Einschmelzen, aufbewahren, verkaufen?

Das alte Besteck: Mehr wert als nur Silber

+
Dietmar Gaiser (li.) mit Manuela Herold beim Kunst- und Antiquitätenexperten Edmund Löwe

München - Sollte man seine alten Silberbestecke einfach einschmelzen lassen oder nicht? Diese Frage bewegt eine tz-Leserin, und wir versuchen, ihr bei der Entscheidung zu helfen.

Der Preis ist hoch wie nie, also boomt das Geschäft. Gold- und Silberankäufer hatten noch nie so viel zu tun wie zur Zeit. Aber sollte man seine alten Silberbestecke einfach einschmelzen lassen oder nicht? Diese Frage bewegte eine tz-Leserin, und wir versuchten, ihr bei der Entscheidung zu helfen.

Wichtig ist es, zuerst zu klären, ob es sich bei dem Silbergegenstand um eine Antiquität handelt oder nicht. Bei Antiquitäten kommt nämlich zum Materialwert auch noch der Sammlerwert. Aber selbst wenn das geklärt ist und man weiß, dass der Gegenstand keinen Antiquitäten- oder künstlerischen Wert hat, sollte man nicht gleich das erstbeste

Kaufangebot annehmen. Vergleichen lohnt sich. Die Verdienst-Margen bei den einzelnen Ankäufern sind nämlich sehr unterschiedlich. Um sich über den Materialwert wenigstens ungefähr klar zu werden, kann man ihn zunächst einmal selbst ausrechnen. Wenn das gute Stück einen Silberstempel hat, ist das sehr einfach. Den aktuellen Silberpreis erfährt man im Internet, der Stempel sagt, wie hoch der Silbergehalt ist, und der Rest ist eine einfache Rechnung. Großes Glück hat man, wenn es sich um Sterlingsilber handelt. Dann besteht die Legierung sogar aus 92,5 Prozent reinem Silber.

Aber auch wenn man das alles weiß, sollte man sich den Verkauf von Silbergegenständen genau überlegen. Edelmetalle wie Silber und Gold steigen möglicherweise weiter im Preis. Aus ihnen wird nämlich nicht nur Schmuck gemacht, man braucht sie auch in der Industrie. Es ist also die Frage, was auf die Dauer mehr bringt, der Silberlöffel in der Schublade oder das Geld auf dem Konto. Außerdem könnte man einen schönen Löffel an den Feiertagen benutzen. Auch das macht Spaß.

Ihr Dietmar Gaiser

Leider ist meine Oma verstorben. Ich habe sie sehr gemocht. Als ich ihre Wohnung ausräumte, fand ich eine Menge altes Silberbesteck. Als berufstätige Frau muss mein Besteck spülmaschinentauglich sein. Ich weiß also nicht, was ich damit anfangen soll. Da ich dauernd höre, die Silberpreise seien so hoch, überlege ich, ob ich es zum Einschmelzen gebe. Aber das wäre natürlich falsch, wenn die Bestecke mehr wert wären, als nur den Materialpreis. Wer kann mir das sagen?

Manuela Herold (37), Kosmetikerin aus München

Für solche Fälle steht dem Team des Bürgeranwaltes Edmund Löwe zur Verfügung. Er ist bekannt durch seine Tätigkeit als Gutachter und durch seine Auftritte bei Kunst und Krempel im Bayerischen Fernsehen. Als wir Löwe die Bestecke brachten, fing er zuerst einmal an zu sortieren. „Die meisten Bestecke nach der Mitte des 19. Jahrhunderts haben nur noch Materialwert, aber hier finde ich ein Jugendstilbesteck, das besonders schön gearbeitet ist, und das es wert ist, genauer untersucht zu werden“, urteilte der Fachmann.

Löwes Aufmerksamkeit galt einem kompletten Satz Fischbesteck für zwölf Personen. Der Stempel wies es als 800er Silber aus. Dazu kommt noch eine Vergoldung in den vorderen Bereichen, die aber laut Löwe zu dünn ist, um viel wert zu sein. Unabhängig vom Material beeindruckte den Antiquitäten-Fachmann die künstlerische Qualität des Bestecks: „Sehen Sie hier die wunderbaren Halbreliefs mit Fischmotiven?“, fragte er Manuela Herold. Außerdem begeisterte ihn die Vollständigkeit: „Wenn nur ein Fischmesser oder eine Fischgabel fehlt, sinkt der Wert für den Sammler stark.“ Natürlich wollten wir wissen, was das Besteck wert ist. Löwe: „So ein Satz Messer und Gabeln bringt in einer Auktion zwischen 1200 und 1800 Euro.“

Das überraschte Manuela Herold natürlich: „Jetzt bin ich froh, dass ich den Bürgeranwalt um Hilfe gebeten habe, bevor ich das Besteck zum Einschmelzen bringe!“

Löwe gab uns noch einen allgemeinen Rat mit auf den Weg: „Wenn Silbergegenstände vor 1800 hergestellt wurden, kann man oft davon ausgehen, dass sie auch einen Wert als Antiquität haben. Solche Gegenstände also auf alle Fälle begutachten lassen, bevor man sie einschmilzt.“

Manuela Herold entschloss sich nach der Beratung, das Fischbesteck nicht nur aufzuheben, sondern auch an den Feiertagen zu benutzen: „Das bin ich meiner Oma schuldig.“

Auch interessant

Meistgelesen

Kommentare