Der alltägliche Pflege-Skandal

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Weggeschoben: Vor allem für die Betreuung Dementer fehlt das Geld.

München - Dieser Bericht schockiert und macht auch nachdenklich. Einem neuen Bericht der Beschwerdestelle zur Folge sind die Mängel im Pflegebereich aus Rekordniveau.

Nichts zu trinken, nie geduscht und ständig wechselnde Betreuer: Solche Missstände können für Senioren und Pflegebedürftige schnell Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Darum hat die Stadt schon 1997 die Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege eingerichtet, die jetzt ihre neueste Bilanz vorlegt, die OB Christian Ude kommende Woche im Stadtrat vorstellt. Sie dokumentiert den alltäglichen Pflege-Skandal. Fast 2000 Münchner klagten in den vergangenen beiden Jahren den Experten ihr Leid – pro Jahr. Das entspricht fast zehn Prozent der geschätzt 25 000 Pflegebedürftigen in der Stadt. Damit bleibt die Zahl der Hilferufe auf Rekord-Höhe. Immer mehr Beschwerden erreichen auch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, die Heimaufsicht und die Einrichtungen selbst, stellen die Berater fest: „Die Beschwerdekultur hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.“

Die Opfer brechen ihr Schweigen – die anonyme Bilanz: Frau Neuner (90, Name geändert) lebt seit zwei Jahren im Heim und hat Angst: Sie hat es am Herzen und ist fast blind – aber geistig ist sie noch rege. Ihrer Tochter klagt sie fast täglich, dass sie ihre Augentropfen nicht bekommen hat, außerdem muss sie plötzlich hohe Zuzahlungen leisten. Aber die Tochter darf nichts unternehmen: Frau Neuner hat Angst, dass die Pfleger sie schlecht behandeln! Die Tochter wendet sich an die Beschwerdestelle, mit deren Ratschlägen sie die Mutter umstimmen kann. Nach einem Gespräch mit der Leitung bekommt sie ihre Medikamente regelmäßig.

In einem anderen Heim bestellen die Pfleger nicht genügend passende Inkontinenzeinlagen. Darum geben sie einer Patientin zu kleine Einlagen. Kleidung und Rollstuhl sind ständig durchnässt. Die Beschwerdestelle schaltet sich ein. Seitdem hat die Dame immer die richtigen Einlagen. Ein Pflegedienst rechnet über Wochen „Zubereitung einer warmen Mahlzeit ab“ – obwohl nur Tiefkühlkost aufgetaut wird.

Frau Nacht (86, Name geändert) hat immer gearbeitet und allein zwei Kinder großgezogen – eine starke Frau, auch wenn sie vor einem Jahr in ein Pflegeheim musste. Doch sie ärgert sich: Pfleger klopfen nicht an, lassen die Tür bei der Behandlung offen, geben ihr die Tabletten nicht 30 Minuten vor dem Frühstück, wie vom Arzt angeordnet. Ein Fenster wird über Monate nicht repariert. Mitarbeiterinnen der Beschwerdestelle besuchen sie und stellen auch noch Fehler in der Pflege fest – Frau Nacht hat die Kompressionsstrümpfe falsch an!

Eine demente Dame wird nie geduscht. Im Gespräch kommt heraus, dass die Dame nur nicht von Männern geduscht werden will. Seitdem übernehmen das die Pflegerinnen. Ein Bewohner eines Doppelzimmers stirbt. Der bettlägerige Nachbar erlebt alles mit, ist geschockt. Trotzdem lassen die Pfleger ihn noch sieben Stunden neben dem Toten liegen.

Auch immer mehr Personal ruft um Hilfe

Suchten in den vergangenen Jahren jeweils um die 1500 Münchner Rat bei der Beschwerdestelle für Probleme in der Altenpflege, stieg die Zahl schon 2008 steil an: Seitdem wenden sich pro Jahr rund 1900 Münchner einmalig an die Experten.

Im vergangenen Jahr gewachsen ist die Zahl der Menschen, die sich mehrmals beschwerten. Rund 160 Betroffene gaben im Durchschnitt fünf Fälle zu Protokoll, stellen die Pflege-Experten der Stadt fest. Jeweils zur Hälfte werden Heime und Pflegedienste benannt. Erstmals angestiegen ist der Anteil der Männer als Beschwerdeführer – von 18 auf 26 Prozent. Das liege vermutlich daran, dass langsam die Jahrgänge in die Pflegebedürftigkeit kommen, die nicht durch den Krieg dezimiert wurde.

Zunehmend schwärzen auch Pfleger ihre Arbeitgeber an. Der Anteil stieg von 4 Prozent im Jahr 2008 auf 12 Prozent 2010. „Das mag ein Spiegel von Arbeitsbelastungen, schwierigen Personalsituationen und damit verbundenen Unzufriedenheiten sein“, heißt es in der Bilanz. Dominierten früher Fragen über Pflege-Verträge und die Abrechnungen, beschweren sich die Betroffene oder ihre Vertrauten vermehrt über ihre Helfer, besonders bei der Pflege zu Hause.

Unter den Beschwerdegründen stieg das Thema Sicherheit am stärksten an: Immer mehr beklagen sich über Fehler im Umgang mit Medikamenten, Hygiene-Mängel, dass Schmerzen nicht bemerkt und behandelt werden oder Anordnungen der Ärzte nicht beachtet würden.

In der Hälfte aller Fällen genügte eine Beratung, in der anderen Hälfte wurden die Mitarbeiterinnen der Beschwerdestelle vor Ort tätig. Wenn der Stadtrat zustimmt, soll die Zahl der Mitarbeiter von sechs auf vier reduziert werden – die Stadt muss sparen. 

Die Beschwerdestelle sitzt in der Burgstr. 4. Tel. 089/233 96966, Sprechzeiten: montags 9 bis 12 Uhr, mittwochs 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung.

David Costanzo

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