Händler am Marienhof leiden

Baggern und bangen: So läuft‘s auf der Stammstrecken-Baustelle

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Lärm, Dreck und Sperrungen: Die XXL-Baustelle am Marienhof nervt die Händler.

Am Marienhof wird jetzt gebaut. Für die zweite Stammstrecke müssen die Händler einige Beeinträchtigungen in Lauf nehmen. Wir haben uns vor Ort umgeschaut.

München - An die Schaufeln, fertig, los! Die Bauarbeiten für das Mammutprojekt 2. Stammstrecke haben begonnen. Auch, wenn alles erst 2026 fertig wird, geht’s schon jetzt richtig zur Sache. Vor allem am Marienhof, im Herzen der Stadt. Hier laufen grad die Vorarbeiten - und schon das ist ein Riesen-Akt. Eigentlich logisch, denn: Die zweite Stammstrecke ist ein Großprojekt - das größte, das in München derzeit läuft. Über drei Milliarden Euro kostet der Tunnel, der das Münchner S-Bahn-Netz entlasten soll. Dann werden viele Pendler aufatmen - aber jetzt gibt’s erst mal Sorgen. Vor allem die Geschäftsleute rund um den Marienhof machen sich Gedanken. Denn: Durch die Baustelle verlieren sie Kunden, sagen sie. Die tz hat die Händler beim Baustellenrundgang besucht.

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Bagger, Schaufeln und Rohre auf Liegewiese am Marienhof

Bagger, Schaufeln und Rohre versperren den Münchnern seit März die Liegewiese am Marienhof. Wie geht es seitdem voran? „Wir befinden uns noch in den Vorabmaßnahmen“, sagt Projektingenieur Ulrich Axmann. Der Marienhof diene momentan nur als Lagerfläche, so Inge Miethaner, Bahn-Sprecherin für Großprojekte in München. „Die Nebenstraßen - also Diener-, Schrammer- und Weinstraße - sind bis zum Frühjahr 2018 die wirklichen Baustellen“, sagt Miethaner.

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Denn: Gas, Strom, Wasser und Fernkälteleitungen liegen hier (wie meistens) direkt unter dem Gehweg. Genau dort soll aber im nächsten Frühjahr die bis zu viereinhalb Meter hohe Lärmschutzwand für die Baustelle stehen. „Zuerst müssen alle Leitungen verlegt werden, dann kommt die Lärmschutzwand - und innerhalb der Wand werden wir dann die Baugrube bis zu 40 Meter tief ausheben“, so die Sprecherin. In der Dienerstraße sind die Leitungen schon verlegt.

Hier wird gegraben und gebaggert: Die Bauarbeiter sind täglich im Einsatz.

Leitungen werden von verschiedenen Anbietern verlegt

Sebastian Weiß, Projektleiter der Firma Kassecker, erklärt: „Wir haben etwa drei Monate gebraucht, um die Anschlüsse nach außen zu verlegen.“ Dabei werden Leitungen von verschiedenen Anbietern gleichzeitig verlegt. Damit die Arbeiter in der Grube geschützt sind, spannt man eine Plattform zwischen die Erdwände. „Sonst könnten die Wände einstürzen“, so Weiß. Lose Mauerteile saugt ein so genannter Saugbagger ein. Sylvio Kenzler bedient das außergewöhnliche Gerät per Funk. Auf dem Marienhof bleibt der Bauschutt so lange liegen, bis die Gruben wieder zugemacht werden.

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Immer mit vor Ort ist das Archäologenteam um Doktor Barbara Wührer. „Der Marienhof ist Teil der ältesten Fläche Münchens“, so die Grabungsleitung. Bei all dem Lärm und Schmutz hofft ihr Team auf interessante Entdeckungen.

Umfrage unter Händlern

Gerlinde Klinger ist Obstverkäuferin am Marienhof - zweimal im Jahr für jeweils eine Woche. Für sie ist die Baustelle eine Notwendigkeit. „Jetzt schimpfen die Leute, aber in ein paar Jahren werden sich alle über die zweite Stammstrecke freuen“, sagt sie. „Man muss Opfer bringen.“ Und der Lärm? „Den finde ich nur halb so schlimm wie die Straßenmusiker mit ihren immer gleichen Liedern“, sagt Klinger. „Die Einbußen spüren wir schon ein bisschen, aber nicht so, dass wir verhungern müssen.“

Gerlinde Klinger verkauft Obst.

Anneliese Völbel (76) steht auf einem breiten Holzbrett über einer Baugrube. Das ist der einzige Weg, der die Kunden zur Kunst-Galerie Otto am Marienhof führt. „Wegen der Baustelle laufen die Leute viel zu weit auf der anderen Straßenseite“, sagt die Verkäuferin. Sie hofft, dass die Arbeiten schnell fertig werden. „Auch wenn der Hauptlärm vorbei ist - es ist trotzdem laut, wenn wir lüften.“ Laufkundschaft sei in der letzten Zeit spürbar weniger geworden. Völbel: „Ehrlich gesagt, hat uns die WM 2006 weniger gestört als die Baustelle jetzt.“ Aber die Münchnerin sieht in dem Großprojekt nicht den einzigen Grund für weniger Kundschaft: „Bilder sind bei jüngeren Leuten einfach nicht mehr so beliebt.“

Anneliese Völbel lädt in die Kunst-Galerie Otto am Marienhof.

Auch im Schuhgeschäft Brunate macht sich die Baustelle bemerkbar. Verkäuferin Sabina Sokac sagt: „Wir merken schon einen Unterschied.“ Vor allem Touristen und ältere Kunden würden durch die Baustelle abgeschreckt. Die Laufkundschaft sei weniger geworden. Die Stammkundschaft kämpfe sich durch die blockierten Wege. Und in die Schaufensterauslage könne man auch nur mit Mühe schauen. „Es nervt, dass wir nicht wissen, wann was gemacht wird“, so Sokac. „Heute konnte zwischen zehn und halb zwölf keiner rein, weil vor der Tür gearbeitet wurde…“

Sabina Sokac steht vor dem Schuhgeschäft Brunate.

Stichwort: Die zweite Stammstrecke

Die zweite Stammstrecke soll eine Art Bypass sein, der das Münchner S-Bahn-Netz vor dem Infarkt bewahrt. Die Fakten: bis zu 40 Meter unter der Erde, drei neue Haltestellen (Hauptbahnhof, Marienhof, Ostbahnhof), voraussichtlich 3,85 Milliarden Euro teuer. Wenn der Tunnel fertig ist, werden mehr S-Bahnen durch die Innenstadt fahren können, die Wartezeiten sollen kürzer werden. Befürworter sagen, das Projekt sei wegen der schon heute 800 000 Pendler dringend nötig. Kritiker sind aber skeptisch: Das Projekt sei viel zu teuer und werde keine echte Entlastung bringen.

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Altstadt/Lehel – mein Viertel“.

Paulina Demmer

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