Wie die Bettel-Banden organisiert sind

Das Geschäft mit dem Mitleid

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Bettler auf der Bayerstraße: Viele von ihnen gehören nach Angaben der Polizei Banden an, die vor allem Behinderte auf die Straße schicken. Reich werden dabei aber nur die Banden-Chefs.

München - Wer in der Innenstadt unterwegs ist, trifft vielerorts auf Bettler. Viele von ihnen gehören laut Polizei straff organisierten Banden aus Osteuropa an. Das Geld, das sie einnehmen, lande bei den Banden-Chefs. Stadt und Polizei können nicht viel tun.

Eine zierliche Frau sitzt auf dem Bürgersteig und stimmt eine Melodie an. Auf ihrem Schoß ein Bub, der sich in ihrem Rock verkriecht. Das Lied in einer fremden Sprache scheint von Kummer, Leid und einem trostlosen Leben zu erzählen. Noch bevor die letzten Takte verklungen sind, springt der Bub auf, öffnet seine Handflächen und bittet Passanten um Geld.

Solche Szenen lassen sich jeden Tag in der Innenstadt beobachten. Besonders in der Nähe des Hauptbahnhofs und in der Altstadt sind immer mehr Bettler unterwegs. Zwar habe man keine konkreten Zahlen, sagt Polizeisprecher Damian Kania, doch der Anstieg sei nicht zu übersehen. Dahinter stecken laut Kania oft gut organisierte Banden aus Rumänien und Bulgarien. Deren Masche ist perfide: Oft werden Kinder und Behinderte auf die Straße geschickt, die besonders viel Mitleid erregen sollen. „Wir vermuten, dass die Leute von Mittelsmännern hertransportiert werden“, sagt der Polizeisprecher. „Die Bettler müssen dann auf der Straße die Hände aufhalten, sehen aber später nichts von dem Geld – und jemand anderes macht sich ein schönes Leben davon.“ Diesen Missbrauch wolle man unterbinden.

Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Grundsätzlich ist Betteln in München nur in der Fußgängerzone verboten. „Gegen lokale Bettler, die niemanden stören, gehen wir nicht vor“, bestätigt Kania. Anders sehe es aus, wenn Bettler sich aggressiv verhalten und Passanten bedrängen würden.

Genau das erleben die Mitarbeiter des Filmcafés „35 Millimeter“ an der Bayerstraße nach eigenem Bekunden Tag für Tag. „Unsere Gäste werden penetrant um Geld angegangen und fühlen sich dadurch belästigt“, erzählt Kellner Zdenco Anusic. „Wenn man die Leute dann darauf anspricht, kommt es schon vor, dass man geschubst oder bespuckt wird.“ Platzverweise brächten nicht viel. „Man geht kurz rein, kommt wieder raus, und ein anderer Bettler steht da.“ Seine Kollegen hätten schon öfter Busse mit rumänischen Kennzeichen beobachtet, die die Leute in der Nähe des Lokals abliefern, berichtet Anusic. „Die haben sich dann in bestimmten Bereichen zu bewegen.“ Der Kellner spricht von einem Image-Schaden für die gesamte Straße.

Ähnliches berichten Anwohner und Geschäftsleute aus der Altstadt. Florian Fackler von der Firma Holz-Leute am Viktualienmarkt bezeichnete die Zustände in der jüngsten Sitzung des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel als „untragbar“. Jeden Morgen würden Menschen in Kleinbussen „herangekarrt und ausgesetzt“. Es handele sich offenbar um organisierte Banden aus Osteuropa in der Art eines „Zuhältersystems“, so Fackler. Ein Anwohner berichtete, er habe zwei Frauen beobachtet, die Bettlern vorgefertigte Karten mit der Aufschrift „Ich habe Hunger Bitte Hilfe Danke“ übergeben hätten. Wolfgang Fischer vom Verein „CityPartner“ bekräftigte: „Das Phänomen nimmt deutlich zu.“ Man habe es hier mit „organisierter Kriminalität“ zu tun.

Aggressives Betteln stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Hier kann die Polizei eingreifen. Ebenso beim organisierten Betteln. „Wenn unsere Beamten beobachten, dass Struktur dahintersteckt, werden wir aktiv“, sagt Sprecher Kania. Das heißt, die Polizei kann Bußgeldbescheide erlassen. Meistens werden die Bußgelder in Höhe der Bettel-Einnahmen verhängt – und diese dann direkt einbehalten. Ist absehbar, dass Bußgelder nicht bezahlt werden, kann das Amtsgericht im äußersten Fall auch Erzwingungshaft anordnen.

„Aber es spricht sich natürlich rum, dass die Polizei kontrolliert“, sagt Daniela Schlegel vom Kreisverwaltungsreferat (KVR). Die Einnahmen würden einfach zwischendurch abgeholt, damit die Polizei möglichst wenig beschlagnahmen kann. „Wir können eigentlich relativ wenig machen“, räumt Schlegel ein. Kania sieht das anders. Das Geld einzukassieren, sei „immerhin etwas“, findet der Polizeisprecher. „Vielleicht lohnt es sich irgendwann nicht mehr für die Hintermänner.“

Im Sozialreferat verweist man darauf, dass es sich beim „Phänomen ,Betteln‘ nicht um ein reines Münchner Problem, sondern um ein deutschlandweites“ handelt. „In München befinden wir uns noch auf einem relativ niedrigen Niveau“, meint KVR-Sprecherin Daniela Schlegel. „Aber das ist ein ständiges Thema, an dem wir dranbleiben.“

Die CSU-Stadtratsfraktion hat nun den Antrag gestellt, die Satzung, die das Betteln in der Fußgängerzone verbietet, auszuweiten. Sie soll demnach auch für das Tal, die Sendlinger Straße, den Sendlinger-Tor-Platz, die Dienerstraße, die Altenhofstraße, die Maximilianstraße von Max-Joseph-Platz bis Altstadtring sowie die Passage zwischen Altenhofstraße und Ledererstraße gelten.

Das Caritas-Zentrum Innenstadt wirbt derweil um Verständnis. Nicht alle Bettler aus Rumänien oder Bulgarien seien organisiert. „Manche Leute haben hier auch Arbeit, aber das Geld reicht nicht“, sagt Caritas-Mitarbeiter Alexander Thal, der als sozialer Berater jeden Tag mit den Problemen der Migranten konfrontiert wird. „Da gehen dann die Großeltern, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, auf die Straße zum Betteln.“

Thal plädiert dafür, nur Bettlern etwas zu geben, die man regelmäßig sehe. „Dann kann man davon ausgehen, dass sie hier leben.“ Eine dauerhafte Lösung des Problems kann sich Thal nur auf EU-Ebene vorstellen. „Betteln ist für niemanden eine Art zu leben.“

Janina Ventker und Klaus Vick

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