Personal-Mangel

In Münchner Pflegeheimen herrscht Notstand!

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Siegfried Benker ist der Chef von Münchenstift, der größten Pflegeeinrichtung in München.

München - Siegfried Benker ist der Chef von Münchenstift, mit rund 2900 Plätzen die größte Pflegeeinrichtung in der Stadt. Das tz-Interview über die größten Probleme:

Welche Schulnote geben Sie der Pflege in München?

Siegfried Benker: Eine 2.

Warum?

Benker: Die Pflege funktioniert gut, weil sich die Landeshauptstadt in den vergangenen 20 Jahren sehr intensiv um das Thema gekümmert hat. Hervorzuheben sind Modell-Projekte wie die heiminterne Tagesbetreuung. Jährlich wird die Situation in der Pflegekonferenz trägerübergreifend diskutiert. Dazu gibt es viele ambulante Dienste und genügend stationäre Pflegeheime für alle Münchner.

Aber es gibt auch Probleme. Was sind die größten? 

Benker: Etwa das Seniorenwohnen. Wer eine kleine Rente hat, kann sich die Wohnung und den ambulanten Pflegedienst teils nicht leisten. Viele wollen, so lange es geht, zuhause bleiben. Dazu fehlen aber barrierefreie Wohnungen. Der Druck vom Wohnungsmarkt trifft gerade Senioren massiv.

"Ohne Zuwanderung könnten wir Pflege nicht mehr aufrecht erhalten"

Auch die stationäre Pflege verändert sich …

Benker: Viele ziehen so spät es geht in die Pflege- oder Altenheime ein – im Schnitt sind sie 83 Jahre alt, Tendenz steigend. Mit der Folge, dass viele Hochbetagte bereits krank oder dement sind. Das verändert auch den Charakter der Häuser, denn viele kommen nicht mehr mit einer hohen Lebenserwartung. Es wird immer schwieriger, der Lebenswelt der Bewohner gerecht zu werden, wenn sie nur relativ kurze Zeit da sind. Auch für das Personal ist das eine extreme Belastung.

Womit wir beim Thema Pflegenotstand wären.

Benker: Alle reden davon, aber er ist längst da. Ohne Zuwanderung könnten wir Pflege nicht mehr aufrecht erhalten. Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind Migranten, sie kommen aus 72 Ländern. Bei unseren 200 Auszubildenden sind es drei Viertel. Wir suchen europaweit nach Fachpflegekräften, auch mithilfe von Agenturen. Entscheidend für den Notstand ist die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung des Berufs.

Tagespflege gibt es in München noch selten

Der zudem sehr belastend ist … 

Benker: Das stimmt, körperlich und seelisch. Einige hören nach Jahren auf, weil sie es nicht mehr aushalten. Die Fluktuation ist hoch.

Dennoch sind Heimplätze sehr begehrt. Hat jeder Interessent einen Anspruch?

Benker: Wir könnten innerhalb von einem Tag einen Pflegeplatz zuweisen. In München ist für jeden gesorgt. Schwieriger wird es, wenn gesonderte Bedingungen nötig sind: ein geschützter Heimplatz, der in einem bestimmten Stadtteil und einem bestimmten Haus liegen soll.

Was ist mit Tagespflege?

Benker: Momentan ist dieses Modell in München selten, aber hat großes Potenzial. Es wird stark nachgefragt, bringt Entlastung für betreuende Angehörige, aber für Träger rechnet es sich kaum. Diese Lücke könnte die Pflegeversicherung schließen.

Interview: Andreas Thieme

Mein Leben in der Pflege

Als sich Katharina Atzberger vor gut drei Jahren das Sprunggelenk brach, konnte sie nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben. „Die liegt im vierten Stock. Mit dem Rollstuhl hätte ich mich schwer getan“, erzählt die 90-Jährige. Deshalb zog sie ins St.-Josefs-Heim in Haidhausen. „Ich habe 47 Jahre in diesem Viertel gewohnt und wollte nicht weg. Einige Bekannte leben im gleichen Heim.“

Katharina Atzberger lebt im St.-Josefs-Heim in Haidhausen.

Manche trifft sie in der Therapie am Montag. Dort schulen die Senioren mit Bällen ihre Beweglichkeit. Katharina Atzberger fällt in die Pflegestufe I. Mit dem Personal im St.-Josefs-Heim ist sie zufrieden. „Als ich vor kurzem krank war, hat ständig jemand nach mir geschaut.“ Morgens hilft ihr eine Pflegekraft beim Anziehen.

Danach beschäftigt sich die Rentnerin mit Zeitung lesen und fernsehen. „Wir in Bayern ist meine Lieblingssendung. Die verpasse ich nie“, sagt Atzberger. Am meisten freut sie sich, wenn ihre Großnichte sie besucht. „Mit ihr gehe ich Eis essen oder einkaufen. So komme ich auch mal raus. Mehr kann ich mir nicht wünschen“, sagt sie.

Beate Winterer

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