Drei Fachkräfte packen aus

Altenpflege: Der tägliche Heim-Wahnsinn

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München - Die Enthüllungen von RTL über den Umgang mit Bewohnern im Münchenstift-Heim St. Josef vor einer Woche haben die Pflege-Diskussion neu entfacht. Hier berichten drei Fachkräfte über ihren stressigen (Ex-)Job.

Vernachlässigung, Demütigung, Gewalt. Die Enthüllungen von RTL über den Umgang mit Bewohnern im Münchenstift-Heim St. Josef vor einer Woche (tz berichtete) haben die Pflege-Diskussion erneut entfacht. Zum Tag der Pflegenden fordert die Chefin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe Südost, Marliese Biederbeck: „Unser Beruf muss für den Nachwuchs attraktiv sein, damit wir die Pflege in Zukunft sicherstellen können.“

Berechnungen zufolge werden bis 2030 bayernweit 50 000 Fachkräfte im Gesundheitswesen fehlen – und das bei der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft (siehe unten). Schon jetzt gelangt das Pflegesystem an seine Grenzen. Denn wegen der Überlastung halten es die meisten Kräfte nicht lange aus: Laut Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege BGW liegt die Verweildauer in der Altenpflege bei nur acht Jahren – schon nach der Ausbildung brechen demnach zehn Prozent ab.

Wie schlimm die Zustände in den Altenheimen sind, zeigt auch eine Befragung des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe: Hier gaben 46,8 Prozent der befragten Pfleger an, dass die eigenen Angehörigen, Freunde oder Bekannte nicht im eigenen Arbeitsbereich versorgen lassen würden. Im Schnitt gaben die Befragten an, während einer Schicht für 20 Bewohner verantwortlich zu sein. 37,6 Prozent überlegen demnach, wegen der unangemessenen Personalausstattung den Arbeitsplatz aufzugeben.

Die tz hat mit zwei Münchner Pflegern gesprochen, die aus gesundheitlichen und psychischen Problemen mittlerweile den Job aufgegeben haben. Eine Pflegerin, die noch aktiv ist, erklärt, warum sie trotz der Umstände nicht aufgibt. Das ist die bittere Wahrheit über einen Knochenjob.

Vier Heime - überall gleich schlimm

Hermann Diepold (51) war 16 Jahre lang in Altenheimen. Jetzt sagt er: „Ich kann nicht mehr.“

Der Teufelskreis der Pflege: Der Münchner Hermann Diepold (51) hat 16 Jahre lang versucht, ihn zu durchbrechen. „Ich war als Pfleger und als Wohnbereichsleiter in vier verschiedenen Heimen – überall war’s gleich: Das Personal ist chronisch unterbesetzt mit Fachkräften. Deshalb sind die Mitarbeiter überfordert. Weil sie überarbeitet sind, werden sie dauernd krank – und ständig kündigt jemand. Und so geht das ganze wieder von vorne los!“ Nach über zehn Jahren bei Münchenstift (unter anderem auch im St. Josef-Heim) und sechs Jahren bei einem anderen Träger hat der gelernte Schlosser aufgegeben. „Ich habe damals zum Altenpfleger umgeschult, weil ich etwas mit Menschen machen wollte und mich für Medizin interessiert habe.“ Jetzt ist Diepold körperlich kaputt und völlig ausgebrannt. Er sattelt nun zum gesetzlichen Betreuer um. „Ich habe den Pflegejob geliebt – aber ich kann einfach nicht mehr.“ In der tz packt er aus über den Pflegeberuf. Er sagt: „Die Missstände sind überall gleich.“

Die drei S: Sie stehen für „satt, sauber, still“. Das ist eine gängige Regel unter Pflegern. „Um mehr kann er sich aus Zeitgründen nicht kümmern.“

Dienstpläne: „Es sind immer die gleichen, die 110 Prozent geben und immer die gleichen, die sich drücken.“ Die Gutmütigen müssten dann Lücken füllen: „Acht Tage arbeiten, ein Tag frei, acht Tage arbeiten – das ist keine Seltenheit. Als Wohnbereichsleiter habe ich meistens 24 Tage pro Monat gearbeitet.“

Besetzung: „Wenn in einer Station mit 28 Leuten dreieinhalb Personen – eine Person arbeitet Teilzeit – vorgesehen sind, dann sind in der Realität wegen Kündigungen und Krankschreibungen zwei Personen zuständig. Einmal habe ich alle 28 Personen alleine versorgt.“

Pflegeschüler: Eigentlich sollten Schüler auch in ihrer praktischen Zeit im Heim etwas lernen. „Das geht wegen der Unterbesetzung aber gar nicht. Die werden sofort voll eingesetzt, auch ohne Erfahrung oder Kenntnisse. Viele Schüler sind nach dreieinhalb Jahren Ausbildung schon so überarbeitet, dass sie den Job gar nicht mehr ausüben wollen oder können.“

Schlechtes Personal: Unmotivierte oder ungeeignete Pfleger müssten sich, so Diepold, nicht um ihren Job sorgen. „Die meisten werden eh nicht gekündigt, weil die Leiter froh sind, wenn überhaupt jemand arbeitet.“ Gleiches gelte für Mitarbeiter, die (teils arbeitsbedingt) zuviel Alkohol trinken oder psychische Probleme haben. „Davon gibt es viele im Pflegebereich.“

Ausländische Kollegen: Bis zu 70 Prozent der Pfleger oder Pflegehelfer kämen aus anderen Ländern. „Die sind meist hochmotiviert, aber viele verstehen die Bewohner nicht einmal. Das kann gefährlich werden, wenn ein Bewohner ein gesundheitliches Problem hat.“

Zeitarbeits-Aushilfen: Wenn die Unterbesetzung kurzzeitig ganz gravierend ist, müssen Zeitarbeits-Aushilfen ran. Diepold: „Da kommt es nicht selten vor, dass die aus ganz anderen Branchen kommen und gar keine Ahnung von der Pflege haben.“ Einmal habe ein junger Mann einen Kompressionsverband bei einem Bewohner mit Wassereinlagerungen angelegt, um Thrombose zu vermeiden. „Er hat ihn aber falsch gebunden, so dass Haut dazwischen hervorquoll. Das ist hochgefährlich, weil sich genau da Thromben bilden können, die zur Lungenembolie führen. Gott sei Dank habe ich das rechtzeitig bemerkt. Der Mann sagte nur: Das habe ihm seine Zeitarbeits-Chefin kurz vorher so erklärt.“

Gewalttätige Patienten: „Gerade demente Patienten beleidigen, bespucken, beißen oder schlagen Pfleger oft. Sie meinen das nicht böse. Trotzdem fällt es schwer, nett zu sein, wenn man eine dreiviertel Stunde körperlichen Kampf braucht, um einen Patienten dazu zu bewegen, auf die Toilette zu gehen. Danach bist du fix und fertig.“

Ausreißer: Mittlerweile ist es in deutschen Heimen üblich, dass auch verwirrte Patienten nicht mehr ans Bett fixiert werden, sondern sich frei bewegen dürfen. „Das ist auch gut so“, sagt der ehemalige Pfleger. „Aber bei Unterbesetzung können wir nicht verhindern, dass Patienten unbeaufsichtigt stürzen oder dass Leute auch mal aus dem Heim ausbüchsen. Das kommt bestimmt einmal pro Monat vor“, lautet seine traurige Bilanz.

Protokoll einer Schicht

So war eine typische Frühschicht von Helmut Diepold als Pfleger:

6.15 Uhr: Diensbeginn, Medikamente sortieren

7 bis 8 Uhr: Pflege von mindestens zehn Bewohnern: Waschen, anziehen, zum Frühstück in den Aufenthaltsraum bringen. Für jeden Bewohner bleiben ein paar Minuten. „Oft habe ich die fitten schon vorgebracht und unbeaufsichtigt gelassen – und bin dann zurück zu den anderen Bewohnern gegangen, um die zu pflegen.“ Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, zum Beispiel dass einer schwer stürzt, muss Diepold andere Bewohner teilweise stundenlang im Zimmer warten lassen, bevor sie etwas zu Essen bekommen.

8 Uhr: Allen zehn Personen parallel Medikamente geben, beim Frühstück helfen. Die Bewohner bleiben bis 11 Uhr hier im Aufenthaltsraum sitzen. „So haben wir alle besser im Blick.“

10.30 Uhr: Jetzt sollte die Dokumentation anstehen. Da rühren sich die ersten, die auf Toilette müssen. „Zur Toilette bringen macht weniger Arbeit als Klamotten zu wechseln, wenn sie einnässen.“

11 Uhr: Kurze Besprechung, Medikamente und Mittagessen herrichten, kurze Kaffee- oder Zigarettenpause.

12 Uhr: Mittagessen. Die Bewohner sitzen seit vier Stunden im Aufenthaltsraum. Innerhalb einer Stunde müssen alle zehn Bewohner auf die Toilette und zum Mittagsschlaf ins Bett gebracht werden.

13 Uhr: Übergabe an die Spätschicht

14.30 Uhr: Diepold hatte keine Mittagspause. Eigentlich wäre jetzt Dienstschluss. „Aber oft erkrankt einer oder jemand hat gekündigt. Dann geht es gleich weiter in die Spätschicht bis 21 oder 22 Uhr.“

Sieben Mal am Wochenende ran

Ihr Rücken ist kaputt: Crnoja J. (40)

In ihren härtesten Zeiten musste die Münchnerin Crnoja J. (40) sieben Wochenenden hintereinander arbeiten. „Ich hatte dafür zwar dann unter der Woche frei, aber ich habe meine drei Kinder kaum gesehen.“ Bei der stets schlechten Personallage im Altenheim musste ihr Privatleben immer hinten anstehen. „Mein Rücken ist so kaputt, dass er jetzt operiert werden musste.“ Nach 13 Jahren als Altenpflegerin sucht sie nun einen kaufmännischen Job. „Hauptsache, nichts mehr im sozialen Bereich.“ Die gebürtige Kroatin, die überwiegend in AWO-Einrichtungen arbeitete, hat nicht nur wegen der hohen Belastung aufgegeben. Das Gefühl, den Senioren nicht genug helfen zu können, hat sie zermürbt. Besonders im mittlerweile berüchtigten St. Josef-Heim des Trägers Münchenstift, wo sie drei Monate auf 400 Euro-Basis als Aushilfe gearbeitet hat. „Die Probleme fingen schon bei den einfachen Dingen an: Ständig gab es zu wenig Handtücher und Bettwäsche. Wenn kein Bettlaken da war, haben wir das Bett nicht wechseln können, dann ist es schmutzig geblieben. Waren keine Handtücher da, wurde der Bewohner nicht geduscht. Das kann doch nicht sein!“ Ein weiteres Problem: „Die Bewohner hatten keine Wasserflaschen auf dem Zimmer. Das ist aber enorm wichtig, weil die ohnehin viel zu wenig trinken und es vergessen.“ Die Kommunikation sei sehr schlecht gewesen. „Es gab kurze Befehle – und du musstest schauen, wie du klarkommst.“ Weil Crnoja J. einen lang vorher geplanten Urlaub wahrgenommen hat, sei ihr schließlich dort gekündigt worden. „Das hätte ich aber ohnehin gemacht.“

"Viele Mitarbeiter werden ausgenutzt und erpresst"

Sieben Altenheime im Raum München und Pfaffenhofen in zwölf Jahren – die engagierte Altenpflegerin Monika Etterer (51) aus Jetzingen (Lkr. Pfaffenhofen an der Ilm) hat es in vielen Einrichtungen einfach nicht mehr ausgehalten. „Entweder wurden die Bewohner schlecht behandelt oder die Angestellten – das konnte ich nicht mitansehen.“

Sie erinnert sich: „Teilweise werden Bewohner wie Idioten oder Kinder behandelt – oder sie werden nicht ernstgenommen“, klagt Etterer an. Einmal habe ein Mann tagelang wegen Schmerzen in der Hüfte geklagt – am Ende kam raus, dass diese gebrochen war. „In einer anderen Einrichtung habe ich erlebt, dass drei Bewohner herausgeworfen wurden, nur weil der Leitung die Angehörigen zu aufmüpfig waren.“ Ein großes Problem sieht die Altenpflegerin darin, dass Heimleitungen meist mit fachfremden Führungskräften besetzt werden, etwa Betriebswirtschaftlern. „Die interessieren sich oft nur für Zahlen und kommen nicht mal auf die Station, wenn es Probleme gibt.“

Besonders schlimm sei, dass viele Vorgesetzte mit Druck und Erpressung arbeiten würden. „In der Pflege arbeiten viele Leute, die auf jeden Cent angewiesen sind, zum Beispiel alleinerziehende Mütter. Oder Ausländer, die um ihre Aufenthaltserlaubnis fürchten. Diese Mitarbeiter werden regelrecht ausgenutzt.“ So habe einmal eine alleinerziehende Mutter ständig einspringen müssen – obwohl ihr Kind nicht versorgt war. „Ihr wurde gesagt, dass sie sonst gehen kann.“

Monika Etterer hat sich so etwas nicht bieten lassen. „Ich mache den Mund auf. Und zur Not rufe ich die Heimaufsicht an.“ Sie empfiehlt ihren Kollegen, sich zu wehren. „Es gibt auch gute Heime, in denen es besser läuft. Ich habe jetzt eines in Schönbrunn gefunden. Pfleger sollten nicht aufgeben – den Bewohnern zuliebe.“

Pflege in Zahlen

9282 Heimplätze in 52 Einrichtungen gibt es laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Amtes in München – die meisten gibt es in Schwabing-Freimann (835). Die Zahl der Leistungsempfänger im Rahmen der sozialen Pflegeversicherung stieg in Bayern seit 1999 um insgesamt 12 Prozent auf fast 330 000 Personen Ende 2011. Der Anteil der Pflegebedürftigen der Pflegestufe III ist mit 14 Prozent in Bayern im deutschlandweiten Vergleich hoch. Aber nur die wenigsten von ihnen leben in Heimen: 62 Prozent der Deutschen, die pflegebedürftige Angehörige haben, kümmern sich selbst um die Betreuung. Laut Berechnungen werden Raum München im Jahr 2031 30,9 Prozent mehr Senioren über 65 Jahre leben als noch 2011.

Nina Bautz

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