Zum Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus 2021

Als die Nazis Henry verjagten - Münchner Rabbiner (93) erzählt von seiner Flucht vor 82 Jahren

Passbild stammt von 1938: Münchner Rabbiner (93) erzählt von seiner Flucht vor 82 Jahren
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Das Passbild stammt von 1938. Dem Jahr, als die Familie die Geschäfte verlor.

Rabbiner Dr. Henry G. Brandt wurde 1927 als Heinz Georg in München geboren. Der heute 93-Jährige erzählt von seiner Flucht vor 82 Jahren.

München - Als der zwölfjährige Henry 1939 in Tel Aviv ankommt, denkt er: „Wir sitzen hier gemeinsam im gleichen Boot. Ich helfe Dir, du hilfst mir. So wuchsen wir auf. Das war Freiheit.“ Die Freiheit! Nur kurz zuvor hätte Familie Brandt sie fast verloren. Bis zum letzten Moment wollte Vater Friedrich Brandt es nicht wahrhaben: Seine Heimat Deutschland, für die er im Ersten Weltkrieg als Patriot gekämpft hatte, würde ihn und seine Familie schützen, war er überzeugt.

Aber weit gefehlt. Es wurde bedrohlich – für alle Juden. Die beiden Schwabinger Schuhgeschäfte der Familie Brandt wurden enteignet, die geliebte liberale Hauptsynagoge am Lenbachplatz noch vor der Pogromnacht im November 1938 abgerissen. Mit einem der letzten Schiffe nach Palästina gelingt der Familie die Flucht. Für Henry G. Brandt, der damals noch Heinz-Georg heißt, ist es eine Flucht nach vorn. Ein Abenteuer. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk berichtete der Rabbiner Henry G. Brandt von seinen verschiedenen Leben: seinem Kindheitstraum, Straßenbahnfahrer in München zu werden. Seinem Einsatz als junger Hagana-Kämpfer beim Unabhängigkeitsprozess Israels.

Jüdische Geschichte: Henry G. Brandt erinnert sich unter anderem an die zerstörte Synagoge.

Am Montag berichtet Brandt bei einem Zeitzeugengespräch des Jüdischen Museums über seine Flucht (siehe unten). Die führte ihn als Marktanalyst zu Ford nach England und später zu seiner Berufung als Rabbiner. Über unterschiedliche Länder ging es für ihn zurück nach Bayern. So war er von 2004 bis zum März 2019 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg. Henry G. Brandt ist eine der prägendsten Persönlichkeiten im liberalen Judentum Europas sowie im interkonfessionellen Dialog. Der heute 93-Jährige erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Bayerischen Verdienstorden und ist Ehrenbürger der Stadt Augsburg.

Zeitzeugengespräch

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus lädt das Jüdische Museum am Montag (25. Januar), 19 Uhr, zu einem Zeitzeugengespräch mit Henry G. Brandt ein. Die Online-Veranstaltung findet über Zoom statt. Der Zugangslink wird nach der Anmeldung unter dem Link auf www.evstadtakademie.de zugeschickt.

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