Tanz der Toleranz im Hofbräuhaus

20 Jahre schwule Schuhplattlergruppe: Manches wäre damals undenkbar gewesen

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Immer ein Blickfang: Die Schwuhplattler in Aktion, hier auf dem Lenbachplatz beim 30. Christopher Street Day.

Traditionsbewusst – heimatverbunden – schwul. Als Sepp Stückl vor 20 Jahren mit ein paar Freunden Deutschlands erste homosexuelle Schuhplattlergruppe gründete, war der Aufschrei bei den Traditionsvereinen groß. 

Heute sind die Schwuhplatter weithin akzeptiert und erfolgreicher denn je. Am Wochenende feiert der Münchner Verein sein 20-jähriges Bestehen mit einem großen Volkstanz im Hofbräuhaus. Die Veranstaltung ist restlos ausverkauft. Warum er sich trotzdem wünscht, dass es seinen Verein gar nicht mehr bräuchte, erzählt der 65-jährige Vereinsvorstand im Interview mit dem Münchner Merkur.

Herr Stückl, Trachtenvereine sind in der Regel eher konservativ. Wie passen die Schwuhplattler da dazu?

Vor 20 Jahren aus Sicht der konventionellen Gruppen gar nicht. Sie hatten Angst, dass wir sie veräppeln und uns über ihre Werte und Traditionen lustig machen wollen. Sie haben aber schnell gemerkt, dass es uns ernst ist. Wir treffen uns regelmäßig zum Proben in der Kirche St. Willibrord an der Blumenstraße und haben Auftritte in der ganzen Welt: Philadelphia, Zürich, Amsterdam, Wien.

Und daheim?

Zweimal im Jahr laden wir zum großen Volkstanz am Bavariapark. Der Andrang ist jedes Mal riesig. Seit 2001 sind wir ein eingetragener Verein mit insgesamt über 100 Mitgliedern. Darunter ungefähr 20 Aktive.

Wer kann bei Ihnen mitmachen?

Jeder ist willkommen. Wir haben auch drei Frauen und ein paar heterosexuelle Männer mit dabei. Sie gehen einfach gern tanzen.

Der konventionelle Schuhplattler wird paarweise von Mann und Frau getanzt.

Ja. Der Schuhplattler zählt zu den Werbetänzen: Der Bursche wirbt durch Springen, Tanzen und Schlagen um die Gunst des Mädchens. Aber bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der reine Burschenplattler.

Wie kam es vor 20 Jahren zur Gründung der Schwuhplattler?

Ich bin in Uffing am Staffelsee aufgewachsen, wo ich auch heute noch lebe. Ich war von Kindesbeinen an im Trachtenverein. Mein Coming-out hatte ich sehr spät, erst mit 28. Es war auch nicht ganz freiwillig. Sich zu outen war in diesem konservativen Umfeld schwierig, nach dem Motto: Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Als mir klar war, dass ich schwul bin, ergriff ich die Flucht nach München. Das haben damals viele auf dem Land so gemacht. In München habe ich in der Schwulenszene immer mehr Leute getroffen, die an Plattln und Volkstanz interessiert waren. Und so haben wir vor genau 20 Jahren, am ersten Montag nach dem Oktoberfest, unsere erste Plattlprobe abgehalten.

War sie erfolgreich?

Auf jeden Fall. Schon ein Jahr später sind wir auf dem Sommertollwood aufgetreten. Wir hatten Anfragen aus dem ganzen Umland. Noch heute kommt einer extra zu den Proben aus Düsseldorf. Manche können erst durch uns Tradition leben, die Schwuhplatter sind für sie Heimat geworden. Bei uns können sie ganz offen und ungezwungen sein. Ich denke, für einige waren wir schon ein bisschen die Coming-out-Gruppe. Die Gruppendynamik hat ihnen Sicherheit und Kraft gegeben.

Ist es heute immer noch so schwierig, sich zu outen?

In 20 Jahren hat sich sehr viel zum Positiven verändert. Ich denke, die Einführung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft im Jahr 2001 hat viel dazu beigetragen. Damals haben viele im Geheimen lebende Schwule den Schritt gewagt und sich verpartnern lassen. Wir sind auf einem guten Weg. Ein Mitglied von uns ist zum Beispiel gerade zum Vorstand eines konventionellen Trachtenvereins gewählt worden. Das freut mich sehr und wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Aber dennoch: Wenn ein schwules Paar ganz normal bei einem Plattlverein, einem Heimat- oder Vereinsabend auftauchen könnte, bräuchten wir unseren Verein gar nicht mehr. Das wäre mein Hauptwunsch. Aber so weit sind wir noch nicht.

Interview: Daniela Schmitt

Offene Plattlprobe

Die Schwuhplatter treffen sich alle 14 Tage zur Plattlprobe in der Kirche St. Willibrord, Blumenstraße 36. Die nächste Probe ist am Freitag, 20. Oktober, 19 Uhr. Interessierte sind willkommen.

Lesen Sie den viel beachteten Gastbeitrag „München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie“. Und lesen Sie unsere Geschichte „Ehe für alle: Zwei Münchner erzählen, was das für sie bedeutet“.

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