachfrage der tz ein. So hat es der Ältestenrat hinter verschlossenen Türen vereinbart.

Dass die Stadt grundsätzlich über Tickets verfügt, ist nicht unbekannt. Schließlich hat die Stadträtin der Linken, Brigitte Wolf, ihre Dauerfreikarte nämlich vor zwei Jahren zurückgegeben und nervt seither OB Christian Ude in fünf Anfragen, weil sie das alles für „rechtlich fragwürdig“ hält. Auf die jüngste Anfrage hat der OB jetzt erstmals offenbart, welch Wert hinter dem Vorteil für die Politiker und Beamte steckt: 2009 hätten die Dauerkarten im Verkauf 146 700 Euro gekostet. Knappe 48 000 Euro kosten jeweils die „Business Seats“ und die 50 Spitzenplätze bei den Bayern.

Allianz Arena: Solarium für den Rasen

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Bei den Löwen geht es in der zweiten Liga günstiger zu: Hier machen die VIP-Sessel und die 50 Top-Karten zusammen 42 000 Euro. Dazu kommen 9200 Euro für Parkplätze – drei direkt an der Arena und 20 im Parkhaus, damit sich die Volksvertreter nicht mit dem Volk in die U-Bahn drängen müssen. Hochgerechnet bis zum Ende des Erbbaurechts 2090 ergibt sich ein Wert von 2,6 Millionen Euro. So weist es der Jahresabschluss der Stadt aus. Noch vor zwei Jahren schrieb das Stadtoberhaupt, dass die Preise nicht bekannt seien. Bei den Tickets handelt es sich um „Dienstbarkeiten“, die im Grundbuch eingetragen und somit zum Vermögen Münchens zuzurechnen sind. Die Stadt erhält sie im Rahmen des Erbbaurechts, ihr gehört nämlich der Grund der Arena.

Damit stehe der Stadtrat selbstredend weiter in der Verantwortung für Verkehrserschließung, Sicherheit und vertragsgemäße Nutzung des Stadions, belehrte der OB bereits vor zwei Jahren die Linke. Der Stadionbesuch gehöre zur „Kontrollpflicht“, die Ude in einem späteren Schreiben an die Fraktion nur noch als „Sich-Kundigmachen“ verstanden wissen wollte. Zumindest die Stadträtin Wolf und ihre beiden Kollegen der Linken maßen sich das nicht an: „Wenn da jemand etwas kontrollieren will, soll er lieber die Feuerwehr oder das Kreisverwaltungsreferat rufen.“

Auch mit der jüngsten Antwort des OB will sie sich nicht zufriedengeben. Die Stadträtin will statt Fußball zum Nulltarif lieber eine höhere Erpacht zugunsten der Steuerzahler und sozialer Zwecke erzielen. Ude hat schon abgewunken: „Die Frage stellt sich nicht, da eine Rückgabe der Karten nicht beabsichtigt ist.“ Das Rathaus muss also nicht befürchten, die Spiele in der Arena nicht mehr in Mannschaftsstärke kontrollieren zu dürfen. Formal gehen von den 50 Tribünenplätzen 28 direkt an die Fraktionen der Rathausparteien, sechs dürfen die drei Bürgermeister nutzen, und fünf stehen den Behörden Kommunalreferat, Sportamt und KVR zur Verfügung.

Die verbleibenden elf Karten, darunter die der Linken, verwaltet das Protokoll der Stadt. Sie sollen an Ehrengäste gehen, sind derer nicht genügend zugegen, dürfen sich dafür die Stadträte bewerben, erklärt das Direktorium der Stadt. Die Verwaltung verlost aber schon mal zwei Karten an Mitarbeiter. In der Vergangenheit sollen auch ehrenamtliche Helfer von städtischen Projekten – wie etwa der 850-Jahr-Feier – mit der Wohltat bedacht worden sein. Die sechs VIP-Plätze bleiben aber wirklich leer, wenn nicht gerade einem Oberbürgermeister einer Partnerstadt der Sinn nach Fußball steht.

Die Fraktionen dürfen die Verteilung ihrer Karten selbst regeln. Zwölf vergibt die SPD direkt an ihre 33 Räte – dazu kommen die vier für die beiden Bürgermeister. Vier Tickets nutzen Grüne und Rosa Liste – plus die beiden für den Bürgermeister. Die FDP verteilt zwei Dauerkarten. Und der Ausschussgemeinschaft aus je einem Stadtrat von Freien Wählern, Bayernpartei und ödp steht eine Karte zur Verfügung. Bleiben rechnerisch neun Karten für die CSU, deren Geschäftsstelle sich allerdings über Tage nicht zu einer Antwort auf die tz-Anfrage durchringen konnte.

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Die Karten sind heiß begehrt, die der Bayern gehen aber besser als bei den Löwen. Uneinig sind sich die Fraktionen in der Steuerfrage: Einzig die FDP hat sich zur Regel gemacht, die Nutzung als geldwerten Vorteil dem Finanzamt zu melden. OB Ude hielt das in einer Antwort vor zwei Jahren nicht für notwendig und verweist mittlerweile auf die Verantwortung jedes einzelnen Politikers für seine Steuererklärung.

Manche Volksvertreter kommen allerdings kaum in diese Zwickmühle. „Als einfacher Stadtrat bekommst du doch gar keine Karten für Spitzenspiele“, beklagt sich einer gegenüber der tz. „Die greift sich alle der Vorstand.“

David Costanzo

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