Der wunderbare Rentenbeitrag

Alte Logenstühle verkauft, 10 000 Euro fürs Cuvilliés

München - Selig lächelnd tritt Prinzessin Maria-Christina von Sachsen in den Hofgarten hinaus.

Sie ist die Erste von gut 100 Opernfans, die zwei Original-Logenstühle des Cuvilliés-Theaters ergattern konnte. Dafür war sie bereits um kurz nach 9 Uhr am Samstagvormittag vor dem Kassenraum des Herkulessaals angestanden – eine Dreiviertelstunde, bevor man dort die Türen öffnete. Sie ist Fotografin, förderte lange Jahre beruflich die Künste, wurde 2005 sogar dafür ausgezeichnet. Da ist es ihr eine Herzensangelegenheit, ihren Beitrag zur Restaurierung des Cuvilliés-Theaters zu leisten.

Für 100 Euro pro Stück schickt das Comité Cuvilliés, Förderverein des Theaters und Initiator der Verkaufsaktion, die 50 Jahre alten Sitzmöbel in Rente. Der Gesamterlös kommt komplett der Sanierung des Theaters zugute. „Ich habe so eine Ehrfurcht vor dem Theater – für mich ist es etwas ganz besonderes, ein Stück davon jetzt in meiner Wohnung zu haben“, schwärmt die Prinzessin. Und damit spricht sie den meisten Käufern sicher aus der Seele.

Die langjährige intensive Nutzung der Möbel erkennt man sofort, auch wenn man kein Experte für Opern-Bestuhlung ist: Überall blättert der Lack, gestopfte oder löchrige Polsterungen sind nicht selten, bei einigen Möbeln fehlt sie sogar völlig. Ein paar Stühle ächzen schon bedenklich, wenn man sie nur kritisch anschaut, und auf der Unterseite so mancher Sitzfläche tummeln sich mehrere Generationen von Kaugummis. Trotzdem murrt keiner über den Preis, die Mängel machen den Charme der Antiquität erst aus, bezeugen deren historische Bedeutung – mehr noch als das Zertifikat, das die Echtheit des Stückes bescheinigt. Und wer will, kann schließlich immer noch zum Restaurator gehen. Ans Weiterverkaufen denkt hier zumindest niemand.

Fred Hartmann, Neffe des langjährigen Bayerischen Staatsopern-Intendanten Rudolf Hartmann (1962 – 1967) und selbst Opernregisseur, nimmt mit dem Möbel die Erinnerung an unzählige Inszenierungen im Cuvilliés-Theater in die eigenen vier Wände mit. Er hat gerade mit seinem Freund John Marsteller, Lichtdesigner aus den USA, eine Generalprobe im Herkulessaal mitverfolgt. John besitzt bereits ein paar Stühle aus dem Restaurant in der Metropolitan Opera in New York. „Da passen die doch hervorragend dazu!“

Aber ob die Holzstühle mit der dunkelroten Polsterung zur restlichen Einrichtung passen oder nicht – das ist den meisten egal. „Im Gegenteil“, erklärt Lisa Sommavilla: „Der bewusste Stilbruch als Stilelement, das ist doch cool!“ Lisa ist mit ihrer Schwester da – mit ihren 18 Jahren sind die beiden wohl die jüngsten Stuhljäger, stehen den Oldies aber an Opernleidenschaft in nichts nach. Der dritten Schwester nehmen sie ein weiteres der edlen Teile mit, und gäbe es nicht die Beschränkung von zwei Stühlen pro Käufer, würden sie wahrscheinlich die gesamte Verwandtschaft damit ausstaffieren.

Theresa Appel hat sich in eine der wenigen Doppelsitzbänke verguckt, die zum Verkauf stehen: „Am liebsten hätte ich zwei davon“, seufzt die Studentin, „aber wir sind mit dem Fahrrad da – und da wird der Abtransport der einen Bank schon nicht so einfach.“ Dass ihr Freund gerade keine eigene Wohnung hat und in ihrem Ein-Zimmer-Appartment eigentlich gar kein Platz für das Kleinod ist, stört sie dabei aber überhaupt nicht.Vielleicht hält sie es wie die Physiotherapeutin Karin Kolb. Die ist sich sicher: „Wenn ich zu Hause darauf sitze, wird die Klassik-CD gleich noch besser klingen.“

Robert Schwabe führt die Liebe her: „Meine Freundin und ich haben uns an der Opernkasse kennengelernt. Jetzt ziehen wir gerade in unsere erste gemeinsame Wohnung, und da war klar: So einen Stuhl müssen wir haben!“ Die zukünftige Schwiegermutter bat ihn, ihr auch einen Stuhl mitzubringen. Leider hatte der Redakteur den Ansturm der Opernfreunde unterschätzt und fragt sich nun, ob sie ihm mehr zürnen wird, wenn er ihr einen der wackeligen Restposten mitbringt oder lieber gar keinen. Wir sehen: Ein Möbel wird hier zum Symbol einer jungen Liebe und entscheidet gleichzeitig über deren weiteres Glück…

Den persönlichsten Bezug zu der Bestuhlung hat wohl Monika Völk: Ihr Vater Engelbert war leitender Architekt in der Residenz bei ihrem Wiederaufbau nach dem Krieg und hat selbst an dem Entwurf der Stühle (nach alten Vorlagen) mitgewirkt. Sie hat sich frühzeitig mit einem Brief ans Comité zwei Stühle gesichert, wurde uns von einem Comité-Mitglied berichtet.

Zwei Stunden später sind von 130 rund 100 Stühle verkauft (die „Ladenhüter“ waren wohl zu ramponiert, jetzt entscheidet die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung über deren Zukunft) und die Veranstalter mit den rund 10 000 Euro Gewinn sehr zufrieden. Strahlende Gesichter für Münchens strahlendstes Opernhaus – und ein wunderbarer Rentenbeitrag der Pensions-Polster.

Haakon Nogge

Quelle: tz

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